Soziale Demokratie heute

Blog von Thomas Reis

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Was wir aus dem Erfolg der Piraten lernen müssen

Geschrieben von Thomas Reis - 19/05/2012

Es klingt nach einem Rätsel: Eine Landtagswahl nach der anderen findet statt und die Piratenpartei landet einen Überraschungserfolg nach dem anderen. Scheinbar rätselhaft ist dieser Erfolg vor allem deswegen, weil die Piraten nicht mit einem wahrnehmbaren Programm antreten und viele ihrer Kandidaten offensichtlich selbst von ihrem Erfolg am meisten überrumpelt sind. Den Eindruck erweckt es zumindest, wenn frisch gewählte Abgeordnete von Landtagen oder Senaten auf Fragen nach den Themen, die sie mit ihrem Mandat anpacken möchten, außer den Themen „Freiheit im Internet“, „Urheberrecht“ und „mehr direkte Demokratie“ wenig konkrete Antworten geben. Zu Problemen wie Staatsverschuldung, Eurokrise, Arbeitslosigkeit, einseitiger Verteilung von Vermögen, Klimaschutz, Sicherung der Energiewende oder was zur Zeit sonst noch so alles auf der durchschnittlichen Politikerseele lasten sollte, hat die Piratenpartei keine eindeutige Haltung. Warum, so fragt man sich, haben die einen solchen Erfolg? Einen Erfolg, der – Ausnahme NRW – regierungsfähige Mehrheiten jenseits großer Koalitionen oftmals verhindern.

Die etwas andere Protestpartei

Den Wählerinnen und Wählern fehlenden Weitblick und eine bloße Protesthaltung vorzuwerfen wäre aus Sicht der etablierten Parteien nachvollziehbar, aber billig. Immerhin profitiert mit den Piraten eine politische Formation von der Unzufriedenheit der Menschen, die – bislang – mit extremistischen Positionen rechts oder links nichts am Hut hat. Das radikal andere der Piraten gegenüber den etablierten Parteien ist eher ihre Arbeitsweise, die sich wohl aufgrund ihrer Affinität zu den neu entstehenden internetbasierten Kommunikationsformen erklärt: Dialogorientiert, basisdemokratisch und cloudgestützt (Wissen ist kein Privileg Einzelner sondern wird von allen mit allen geteilt).

Die Überzeugungskraft der etablierten Parteien schwindet

Diese radikal andere Arbeitsweise als Erklärungsansatz für den Erfolg der Piraten zu wählen, während konkrete Standpunkte zu aktuell drängenden Problemen hierfür weitestgehend in den Hintergrund treten, bedeutet indes auch eine Aussage zu den Standpunkten der etablierten Parteien zu eben jenen Problemen. Diese Standpunkte sind offensichtlich für einen nennenswerten Anteil der Wahlbevölkerung (aktuell immerhin um die acht Prozent, potentiell wohl noch deutlich mehr) kein Argument dafür, eine der etablierten Parteien zu wählen. Das bedeutet, für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung hat keine der etablierten Parteien, weder Unionsparteien, noch Sozialdemokraten, Grüne oder Freidemokraten überzeugende Antworten auf die aktuellen Probleme und die Linkspartei kann davon, anders als in den vergangenen Jahren, nicht profitieren. Das muss zu Denken geben.

Die Welt verändert sich – bekommen wir das mit?

Ich meine, eine naheliegende Antwort auf das Rätsel des Erfolgs der Piraten und die schwindende Überzeugungskraft der etablierten Parteien sind die enormen Auswirkungen auf unser tägliches Leben, die durch die rasante Entwicklung der Rechenleistung von Computern und die vielen Möglichkeiten, das neu entstandene Potential zu nutzen entstehen. In dieser geradezu revolutionär sich ändernden Welt verlieren die alten Gewissheiten erheblich an Überzeugungskraft. Soll sich in dieser Umbruchsituation unter den Menschen nicht lähmende Verunsicherung breit machen, müssen es meines Erachtens aber gerade die etablierten Parteien sein, die Orientierung bieten. Das kann allerdings nicht gelingen, wenn man vor den Veränderungen, die sich vor uns allen abspielen, die Augen verschließt. Genau hier sehe ich bei allen etablierten Parteien Nachholbedarf. Es kommt dabei nicht darauf an, alle bisher vertretenen Positionen über den Haufen zu werfen, sondern allgemeine Grundsätze zu formulieren, auf deren Grundlage dann für die veränderten äußeren Bedingungen die Regeln des Zusammenlebens neu definiert werden können. Einen konkreten Vorschlag für solche allgemeinen Grundsätze habe ich in Bezug auf ein Wirtschafts- und Sozialsystem in Teil XXIII meiner Überlegungen zum Problem der Arbeitslosigkeit gemacht. Es wäre toll, damit eine breite Diskussion anzuregen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVI (Motivation zur Teilnahme an gemeinsamen Zielen)

Geschrieben von Thomas Reis - 15/01/2012

Die Frage, ob die Menschen aus sich heraus die Motivation finden, sich an einem künftigen übergreifenden Ziel ihren Kräften und Fähigkeiten gemäß zu beteiligen, ist grundlegend dafür, wie unser tätiges Leben bei Entritt meiner Prognosen über dessen künftige Rahmenbedingungen aussehen könnte. Ich meine allerdings, diese Frage ist nicht entscheidend dafür, unter welchen Voraussetzungen die Menschen Zugriff auf die Waren und Dienstleistungen erhalten, die notwendig sind, um ihre elementaren Bedürfnisse zu befriedigen. Das folgt aus den Überlegungen, die ich in Teil XXXIV angestellt habe und es spricht dafür, soweit das Problem der Arbeitslosigkeit mit Hilfe eines Grundeinkommens gelöst werden sollte, das Grundeinkommen tatsächlich bedingungslos zu gewähren. Was nun die hier aufgeworfene Frage betrifft, gibt es eine optimistische und eine pessimistische Antwort.

Optimistische Sichtweise: Es ist ein menschliches Bedürfnis, sich sinnvoll zu beschäftigen

Die optimistische Sichtweise kann darauf verweisen, dass es neben der Sorge um die materiellen Grundlagen für das Überleben jedes Einzelnen das höchste Interesse aller Menschen ist, in einer sicheren Umgebung friedvoll miteinander oder zumindest akzeptiert nebeneinander zu leben. Alle Menschen, die Anstrengungen erbringen, um ihren Beitrag dazu zu leisten, dieses Ziel zu erreichen, tun dies in dem Bewusstsein, auch direkt von den Früchten dieser Anstrengungen zu profitieren. Zugleich ist es allen Menschen bewusst, damit einer zutiefst sinnvollen Tätigkeit nachzugehen und dies entspricht einem weiteren grundlegenden Bedürfnis jedes Menschen, nämlich sich sinnvoll zu beschäftigen. Nicht zuletzt wird auch auf diese Weise eine weitere Voraussetzung dafür erfüllt, ein Wirtschafts- und Sozialsystem unter den von mir spekulierten künftigen Bedingungen sozial gerecht und dem Gemeinwohl verpflichtet nennen zu können.

Pessimistische Sichtweise: Menschen sind egoistisch und suchen den eigenen Vorteil auf Kosten anderer

Die pessimistische Sichtweise betont eher die menschliche Eigenschaft, egoistisch den persönlichen Vorteil mit dem geringst möglichen Aufwand zu suchen, auch wenn andere dabei übervorteilt werden. Ich fürchte, diese Sichtweise ist zu plausibel, um sie einfach so zur Seite wischen zu können. Selbstverständlich können eine geeignete Erziehung der Kinder und ein Bildungskanon, der gemeinschaftliche Werte vermittelt, einiges bewirken. Keiner Erziehung und keiner Bildung wird es aber jemals gelingen, die schlechteren menschlichen Eigenschaften zu kontrollieren oder gar zu entfernen, ohne dazu auf Gewalt und Unterdrückung angewiesen zu sein. Diese Lehre muss man wohl aus allen gesellschaftlichen Utopien ziehen, deren Grundsätze auf einem allzu optimistischen Menschenbild basieren.

Schlechte menschliche Eigenschaften müssen berücksichtigt, am besten sinnvoll einbezogen werden

Daher gehe ich davon aus, dass die verbindlichen sozialen Regeln, die eine Grundlage jedes sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems sind, den Menschen nur dann eine dauerhafte und verlässliche Orientierung für ihr Handeln geben können, wenn sie diese schlechteren menschlichen Eigenschaften in jede Überlegung mit einbeziehen. Diese Leistung vollbracht zu haben und schlechte menschliche Eigenschaften, wie Habgier, Neid und Missgunst – in abgeschwächter Form – für das Gemeinwohl nutzbar gemacht zu haben, halte ich für eine der großen kulturellen Errungenschaften des Systems der Erwerbsarbeit.

Zwei mögliche Arten destruktiven Verhaltens

Meine Behauptung ist ja, dass unter den von mir spekulierten künftigen Bedingungen die Früchte der Arbeit von Maschinen, soweit sie dazu dienen, die elementaren menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, unter den Menschen nicht nach dem Kriterium der individuellen Leistung, sondern nach dem des individuellen Bedürfnisses verteilt werden sollten. Weiter behaupte ich, dass in diesem Fall ein großes, umfassendes Ziel, das in den Mittelpunkt des Interesses rückt und seiner Natur nach nur durch die Zusammenarbeit aller erreicht werden kann, gemeinschaftlich sozialer und konstitutiver Natur sein wird.

Erstens: Alles für mich!

Egoistisches und selbstsüchtiges Handeln einzelner Personen kann dann zum Beispiel darin bestehen, materielle Güter in einem Maß für sich allein zu beanspruchen, das die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse anderer Personen in Frage stellt (Alles-Für-Mich-Haltung). Einer solchen Haltung dürfte man am ehesten dadurch Rechnung tragen können, dass die Waren und Dienstleistungen, die zur Befriedigung von Bedürfnissen dienen, die über die elementaren Bedürfnisse hinausgehen, weiterhin auf der Basis des Maßstabs individueller Leistung verteilt wird, wie es im System der Erwerbsarbeit der Fall ist. Da es auch unter den von mir spekulierten Bedingungen in gewissem Umfang weiterhin notwendig sein wird, menschliche Arbeitskraft zur Erzeugung von Waren und Dienstleistungen einzusetzen und menschliche Tätigkeit im gemeinschaftlich sozialen und konstitutiven Bereich ohnehin unverzichtbar ist, wird es dazu auch genügend Möglichkeiten geben.

Zweitens: Trittbrettfahrer

Eine weitere offensichtliche Form selbstsüchtigen Verhaltens ist bereits breit unter dem Stichwort „Trittbrettfahrer“ diskutiert worden (John Rawls bespricht dieses Phänomen ausführlich in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“). Unter den von mir spekulierten künftigen Bedingungen könnte sich dies darin äußern, dass Menschen von den gemeinschaftlichen Anstrengungen im gemeinschaftlich sozialen und konstitutiven Bereich profitieren, indem sie beispielsweise die Leistungen nachbarschaftlicher oder lokaler Gemeinschaften in Anspruch nehmen, ohne selbst einen bereit zu sein, ähnliche Leistungen zu Gunsten anderer zu erbringen. Man wird derartige Phänomene in einer Gesellschaft, die auf Unterdrückung und Gewalt verzichtet, niemals ganz vermeiden können.

Die Teilnahme an der Verwirklichung künftiger gemeinsamer Ziele bewirkt Zugehörigkeit

Wenn der Zugang zu den Leistungen solcher Gemeinschaften für den Einzelnen nun von dessen Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft abhängig ist, dann liegt es nahe, diese Zugehörigkeit davon abhängig zu machen, einen Beitrag zu dieser Gemeinschaft zu erbringen. Welche Art von Beitrag die Gemeinschaft von jedem einzelnen erwartet und welche anderen Voraussetzungen für eine Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft bestehen, kann von dieser intern festgelegt werden. Selbstverständlich hat jede dieser Gemeinschaften die individuellen Grundrechte jedes Einzelnen zu wahren und muss entsprechend der demokratischen Grundordnung verfasst sein und es muss jedem einzelnen möglich sein, Gemeinschaften (nicht notwendig allen) beizutreten und auch wieder zu verlassen. Ich möchte an dieser Stelle nicht konkret beschreiben, wie genau solche Gemeinschaften funktionieren werden sondern lediglich darlegen, dass die gängigen Probleme, die Teilnahme aller an einem Wirtschafts- und Sozialsystem sicherzustellen, auch dann lösbar sind, wenn diese Teilnahme nicht durch die Notwendigkeit für jeden einzelnen erzwungen ist, sich die materielle Grundlage für sein Überleben zu sichern. Ähnlich wie dem System der Erwerbsarbeit wird es auch anderen Wirtschafts- und Sozialsystemen gelingen, sozial gerecht und am Gemeinwohl orientiert zu sein, ohne dazu die schlechteren menschlichen Eigenschaften ausblenden zu müssen.

Abschluss der Überlegungen zu einem Lösungsansatz für das Problem der Arbeitslosigkeit

Dies waren nun meine Überlegungen, wie ein sozial gerechtes und dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem unter künftigen, veränderten Bedingungen aussehen könnte. Ich bin mir bewusst, dass dies alles reine Spekulation ist. Die tatsächliche Entwicklung unserer Lebensumstände in der Zukunft kann ich ebensowenig vorhersagen, wie jeder andere. Es kommt mir in allererster Linie darauf an, deutlich zu machen, wie wichtig es ist, nicht sklavisch am System der Erwerbsarbeit festzuhalten, auch wenn es in der Vergangenheit noch so positive Entwicklungen zu Gunsten aller Menschen gebracht hat. Es ist vielmehr entscheidend, die Grundsätze dahinter zu erkennen und zur Grundlage aller Veränderungen zu machen, die aufgrund der künftigen Entwicklung unserer Lebenswirklichkeit notwendig werden. Die identischen Grundsätze können dann zu einem vollkommen veränderten Wirtschafts- und Sozialsystem führen. Das zu verstehen halte ich für unverzichtbar, wollen wir in der Lage sein, das Problem der Arbeitslosigkeit zufriedenstellend zu lösen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)

Geschrieben von Thomas Reis - 10/12/2011

Verteilung von Waren nach dem Maßstab des Bedürfnisses jedes Einzelnen – unentgeltliche Abgabe von Waren durch die Menschen, die durch Investitionen, kreative Tätigkeit und sonstiges Tun daran mitwirken, diese Waren zu produzieren – Entwicklung eines geteilten Bewertungs- und Verteilungsmaßstabs für Waren und Dienstleistungen je nachdem, ob sie als elementar eingestufte Bedürfnisse befriedigen oder nicht und damit zweier paralleler wirtschaftlich sozialer Sphären – ist das nicht utopisch, ja geradezu naiv? Wohin soll das führen – zu Kommunismus oder einer anderen Form sozial paternalistischer Zwangswirtschaft? Wie soll das von allen als vorteilhaft anerkannt werden? Ich meine, wenn die Entwicklung tatsächlich so oder ähnlich eintritt, wie ich es mir vorstelle, wird es.

Voraussetzung einer stabilen Gesellschaft

Selbst die Menschen, die von dem System der Erwerbsarbeit auch dann noch profitieren, wenn es als sozial gerechtes und dem gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem nicht mehr wie gewünscht funktioniert, werden es akzeptieren, dass aus dem bloßen Vorgang der Erzeugung der elementaren Waren und Dienstleistungen durch Maschinen kein privater Gewinn mehr erzielt werden kann. Dies ist nämlich die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft auch unter den künftigen Bedingungen stabil bleibt. John Rawls hat in seinem gesamten Werk dargelegt, dass eine Gesellschaft nur dann stabil sein kann, wenn alle ihre Mitglieder davon ausgehen, in einer gerechten Gesellschaft zu leben (der Gedanke zieht sich als roter Faden durch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“). Entscheidend dafür, ob die Ausgestaltung des Wirtschafts- und Sozialsystems einer Gesellschaft als gerecht empfunden wird, sind vor allem die Ungleichheiten bei der Verteilung wichtiger Güter, die durch jenes verursacht werden.

Die Notwendgkeit der Rechtfertigung von Ungleichheit

Ungleichheiten sind in einem Wirtschafts- und Sozialsystem, das nicht auf direktem Zwang beruhen soll, unvermeidlich (siehe Teil XIII), unterliegen aber der Pflicht zur Rechtfertigung. Nur wenn kein anderes Wirtschafts- und Sozialsystem existiert, das zu weniger Ungleichheit führt und in dem es den am wenigsten Begünstigten längerfristig besser ginge, ist ein Wirtschafts- und Sozialsystem nach dem von Rawls vertretenen Unterschiedsprinzip als gerecht anzusehen. Diese Forderung führt deswegen zu einer leistungsfähigen Gesellschaft, weil sie anhand der langfristigen Aussichten der am wenigsten begünstigten beurteilt wird und langfristig kann eine Gesellschaft nur bestehen wenn auch ihre privilegierteren Mitglieder genügend Möglichkeiten haben, ihre guten Startbedingungen zu ihrem Wohl umzusetzen (siehe auch “Die zwei Seiten gesellschaftlicher Vernunft”). Unter den Bedingungen des funktionierenden Systems der Erwerbsarbeit hat es sich dabei als am effektivsten erwiesen, den Eigennutz (nicht Egoismus!) jedes Einzelnen als Motivationsquelle einzusetzen, da auf diese Weise am besten sichergestellt werden konnte, dass sich im wesentlichen alle Menschen an dem gemeinschaftlichen Werk beteiligt haben, die Lebensgrundlage für alle sicherzustellen. Jeder beteiligt sich daran, das Ziel zu erreichen und erhält dadurch Anspruch auf einen Teil der erarbeiteten Früchte.

Ohne Beteiligung aller keine Teilhabe aller, keine Gerechtigkeit, keine gesellschaftliche Stabilität

Wenn ich aber mit meiner Spekulation über die künftige Entwicklung richtig liege, wird nach meinen obigen Überlegungen der Grund für die Stabilität des Systems der Erwerbsarbeit wegfallen. Der Prozess der Erzeugung von Waren und Dienstleistungen durch Maschinen selbst ist nämlich kein gemeinschaftliches menschliches Werk mehr. Wenn die Erfinder, Erbauer und Betreiber sowie die Investoren der Maschinen von deren Arbeit profitieren, dann basiert dies nur bis zu einem bestimmten Grad auf ihrer eigenen Leistung, nämlich ihrem Anteil daran, dass die Maschinen zur Verfügung stehen und funktionieren. Die Tätigkeit der Maschinen, isoliert betrachtet, ist eine Frucht, die von ihrer Leistung unabhängig ist. Wollte man es unter diesen Bedingungen, wie im System der Erwerbsarbeit aufrecht erhalten, dass einige Menschen die Maschinen betreiben und deren Produkte an alle anderen verkaufen, erhielten die Betreiber der Maschinen eine Stellung, die jener der Feudalherren vergangener Jahrhunderte ähnelt. Die Mehrzahl der Menschen, die an dem künftigen gemeinschaftlichen Werk teilnehmen, das gedeihliche Zusammenleben der Menschen im privaten, wie im öffentlichen Bereich zu gewährleisten, würde durch ihre Tätigkeit, die nur unter Schwierigkeiten und unzureichend in einen wirtschaftlichen Wert übertragen werden kann, die bloße Arbeit von Maschinen finanzieren, die nur bis zu einem gewissen Punkt auf der Leistung ihrer Erbauer und Betreiber beruht. Diesem ungünstigen Geschäft könnte sich niemand entziehen, insbesondere soweit es Güter betrifft, die benötigt werden, um die elementaren Bedürfnisse (Teil XXX) zu befriediegen.

Einseitige wirtschaftliche Vorteile verschaffen Macht zum Nachteil besonders benachteiligter Menschen

Einige wenige Menschen würden dann die Früchte des gemeinsamen Werks der vielen Menschen abschöpfen, ohne zu diesem Werk selbst etwas beitragen zu müssen. Diese Menschen hätten nämlich in einem gleichwohl aufrecht erhaltenen System der Erwerbsarbeit einen derart hohen Anteil an den erzeugten materiellen Gütern, dass sie sich dafür fast alles kaufen könnten, vor allem die Macht, die sie einseitig bevorzugenden Verhältnisse eine gewisse Zeit lang aufrecht zu erhalten.  Besonders benachteiligt wären unter den geänderten Bedingungen gerade die Menschen, die weniger intelligent, talentiert und daher beim Erwerb ihrer Bildung weniger erfolgreich sind, denn durch den flächendeckenden Einsatz von Maschinen bei der Erzeugung der Waren und Dienstleistungen, müssen in diesem Bereich vor allem solche Tätigkeiten noch durch Menschen ausgeübt werden, die komplexerer und anspruchsvollerer Natur sind. Die Folge wäre, dass die Menschen, die im Bereich ihrer angeborenen Fähigkeiten und ihrer Möglichkeiten, Zugang zu angemessener Bildung zu erhalten, am wenigsten begünstigt sind, nur geringe Möglichkeiten hätten, ihre Situation durch eigene Leistung zu verbessern; es käme zu einer Zweiklassengesellschaft von Profiteuren und Nichtprofiteuren (noch sehr viel mehr, als das heute schon zu beobachten ist), in der unter diesen Bedingungen die Mehrzahl der Menschen von allen Chancen ganz ausgeschlossen blieben.

Niemand könnte das als gerecht ansehen

Ein solches Wirtschafts- und Sozialsystem verstieße eklatant gegen das Merkmal eines sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems, für jedermann vorteilhaft zu sein. Es könnte von niemandem als gerecht empfunden werden und hätte zu Recht keine Chance, dauerhaft umgesetzt zu werden. Noch viel weniger würde es akzeptiert werden, unter solchen Bedingungen Rohstoffe und natürliche Ressourcen zu verbrauchen sowie die Natur zu belasten, auch soweit das in einer industrialisierten Wirtschaft unvermeidlich ist. Die nicht privilegierten Menschen hätten das immer stärker werdende Bedürfnis, sich irgendwie der Abhängigkeit von den Maschinenbetreibern zu entziehen und es wäre immer größerer und immer offener ausgeübter Zwang notwendig, um zu erreichen, dass sie sich an einem solchen System beteiligen.

Gesellschaftliche Stabilität durch Zugriff aller auf die Arbeit der Maschinen

Der Prozess der Erzeugung von Waren und Dienstleistungen durch Maschinen wird daher nur dann auf eine allgemeine Akzeptanz und damit Stabilität hoffen können, wenn alle Menschen von diesem Prozess angemessen profitieren. Wenn man sich vereinfacht vorstellt, dass es eine Maschine gäbe, die in der Lage wäre, alle Waren und Dienstleistungen zu erzeugen, die Menschen benötigen, wäre die Forderung, dass diese Maschine – zumindest soweit sie elementare Güter herstellt – von allen Menschen für einen angemessenen und bezahlbaren Preis erworben werden kann. Die Leistung der Menschen, die an dem Bau und dem Betrieb der Maschine beteiligt sind, würde auf diese Weise entlohnt, jedoch hätte jeder Einzelne ungehindert Zugriff auf die Ergebnisse der Arbeit dieser Maschine. Im Ergebnis könnte jeder die von der Maschine erzeugten Waren und Dienstleistungen nutzen, ohne dafür ein unmittelbares Entgelt an die Erfinder, Erbauer und Betreiber der Maschine zahlen zu müssen und jeder hätte Grund, dies für sich als vorteilhaft anzusehen. Genau dies ist die Forderung, die ich am Ende von Teil XXXIII aufgestellt habe.

Wie könnte nun ein solches Wirtschafts- und Sozialsystem beschrieben werden? Diese Frage möchte ich im kommenden Blogpost untersuchen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXII (Der Wert menschlicher Tätigkeit)

Geschrieben von Thomas Reis - 22/11/2011

In diesem Blogpost möchte ich also meine in Teil VII formulierte These untermauern: Der für das System der Erwerbsarbeit grundlegende Maßstab zur Verteilung der Waren und Dienstleistungen, die bei der wirtschaftlichen Tätigkeit gemeinsam erzeugt werden unter den Menschen, die an dieser Produktion beteiligt sind, ist die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei der Erzeugung eben jener Güter (für diejenigen, die aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit einen Anteil an den Früchten der wirtschaftlichen Tätigkeit erhalten, gilt seit jeher ein anderer Maßstab). Dieser Maßstab wird unter der Bedingung der zunehmenden Verrichtung von Arbeitsprozessen durch Maschinen nicht mehr funktionieren, da die Erzeugung der Güter von der direkten Leistung der Menschen unabhängig sein wird. Die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei der Teilnahme an den Anstrengungen im sozial konstitutiven Bereich, in dem meiner Erwartung nach der größte Teil menschlicher Tätigkeit künftig stattfinden wird, kann aber nicht an die Stelle des alten Verteilungsmaßstabs treten, da sich diese Leistung im bislang üblichen wirtschaftlichen Prozess nicht angemessen darstellen lässt. Dies möchte ich nachfolgend erläutern.

Keine angemessene materielle Bewertung der Beiträge zum sozial konstitutiven Bereich

Als Einleitung zu diesen Ausführungen möchte ich noch einmal in Erinnerung rufen, dass es das Ziel jeder wirtschaftlichen Tätigkeit ist, die Waren und Dienstleistungen zu produzieren, die jeder Einzelne benötigt oder auch nur wünscht und angemessen zu verteilen. Dieses Ziel wird ergänzt durch das Ziel sozialer Tätigkeit, ein gedeihliches Zusammenleben in einem friedlichen und gerechten Rahmen zu erreichen. In einem sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystem geschieht dies auf eine Art und Weise, die für alle vorteilhaft ist (siehe Punkt 4 der in Teil XXIII genannten Merkmale, näher ausgeführt in Teil XVIII). Das System der Erwerbsarbeit konnte diese Anforderung lange Zeit besser erfüllen, als andere Wirtschaftssysteme. Wichtig ist es dabei, sich anzusehen, an welchen Parametern der Wert sowohl der geschaffenen Waren und Dienstleistungen als auch der Tätigkeit jedes Einzelnen abgelesen wird.

Der materielle Bewertungsmaßstab im System der Erwerbsarbeit

Im System der Erwerbsarbeit fließen die gemeinschaftlich geschaffenen Werte sämtlicher Tätigkeiten, die Menschen erbringen, mitsamt der durch die Arbeit der Maschinen und Werkzeuge geschaffenen Werte in eine große Bilanz der wirtschaftlichen Leistung ein, das Brutoinlandsprodukt. Dieses zu allererst auf materielle Werte konzentrierte Bruttoinlandsprodukt stellt im Wesentlichen die Masse dessen dar, was unter den Teilnehmern am Wirtschaftskreislauf verteilt werden kann, sei es als Löhne und Gehälter, als Unternehmensgewinne, Zinsen, Steuern oder Investitionen. Zwischen dem Wert hergestellter Waren und dem Wert erbrachter Dienstleistungen wird dabei nicht unterschieden. Der Wert einer Tätigkeit bemisst sich im Wesentlichen nach dem Wert der Ware oder Dienstleistung, die sie erzeugt.

Produktion von Waren und Erbringung von Dienstleistungen: Einige grundlegende Wesensunterschiede

In Wirklichkeit besteht aber in einigen Punkten ein ganz erheblicher Unterschied zwischen den beiden Arten wirtschaftlicher Tätigkeit, der Produktion von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen.

Erstens: Stofflichkeit versus immaterielle Form

Sie betreffen erstens die Form, in der diese Werte erzeugt werden. Während die Herstellung von Waren unserer stofflichen Welt etwas greifbares hinzufügt, indem aus einem Haufen Geröll und Erde Rohstoffe und aus fruchtbarem Boden Früchte gewonnen werden, die nach und nach immer weiter veredelt werden, bleibt die Erbringung von Dienstleistungen rein immateriell. Während also der Wert von Waren sich zumindest zum Teil anhand ihrer stofflichen Beschaffenheit bemisst, die der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage einen gewissen Richtwert und Stabilität verleiht, bildet sich der Wert von Dienstleistungen nahezu ausschließlich durch Angebot und Nachfrage, kann also wesentlich stärker schwanken.

Zweitens: Höhere Zahl notwendiger Arbeitsschritte bei der Produktion von Waren

Sieht man sich den Weg der Herstellung einer Ware an, so erkennt man in der Regel wesentlich mehr Arbeitsschritte, an denen potentiell menschliche Arbeit beteiligt sein kann, als es benötigt, um eine Dienstleistung zu erbringen. Auch dies ist ein Faktor, der den Wert von Waren und Dienstleistungen mitbestimmt. Menschliche Arbeitskraft ist ja zum einen sehr wertvoll und zum anderen gilt in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, dass um so mehr Menschen von einem Arbeitsergebnis profitieren müssen, je mehr Menschen daran beteiligt sind, es zu erzielen.

Drittens: Der Wert von Waren ist beständig, von Dienstleistungen flüchtig

Schließlich lassen sich hergestellte Waren bis zu einem gewissen Grad sammeln und aufbewahren, was für die meisten Dienstleistungen nicht möglich ist, da sie nur im Bedarfsfall, nicht aber auf Vorrat erbracht werden können. Im Gegenteil verlieren erbrachte Dienstleistungen in der Regel bereits mit dem Zeitpunkt ihrer Erbringung rapide an Wert, da sie sich auf zyklische Prozesse und Verfallserscheinungen beziehen. Die Dienstleistung, Nahrung zuzubereiten, beispielsweise ist in dem Moment wertlos, in dem ein anderer Mensch diese Nahrung verzehrt hat und neue Nahrung benötigt. Nahrung auf Vorrat zuzubereiten stößt aber auch recht schnell an seine Grenzen.

Gleicher Maßstab für die Bewertung wesentlich ungleicher Tätigkeiten?

Die Art und Weise, wie sich der Wert von Waren bildet, unterscheidet sich also in einigen Punkten wesentlich von der Art und Weise, wie sich der Wert einer Dienstleistung bildet. Dieser Unterschied führt dazu, dass die Herstellung von Waren sowohl ein wesentlich größeres Wertschöpfungspotential, als auch ein größeres Beschäftigungspotential besitzt, als die Erbringung von Dienstleistungen. Das Maß, in dem all die geschaffenen Werte gemessen werden und das sie erst verteilbar macht, ist sowohl für Waren, als auch für Dienstleistungen das Geld. Der Wert des Geldes wiederum wird allerdings immer eineitlich definiert, als das Maß des Nutzens, den man im Tausch für diese Menge Geld erhalten kann. Die Unterschiede zwischen der Herstellung von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen werden also in der herkömmlichen wirtschaftlichen Leistungsbilanz nicht abgebildet.

Doch ist das tatsächlich ein Problem? Darauf möchte ich im nächsten Blogpost gerne eingehen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)

Geschrieben von Thomas Reis - 04/11/2011

Nachdem ich nun in Teil XXIX und Teil XXX meine ersten Gedanken darüber entwickelt habe, wie ein sozial gerechtes und dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschfts- und Sozialsystem in Zukunft aussehen könnte, hoffe ich, niemanden allzusehr verschreckt zu haben. Was ich begreiflich machen möchte ist, dass die abstrakten Grundsätze eines solchen Systems, wie ich sie in Teil XXIII aufgeschrieben habe, unter der Voraussetzung einer tiefgreifenden Veränderung der Wirklichkeit zu einer tiefgreifenden Veränderung der Vorstellung davon führen müssen, wie dieses System konkret ausgestaltet sein soll. Bislang habe ich versucht, aus meiner Spekulation über die Veränderung des Blickwinkels der Menschen darauf, welche Reichweite ein Wirtschafts- und Sozialsystem haben sollte, Rückschlüsse über den dazu notwendigen Rahmen wirtschaftlicher Betätigung zu ziehen. Notwendig sind aber auch Überlegungen darüber, wie unter den von mir unterstellten weiteren Veränderungen dieser Rahmen so ausgefüllt wird, dass dieses Wirtschafts- und Sozialsystem es den Menschen ermöglicht, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und daraus das Selbstbewusstsein zu gewinnen, ein mündiger Bürger zu sein.

Das Prinzip der Arbeitsteilung muss neu ausgerichtet werden

Durch die Entwicklung, die ich in Teil XXVI beschrieben habe, die Ablösung des Prozesses der Herstellung von Waren und Dienstleistungen von der Notwendigkeit, menschliche Arbeitskraft einzusetzen und die damit verbundene Veränderung der Natur menschlicher Tätigkeit (beschrieben in Teil XXVII), wird Erwerbsarbeit zwar nicht vollständig verschwinden, wird aber für die Menschen nicht mehr die Grundlage dafür sein können, die notwendigen Mittel zu erwerben, um eine würdige Existenz für sich und die Menschen zu sichern, die ihnen wichtig sind. Da es aber in einem sozial gerechten Wirtschafts- und Sozialsystem notwendig ist, den Menschen verbindliche soziale Regeln an die Hand zu geben, wie sie ihren Lebensunterhalt auf allgemein akzeptierte Weise sicherstellen können (Punkt 3 in Teil XXIII, näher beschrieben in der zweiten Hälfte von Teil XVII), wird es notwendig sein, andere allgemein akzeptierte Wege hierfür zu etablieren. Die unabdingbare Akzeptanz dieser sozialen Regeln wird um so eher erreicht werden können, je besser es gelingt, eines der Kernmerkmale für den Erfolg des Systems der Erwerbsarbeit auch unter den veränderten Rahmenbdingungen nutzbar zu machen, nämlich das Prinzip der Arbeitsteilung.

Neue umfassende Ziele benötigen neue Grundlagen der Zusammenarbeit

In Teil XXVIII habe ich meine Erwartung ausgedrückt, auch in Zukunft werde es große, umfassende Ziele menschlichen Handelns geben, die nur durch die Zusammenarbeit aller erreicht werden können. Im System der Erwerbsarbeit wird die große umfassende Aufgabe, für die sich die Menschen gemeinschaftlich anstrengen in der Versorgung mit den notwendigen und erwünschten materiellen Gütern gesehen. Die Teilnahme an dem gemeinschaftlichen Werk sichert gleichzeitig auch einen Anteil an dessen Früchten. Da aber der Anteil menschlicher Arbeit bei der Herstellung der meisten Waren und Dienstleistungen meiner Erwartung nach mehr und mehr zurückgedrängt werden wird, kann das Prinzip der Arbeitsteilung die allgemeine Akzeptanz künftiger verbindlicher sozialer Regeln für den allgemein akzeptierten Erwerb des Lebensunterhalts nicht mehr direkt bewirken. Es muss daher gelingen, den Beitrag jedes Einzelnen zur Erreichung der künftigen großen und umfassenden Ziele, für die gemeinschaftliche Anstrengungen der Menschen notwendig sind, die sich meiner Erwartung nach vom materiellen konsumorientierten Bereich in den sozialen konstitutiven Bereich verlagern werden, angemessen zu würdigen. Es muss gelingen, ihm einen Anteil an den Früchten dieses gemeinsamen Werks zu sichern und ihm gleichzeitig verbindliche soziale Regeln an die Hand zu geben, wie er in einer allgemein akzeptierten Weise die materiellen Güter erlangen kann, die er benötigt, um den Lebensunterhalt für sich und die Menschen, die ihm wichtig sind, sicherzustellen. Das Vorhaben einer arbeitsteiligen Gesellschaft wird also komplizierter, da die Menschen gemeinschaftlich zur Erreichung der sozial konstitutiven Ziele zusammenwirken, weiterhin die materiellen Güter benötigen, an deren Herstellung sie jedoch in immer geringerem Umfang beteiligt sein werden und zur Anstrengung für das gemeinschaftliche Werk motiviert werden müssen. Die Aufgabe wird dadurch von einem zweiseitigen (System der Erwerbsarbeit) zu einem dreiseitigen Vorhaben (künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem). Diese These möchte ich im Folgenden zunächst einmal untermauern.

Warum die einfache Form der Arbeitsteilung nicht mehr funktioniert

Die Schwierigkeit, die in einem künftigen Wirtschafts- und Sozialsystem auftritt, wird nämlich meiner Erwartung nach folgende sein: Die Menschen werden zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts Waren und Dienstleistungen benötigen, die im wesentlichen durch Maschinen hergestellt werden. Das bedeutet, der für das System der Erwerbsarbeit typische Maßstab zur gerechten Verteilung dieser Waren und Dienstleistungen, nämlich die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei ihrer Erzeugung, wird nicht mehr funktionieren (in Teil VII habe ich das bereits angedeutet). Mehr noch, wird auch die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei der Ausübung der Tätigkeiten, die künftig unter den von mir spekulierten Bedingungen für menschliche Tätigkeit prägend sein werden, kaum im herkömmlichen Sinne als Maßstab für die Verteilung der maschinell hergestellten Waren und Dienstleistungen nutzbar sein. Dazu möchte ich mir diesen Aspekt des Systems der Erwerbsarbeit, beginnend mit dem folgenden Blogpost, noch einmal genauer ansehen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)

Geschrieben von Thomas Reis - 30/10/2011

In Teil XXIX habe ich das Spannungsverhältnis der in Teil XXIII genannten Punkte 1, 6 und 8 der Merkmale eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems beschrieben. Um meinen Ansatz unter dem Aspekt unserer künftigen Lebensbedingungen, über den ich in Teil XXVIII spekuliert habe, nicht an inneren Widersprüchen scheitern zu lassen, habe ich vorgeschlagen, nach Wegen zu suchen, die vorhandenen Ressourcen effizienter und weniger umweltbelastend einzusetzen, neue Ressourcen zu erschließen sowie unsere Bedürfnisse zu überdenken, für deren Befriedigung Ressourcen verbraucht werden.

Vorrangig sollten wir unsere Bedürfnisse überdenken

Da die beiden erstgenannten Ansätze künftige Entwicklungen in Wissenschaft und Technik voraussetzen, deren Reichweite heute noch nicht genau abgeschätzt werden können, sollten die Überlegungen sinnvoller Weise mit der Bedürfniskritik beginnen. Wenn unterstellt werden muss, dass die Befriedigung einiger Bedürfnisse, die uns in den industrialisierten Regionen der Erde ganz selbstverständlich erscheint, unter der Bedingung vergleichbarer Lebensbedingungen überall auf der Welt nicht mehr möglich ist, muss man Prioritäten setzen und Bedürfnisse benennen, deren Befriedigung auf alle Fälle unabdingbar ist. Als derart elementare Bedürfnisse möchte ich benennen:

  • ausreichend Nahrung in guter Qualität zur Verfügung zu haben,
  • vor schädlichen Natureinflüssen geschützt zu sein,
  • Zugang zu einer grundlegenden Gesundheitsfürsorge zu besitzen und
  • in einem friedlichen Umfeld zu leben, das es ermöglicht
  • soziale Kontakte zu pflegen und als Person von anderen anerkannt zu sein.

Es dürfte bereits eine enorme Herausforderung für jedes Wirtschafts- und Sozialsystem darstellen, diese Bedürfnisse für alle Menschen auf der Welt zuverlässig befriedigen zu können.

Was bedeutet der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse?

Um Missverständnissen vorzubeugen sei eines klargestellt. Ich meine keineswegs, das Wirtschafts- und Sozialsystem einer Erdenregion, sagen wir Europa, sei verpflichtet und müsse in der Lage sein, die Bedürfnisse weltweit zu befriedigen. Ich bin aber davon überzeugt, dass es dann, wenn die von mir prognostizierte Entwicklung tatsächlich stattfindet, allgemein akzeptiert werden muss, Wirtschaft als die globale Aufgabe zu begreifen, die Bedürfnisse der Menschen überall auf der Welt zu befriedigen. Der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse bedeutet dann für alle Menschen überall auf der Welt, dass Energie, Rohstoffe und natürliche Ressourcen sowie die Belastung unserer Umwelt zu allererst dazu zu dienen hat, Waren und Dienstleistungen zu erzeugen, die notwendig sind um die elementaren Bedürfnisse aller Menschen weltweit zu befriedigen und allgemein verfügbar zu machen. Bedürfnisse, die über die elementaren hinausgehen, können hingegen nur dann befriedigt werden, wenn die elementaren bereits zuverlässig befriedigt werden.  Das bedeutet vor allem für die Menschen in den heutigen Industriestaaten deutlich spürbare Veränderungen in den Lebensgewohnheiten, deren bloße Vorstellung von ganz vielen bereits als Verlust empfunden wird.

Ein Verlust?

Diesen Verlust wird man allerdings nicht im strengen Sinne so bezeichnen können, da unter den heutigen Bedingungen unser Reichtum vielfach dadurch entsteht, dass aus den wirtschaftlich schwachen Gebieten Rohstoffe billig in die wirtschaftlich starken Gebiete verkauft und dort zu wertvollen Produkten veredelt werden (siehe dazu bereits Teil XXI). Wenn wir in den wirtschaftlich starken Gebieten für die inführung dieser Rohstoffe einen höheren Preis werden zahlen müssen, der es den Menschen in den Herkunftsländern erlaubt, ihre elementaren Bedürfnisse befriedigen zu können und wenn wir es akzeptieren müssen, dass die Menschen in den Ländern, in denen die Rohstoffe lagern, diese stärker auch selbst nutzen, macht sich das zwar bemerkbar, als ob die Menschen hier etwas abgeben müssten. In Wirklichkeit profitieren aber lediglich die Menschen in den wirtschaftlich starken Regionen der Erde weniger auf Kosten der Menschen in den ärmeren Regionen der Erde. Einem solchen „Verlust“ werden sich die Menschen in den Industrieregionen der Erde schon allein aus Gründen der Vernunft (näheres dazu in Teil XXIX) wohl kaum verschließen können. Wie groß der „Verlust“ sein wird, hängt im übrigen davon ab, wie weit die wissenschaftlichen Erkenntnisse und technologischen Weiterentwicklungen reichen werden, die es ermöglichen,  in Zukunft die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizienter zu nutzen.

Neue Lebensbedingungen führen wahrscheinlich von sich aus zu veränderten Bedürfnissen

Ich meine aber, es ist auch gar nicht abwegig anzunehmen, dass sich die Bedürfnisse der Menschen von sich aus verändern werden, da eben die veränderten Prioritäten bei der Nutzung von Rohstoffen, Energie und natürlichen Ressourcen auf einer veränderten Wahrnehmung basieren, wie weit ein Wirtschafts- und Sozialsystem in Zukunft reichen soll. In dem Maß, in dem sich für die künftigen Menschen der Kreis derer räumlich wie zahlenmäßig erweitert, mit denen sie sich emotional verbunden fühlen, werden auch die Bedürfnisse der Menschen nach Kommunikation und sinnstiftender Gemeinschaft stärker ausgeprägt sein, während intensiver Konsum zur Befriedigung nicht elementarer Bedürfnisse, der mit einem hohen Ressourcenverbrauch einhergeht, dort, wo er lediglich um seiner selbst Willen stattfindet, an Bedeutung verlieren wird. Dies ist auch deswegen wahrscheinlich, weil es nach meiner Spekulation der Stärkung des Handelns als einer Form menschlicher Tätigkeit entspricht, die infolge der schwindenden Bedeutung des Bereichs der Arbeit im Vergleich zum heutigen System der Erwerbsarbeit eintreten wird (ausführlicher dazu Teil XXVII). Auf diese Weise wird eine zukünftige Gesellschaft von sich aus eine Tendenz aufweisen, gemeinschaftsorientiert zu sein und so in besonderem Maße eine wichtige Anforderung an ein sozial gerechtes, am Gemeinwohl orientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem (Punkt 5 der in Teil XXIII genannten Merkmale) erfüllen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)

Geschrieben von Thomas Reis - 16/10/2011

Nachdem ich in einigen aus meiner Sicht grundlegenden Punkten meine Spekulation darüber dargelegt habe, wie sich die äußeren Bedingungen für unser Wirtschafts- und Sozialsystem in der Zukunft weiter entwickeln werden, soll es nun darauf ankommen herauszufinden, wie ein künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem aussehen muss, soll es unter diesen Bedingungen sozial gerecht und dem Allgemeinwohl verpflichtet genannt werden können. Dazu werde ich auf die Merkmale zurückgreifen, die ich in Teil XXIII zusammengefasst habe.

Anwendung der Merkmale eines sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems

Als erstes muss das Wirtschfts- und Sozialsystem in der Lage sein, die grundlegenden Bedürfnisse aller, die sich ernsthaft daran beteiligen, zu befriedigen. Was sich beschränkt auf unsere Überflussgesellschaft eigentlich wie eine unproblematische Forderung anhört, erhält eine große Brisanz, wenn man den Blickwinkel erweitert.

Konflikt zwischen der Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Menschen, der Endlichkeit der Ressourcen und dem Schutz der Umwelt bei globaler Betrachtung

Wie ich gegen Ende von Teil XX bereits kurz angedeutet habe, ist es von vornherein notwendig, den Bedarf nach Energie, Rohstoffen und natürlichen Ressourcen und die Probleme, die aus der Verschmutzung der Luft der Böden und der Gewässer folgen, sehr viel größer einzuschätzen, wenn alle Menschen auf der Erde zu berücksichtigen sind. Denn es wird nicht mehr ausreichen, sich ein Wirtschafts- und Sozialsystem beschränkt auf räumlich und politisch begrenzte Bereiche vorzustellen, die neben anderen Wirtschafts- und Sozialsystemen existieren, ohne dass diese Systeme einander beeinflussen. Alle Menschen auf dieser Erde in die Überlegungen mit einzubeziehen, ist im Gegenteil ein direktes Merkmal eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems. Dieses Merkmal angemessen zu berücksichtigen, wird unausweichlich sein, da nach der von mir prognostizierten Entwicklung die Menschen emotional geprägte Beziehungen zu Menschen überall auf der Welt haben und ein Interesse entwickeln, weltweit vergleichbar gute Lebensbedingungen vorzufinden. Da die unerwünschten Folgen der Produktion von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen von vornherein durch Grenzen nicht aufzuhalten sind (Erderwärmung durch den Ausstoß von Klimagasen, Verschmutzung von Meeren, Verwüstung ganzer Regionen durch die Gewinnung von Rohstoffen), ist es auch überhaupt nicht fair, einigen Menschen nur die Nachteile zuzumuten, ihnen die Früchte der wirtschaftlichen Betätigung aber vorzuenthalten. Genau das ist es aber leider, was wir alle in den industrialisierten Regionen der Erde tagtäglich tun.

Nicht nur eine Frage der Menschlichkeit, sondern der Vernunft

Dabei ist unsere Haltung nicht lediglich unfair, sondern auch unvernünftig, da es unserem Interesse als den Menschen in Regionen mit einer leistungsfähigen Wirtschaft entspricht, die Verhältnisse insgesamt weitgehend stabil zu halten. Eine Auswirkung der verbesserten Kommunikationsstrukturen ist ja auch eine wesentlich verbesserte Informationsbasis der Menschen, die in Regionen leben, die von der Industrialisierung nicht profitieren. Diese Menschen werden es auch sehr schnell erkennen, wenn sie durch die globalen Wirtschaftsverhältnisse strukturell benachteiligt sind und werden nicht mehr ohne weiteres damit einverstanden sein. Wollen wir also ein Wirtschaften beibehalten, das uns den Wohlstand gebracht hat, den wir heute genießen können und wollen nicht einen großen Teil der Menschen auf unserem Planeten mit Gewalt unterdrücken, sind wir auf den Konsens auch mit den Menschen angewiesen, die heute immer noch in wirtschaftlich benachteiligten Regionen unserer Erde leben. Dies kann aber letzten Endes nur dann gelingen, wenn nicht nur  hier, sondern überall sonst vergleichbare Bedingungen anzutreffen sind.

Keine Spinnerei, sondern ein Zielkonflikt, der ernst genommen und gelöst werden muss

Ich habe bereits die Vermutung geäußert, dass dies, die heutige Rohstoff- und Energieeffizienz unserer Wirtschaft zugrundegelegt, die verfügbaren Kapazitäten der Rohstoffe, der natürlichen Ressourcen und der erzeugbaren Energie bei weitem übersteigen und unsere Umwelt weit über das noch verträgliche Maß hinaus belasten würde. Da es neben der Fähigkeit, die Bedürfnisse der Menschen zuverlässig befriedigen zu können ebenso ein Merkmal eines sozial gerechten, dem Allgemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems ist, die Endlichkeit der Ressourcen und die Zerbrechlichkeit unseres Lebensraums, wie die sozialen Auswirkungen unserer Handlungen in einer vernetzten Welt zu berücksichtigen, entsteht bereits aufgrund dieser scheinbar einfachen Forderungen ein ernsthafter Zielkonflikt. Es entbehrt dabei auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Sorge um die Lebensbedingungen der Menschen in benachteiligten Regionen der Erde, die von der Mehrheit der Menschen in den industrialisierten Regionen der Erde bis heute als weltfremde Spinnerei abgetan wird, unter den Bedingungen einer dramatisch verbesserten allgemeinen Informations- und Kommunikationsbasis, wie ich sie für die – wohl nicht allzuweit entfernte – Zukunft erwarte, als Problem der Tagespolitik sehr weit in den Vordergrund treten wird. Alle, die heute noch eine breit angelegte, ernsthafte gesellschaftliche Diskussion hierüber abwürgen, indem sie sich über die von ihnen so genannten Gutmenschen lustig machen, die das Problem bereits heute thematisieren, sollten sich schon einmal überlegen, mit welcher Position sie sich daran beteiligen möchten.

Neue Ressourcen erschließen und effizienter einsetzen, Bedürfnisse überdenken

Sollen sich also die von mir vorgeschlagenen acht Merkmale eine sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystem nicht bereits hier als miteinander unvereinbar herausstellen, womit sie dann bereits an ihrer ersten größeren Herausforderung gescheitert wären, ist es notwendig, Wege zu vorzuschlagen, die vorhandenen Ressourcen effizienter und weniger umweltbelastend einzusetzen, neue Ressourcen zu erschließen sowie unsere Bedürfnisse zu überdenken, für deren Befriedigung Ressourcen verbraucht werden. Was das genau bedeutet, möchte ich im nächsten Blogpost untersuchen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)

Geschrieben von Thomas Reis - 17/09/2011

Neben der in Teil XXVII beschriebenen Verschiebung der Gewichte im Erscheinungsbild menschlicher Tätigkeit durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen in der Produktion von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen erwarte ich noch einige andere umwälzende Entwicklungen, die mit der Veränderung unserer Tätigkeitsstruktur einhergehen.

Arbeitsteilung wird als Errungenschaft erhalten bleiben

Ein Merkmal, das unsere heutige Gesellschaft prägt, wird allerdings seinem Wesen nach weiterhin erhalten bleiben. Es ist das Merkmal der Arbeitsteilung, also die kulturelle Errungenschaft, ein großes, die Möglichkeiten eines einzelnen überforderndes Ziel durch den Einsatz vieler zu erreichen, indem jeder einzelne einen bestimmten persönlichen Beitrag erbringt, der zum Teil eines Ganzen wird. Allerdings werden die Ziele, die mit Hilfe der Beiträge vieler erreicht werden sollen, überwiegend nicht mehr die selben sein, wie noch zur Zeit. Das gezielte Zusammenwirken der Menschen wird nicht mehr vorrangig sicherstellen müssen, dass die Waren und einfachen, mechanischen Dienstleistungen, die jeder Mensch benötigt, zuverlässig in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, sondern wird viel stärker darauf gerichtet sein, den Menschen ein gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen, wo ein Zusammenleben gewollt oder benötigt wird, und ansonsten ein friedvolles Nebeneinander sicherzustellen. Ebenso wird viel stärker dem Bedürfnis der Menschen nach kultureller Betätigung Rechnung getragen.

Die Verlagerung des Schwerpunkts der gemeinsam verfolgten Ziele stärkt demokratische Entscheidungsprozesse

Der Schwerpunkt sinnvollen Zusammenwirkens wird sich mit anderen Worten vom materiellen, konsumorientierten Bereich in den sozialen, konstitutiven Bereich verlagern. Es wird sich dadurch eine neue Qualität der demokratischen Strukturen entwickeln. Während nämlich in früheren Zeiten der soziale, konstitutive Bereich von einzelnen Menschen und kleinen, homogenen Gruppen (Monarchen und Adel) wahrgenommen wurde, um den notwendigen Raum für die große Mehrzahl der Menschen zu schaffen, im materiellen, konsumorientierten Bereich tätig zu sein, wird die von mir prognostzierte Entwicklung dazu führen, potentiell alle Menschen in den sozialen und konstitutiven Bereich mit einzubinden. Die dazu nowendige Basis im materiellen, konsumorientierten Bereich wird von Maschinen erarbeitet und sichergestellt werden. Auf diese Weise wird die epochale Entwicklung, Macht immer weniger in die Hände einzelner zu legen und Entscheidungsprozesse immer stärker zu demokratisieren, die bereits seit den Anfängen der Industrialisierung im Gange ist, sehr viel weiter vorankommen.

Sorgenfrei wird unser Leben aber niemals sein

Auch wenn in der Zukunft, die ich mir hier ausmale, ein Großteil der Arbeiten, die wir heute als beschwerlich und unangenehm empfinden, von Menschen nicht mehr verrichtet werden muss, wird es doch niemals ein sorgenfreies Leben geben können. Die Probleme der Zukunft werden zum großen Teil andere sein, als wir sie heute kennen, sie werden aber keineswegs weniger drängend sein. So wird durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen der Bedarf nach Energie, Rohstoffen und anderen natürlichen Ressourcen sehr stark zunehmen. Es ist absehbar, dass dieser Bedarf gemessen an den heutigen Maßstäben für die Effizienz der Nutzung von Energie und Rohstoffen sowie der Verschmutzung unserer Umwelt deren bekannte Kapazitäten weit überschreitet. Diese Tendenz wird noch durch eine weitere umwälzende Entwicklung verstärkt werden.

Menschliche Beziehungen werden sich dank social media global entwickeln

Unser Blick wird sich nicht mehr auf die Gebiete unserer Erde beschränken, die bereits heute zur industrialisierten Welt zählen. Die zunehmende Vernetzung unserer Welt durch den Quantensprung in der Kommunikationsstruktur, den wir zur Zeit durch die rasant fortschreitende Entwicklung der social media erleben, wird nämlich nach meiner festen Überzeugung in der Konsequenz dazu führen, dass sehr viel mehr Menschen Beziehungen zu anderen Menschen in allen Teilen der Welt pflegen. Was mit der weltweiten wirtschaftlichen Vernetzung längst selbstverständliche Realität ist, wird sich auch im Bereich menschlichen Beziehungen entwickeln. Diese Beziehungen werden allerdings eine weitaus intensivere Qualität haben, als bloße Geschäftsbeziehungen. Sie werden emotionale Bindungen, wie Freundschaft und Liebe ganz selbstverständlich mit einbeziehen. Menschen werden die Möglichkeit haben, überall auf der Welt andere Menschen kennenzulernen, die ihnen wichtig werden. In der Folge werden die Menschen ein starkes Bedürfnis danach haben, dass die Lebensverhältnisse überall dort, wo Menschen leben, die ihnen wichtig sind, ebenso gut sind, wie ihre eigenen, auch wenn sie selbst dort nicht leben. Da alle Menschen solche emotionalen Beziehungen pflegen können, wird die Zahl aller einzelnen Beziehungen sehr hoch sein und es ist so gut wie sicher, dass überall auf der Welt Menschen leben, die Menschen in ganz anderen Teilen der Welt wichtig sind. Das bedeutet, es wird ein großes politisches Interesse dafür geben, überall auf der Welt annähernd gleiche, gute Lebensbedingungen zu schaffen.

Nationalstaaten verlieren ihre Legitimität

Die weitere fundamental umwälzende Wirkung dieser Entwicklung folgt daraus unmittelbar und betrifft die heute noch so wichtigen nationalstaatlichen Grenzen, die dadurch ihre Bedeutung fast vollständig einbüßen werden, da die Menschen ein Interesse haben, sich jederzeit frei zu den Menschen bewegen zu können, die ihnen wichtig sind. Politische Grenzen werden dadurch zumindest bei der großen Mehrzahl der Menschen keine Akzeptanz mehr finden. Es wird notwendig werden, sich weltweit auf politische Ordnungsstrukturen zu verständigen, die den neuen Bedingungen besser gerecht werden, als es die nationalstaatlichen Strukturen können. Das bedeutet für die Menschheit eine gigantische Chance, birgt aber auch selbst im besten denkbaren Fall zumindest in einer Übergangszeit die Gefahr, dass ein Machtvakuum entsteht, durch das despotische, ausbeuterische und mithin destruktive Kräfte entstehen, die freiheitlichen, gerechten und demokratischen Gesellschaftsstrukturen im Weg stehen.

Nun aber genug der Spekulation…

Von den vielen Möglichkeiten, über weitere künftige Entwicklungen zu spekulieren, möchte ich an dieser Stelle absehen, da ich befürchte, dass die nachfolgenden Überlegungen, was daraus für Wirtschafts- und Sozialsystem folgt, das sich sozial gerecht und dem Gemeinwohl verpflichtet nennen möchte, ansonsten zu unübersichtlich werden. Ich meine auch, mit den hier skizzierten Entwicklungen (Veränderung der Struktur menschlicher Tätigkeit, Globalisierung menschlicher Beziehungen, Fortschritt in der demokratischen Entwicklung, Notwendigkeit handlungsfähiger globaler Ordnungsstrukturen) die wichtigsten für mein Vorhaben angesprochen zu haben. Ich möchte in den folgenden Blogposts versuchen, darauf den nächsten Schritt aufzubauen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)

Geschrieben von Thomas Reis - 04/09/2011

Um meine Vorstellung davon präziser darzustellen, wie sich menschliches Tun verändern wird, wenn immer weitere Bereiche unserer heute bekannten Arbeitswelt von sich selbst steuernden Maschinen geprägt sein werden, möchte ich mich nun also mit Hannah Arendt auf eine der größten Denkerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts beziehen. Sie wagt in ihrem Werk „Vita activa – Vom tätigen Leben“ den Versuch, das Phänomen menschlicher Tätigkeit umfassend zu beschreiben. Dieses Werk ist, obwohl in den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, auch heute noch von beispielloser Aktualität und dieses Blogpost reicht nicht einmal ansatzweise aus, seinen Inhalt umfassend würdigen zu können. Gleichwohl bietet meines Erachtens selbst die rudimentäre Dartstellung der Struktur von Arendts Systematik ein notwendiges Gerüst für meine Spekulation über die Art und Weise unserer künftigen Tätigkeiten. Hannah Arendt teilt das tätige Leben der Menschen begrifflich in drei Hauptbereiche: Das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln.

Das menschliche Leben als einen Teil der Natur erhalten: Arbeiten

Unter Arbeiten in diesem Sinne versteht man jede Tätigkeit, die direkt der Erhaltung menschlichen Lebens als einem Teil der belebten Natur dient. Wesentliches Merkmal dieses Aspekts des Tätigseins ist die Eigenschaft des Menschen, den Kreisläufen der Natur unterworfen und deswegen durch Geburt in die Welt zu kommen und sterblich zu sein. Arbeiten bedeutet daher auf den Einzelnen bezogen, Tätigkeiten auszuüben, die ständig wiederkehren und darauf gerichtet sind, Stoffwechselprozesse aufrecht zu erhalten und Zerfallsprozesse zu verlangsamen, die letztlich unauswichlich sind. Auf die Gesamtheit der Menschen bezogen werden als Arbeit alle Tätigkeiten bezeichnet, die notwendig sind, um die Menschheit als eine  biologische Gattung zu erhalten, das heißt also alle Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, Geburt und Erziehung von Kindern zu gewährleisten, das Zusammenleben aller zu sichern und jedem einzelnen ein würdiges Lebensende zu ermöglichen.

Erschaffung einer künstlichen Welt zum Schutz gegen natürliche Prozesse: Herstellen

Herstellen ist jede Tätigkeit, durch die unserer natürlichen Umgebung künstliche Gegenstände hinzugefügt werden, die Menschen in einem schöpferischen Akt erschaffen haben. Dadurch entsteht eine Welt, innerhalb derer wir uns vor den potentiell schädlichen Einflüssen der Natur schützen können. Wesentliches Merkmal dieses Aspekts menschlicher Tätigkeit ist es, menschliches Leben durch den Einsatz von Kreativität und handwerklichem Geschick den Einflüssen der Natur zumindest teilweise zu entziehen und Bereiche zu schaffen, in denen der Mensch das Maß der Dinge ist. Herstellen bedeutet daher, die materiellen Voraussetzungen für so etwas wie eine Zivilisation zu schaffen.

Schaffung einer gemeinsam erlebten Wirklichkeit als Voraussetzung für das Zusammenleben: Handeln

Handeln ist schließlich jede Tätigkeit, durch die Menschen als gleichwertige Individuen miteinander umgehen und sich so als politische Wesen zu erkennen geben. Es ist der Bereich menschlicher Tätigkeit, der am allerwenigsten durch Maschinen übernommen werden kann, da sein wesentliches Merkmal darin besteht, dass Menschen öffentlich miteinander kommunizieren und aufeinander bezogene Taten begehen (gute wie schlechte). Da einmal ausgesprochene Worte nicht wieder ungesagt und einmal getane Taten nicht mehr ungeschehen gemacht werden können und beides der Erinnerung unterliegt, erschafft das Handeln eine Geschichte, in der alle Menschen sowohl beteiligte Figuren, als auch Autoren sind. Erst auf diese Weise wird die Welt, innerhalb derer wir alle leben, zu einer gemeinsamen Welt mit einer gemeinsam erlebten Wirklichkeit.

Die unterschiedliche Bedeutung der drei Bereiche in jeder Epoche

Seit jeher sind diese Bereiche mit unterschiedlich starker Bedeutung bestimmend für das menschliche Zusammenleben. Dabei unterschied sich das Verhältnis in denen diese drei Bereiche menschlicher Tätigkeit zueinander stehen, in den verschiedenen geschichtlichen Epochen jeweils signifikant voneinander. Die klassisch griechische und römische Epoche unterschied sich darin vom Feudalismus und der von den Zünften geprägten herstellenden Gesellschaft sowie der Arbeitsgesellschaft, die bis heute für das prägend ist, was ich das System der Erwerbsarbeit genannt habe.

Ein näherer Blick auf die Arbeitsgesellschaft

Das Wesen der heutigen Arbeitsgesellschaft, beschreibt Hannah Arendt damit, dass der Bereich des Herstellens durch den Einsatz von Maschinen immer mehr dem des Arbeitens angeglichen wurde, indem der einzelne Mensch dabei immer weniger schöpferisch tätig wurde. In den heutigen Fabriken schließlich üben die die Menschen nicht mehr so sehr je nach individuellen Fähigkeiten ein bestimmtes Handwerk aus, sondern bedienen lediglich Maschinen und sind dabei austauschbar geworden. Die Tätigkeiten, Menschen dabei ausüben, die Maschinen, die sie bedienen, bestimmen ihren Lebensrhythmus und erlauben es dem Einzelnen immer weniger, noch Einfluss auf das Endprodukt zu nehmen, an dessen Erschaffung sie beteiligt sind. Diese Tätigkeit ist zum Selbstzweck geworden, um den Lebensunterhalt zu verdienen, das heißt mittelbar, um Stoffwechselprozesse aufrecht zu erhalten und Zerfallsprozesse zu verlangsamen. Sie vollzieht sich in ewig wiederkehrenden Kreisläufen und die Menschen sind ihr ebenso unterworfen, wie den natürlichen Kreisläufen. Der Bereich des Herstellens wurde auf diese Weise von dem des Arbeitens fast vollständig überlagert. Gleichzeitig hat sich eine auf gleichartiges Verhalten gerichtete Gesellschaft herausgebildet, die den klassischen Bereich des Handelns weitgehend verdrängt hat, indem individuelle Interaktion von Menschen aufgrund ökonomischer Zwänge weitgehend in den Hintergrund getreten ist. Am deutlichsten ist dies während der eigentlichen Arbeitszeiten, während denen wir uns sehr weitreichenden Reglementierungen unseres Tuns unterwerfen, ist jedoch auch außerhalb dieser Kernzeiten unserer Arbeitstätigkeit sichtbar, wenn wir uns in die Rolle von Mitgliedern der Gesellschaft befinden und ein an gesellschaftlichen Normen ausgerichtetes Verhalten zeigen. Dabei haben wir Umgang miteinander, ohne wirklich miteinander zu interagieren.

Veränderungen des menschlichen Tätigwerdens durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen

Infolge des von mir vorhergesagten weitgehenden Ersatzes menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen im Bereich der Produktion von Waren und der Erbringung eher mechanisch geprägter Dienstleistungen wird sich der Bereich der Arbeit, so wie er von Hannah Arendt für die Arbeitsgesellschaft beschrieben worden ist, dramatisch verändern und seine Bedeutung zu einem großen Teil einbüßen. Tätigkeiten im Bereich der Arbeit werden sich in Zukunft ihrer klassischen Bedeutung wieder annähern und zum einen darauf gerichtet sein, sich gegenseitig darin zu unterstützen, die täglich notwendigen Tätigkeiten zu verrichten, die zur Aufrechterhaltung unseres individuellen Lebens erforderlich sind, soweit sie uns nicht durch Maschinen abgenommen werden können oder wo dies nicht gewünscht ist. Die Tätigkeiten im Bereich der Arbeit werden aber nicht nur darin bestehen, direkt unser Leben aufrecht erhalten, sondern auch darin, das gemeinsame Ziel zu verwirklichen, unser aller Leben miteinander einfacher zu machen sowie unabhängig von äußeren Zielen persönliche Kontakte als Selbstzweck zu pflegen.

Arbeit wird nie wieder eine Sklaventätigkeit sein

Nicht wieder aufleben wird allerdings wird ein grundlegendes Merkmal der klassischen Form von Arbeit, das in der Antike besonders deutlich hervorgetreten ist. In dieser Zeit wurde Arbeit nur von bestimmten Menschen, den Sklaven, zu Gunsten von freien Menschen (in der Antike ausschließlich Männer) ausgeübt. Dies Merkmal wird vollständig dem heute prägenden der Gegenseitigkeit weichen. Arbeit im Sinne der Vita activa wird innerhalb kleinerer gemeinschaftlicher Strukturen geschehen, die ihrerseits Gemeinschaften mit anderen Gemeinschaften bilden und sich so gegenseitig ergänzen und verstärken. Alle beteiligen sich und leisten ihren persönlichen Beitrag, um etwas zu erreichen, das ein Mensch alleine nicht geschafft hätte.

Das Wiedererstarken des Handelns nach der Arbeitsgesellschaft

Die Menschen werden aber auf der anderen Seite sehr viel stärker als heute in dem Bereich miteinander tätig werden, den Hannah Arendt in „Vita aktiva“ als das Handeln beschreibt, das heißt in dem im weitesten Sinne politischen Bereich. Diese Art der Tätigkeit wird eng mit der Entwicklung verknüpft sein, Arbeit innerhalb von Gemeinschaften auszuüben und überall dort stattfinden, wo Menschen unabhängig von der Notwendigkeit, ihr Leben zu erhalten, der Neigung oder persönlichen Sympathie gezwungen sind, miteinander auszukommen, sei es auf der persönlichen und nachbarschaftlichen Ebene, der kommunalen, der regionalen, der kontinentalen oder der globalen Ebene. Diese Tätigkeiten werden darin bestehen, verschiedene, voneinander abweichende Interessen miteinander zu diskutieren und daraus verbindliche Regeln des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit zu entwickeln, zu beschließen und umzusetzen sowie auf allen diesen Ebenen die gleichwohl unvermeidbaren Konflikte nach Möglichkeit gewaltfrei zu lösen.

Der bleibende Bedeutungsvelust des Herstellens als menschlicher Tätigkeit

Die grundlegendsde Änderung menschlicher Tätigkeit wird schließlich den Bereich des Herstellens von Dingen betreffen. Dieser Bereich wird so gut wie vollständig als menschliche Tätigkeit verschwinden und von Maschinen übernommen werden. Menschen werden deren Arbeit lediglich lenken und überwachen sowie die Maschinen fortwährend verbessern. Kulturelle Tätigkeiten, die ihrer Art nach auch in Zukunft einer der exklusiven Bereiche menschlicher Tätigkeit sein werden, wie etwa Philosophie, Naturwissenschaft oder künstlerisches Gestalten, haben in dieser Urform menschlicher Tätigkeit eine Wurzel, haben aber aufgrund ihrer vollständig veränderten Bedeutung den Bereich des klassischen Herstellens von Dingen verlassen.

Was ich deutlich machen möchte

Wie bereits zu Anfang erwähnt, sind diese Ausführungen zu der systematischen Darstellung menschlicher Tätigkeit in „Vita activa“ äußerst rudimentärer Natur (wer Interesse gefunden hat, dieses Meisterwerk von Hannah Arendt näher kennenzulernen, dem kann ich nur dessen gesamte Lektüre empfehlen, es lohnt sich!). Ebenso wenig habe ich eine genaue Beschreibung dessen geliefert, wie ich mir unser Leben in Zukunft konkret vorstelle, sondern lediglich dessen abstrakte Grundzüge. Ich hoffe aber, mit meinen Ausführungen deutlich gemacht zu haben, dass sich die Erscheinung menschlicher Tätigkeit in Zukunft ebenso grundlegend von der heutigen unterscheiden wird, wie die antike Welt von der feudalistischen Welt des Mittelalters und diese von der Arbeitsgesellschaft. Das veränderte Erscheinungsbild menschlicher Tätigkeit wird vollkommen neue Ansätze notwendig machen, um auch in Zukunft ein sozial gerechtes, dem gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem gewährleisten zu können. Bevor ich dazu komme, möchte ich aber im kommenden Blogpost noch einige weitere Spekulationen anstellen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)

Geschrieben von Thomas Reis - 31/08/2011

Wie in Teil XXV angekündigt, unterstelle ich nun, dass ich mit meiner in Teil VII formulierten These recht habe. Diese Annahme zugrundegelegt, möchte ich spekulieren, welche Auswirkungen auf unsere Lebensbedingungen derart veränderte Rahmenbedingungen haben könnten. Beginnen möchte ich hierzu kurz damit, meinen Gedankengang bis zu jener These kurz zusammenfassen.

Kurzer Blick zurück auf den Mechanismus der Erwerbsarbeit

Der Mechanismus, der die Erwerbsarbeit in den vergangenen zweihundert Jahren so erfolgreich gemacht hat, besteht darin, dass mit ihrer Hilfe alle, die sich am wirtschaftlichen Prozess beteiligt haben, davon auch profitieren konnten. Der einzelne Arbeitgeber bekam die nötige Hilfe, um Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Der einzelne Arbeitnehmer erlangte die notwendigen Mittel, die Waren und Dienstleistungen zu erwerben, die er benötigte, um für sich und seine Angehörigen ein eigenständiges und eigenverantwortliches Leben sicherstellen zu können (siehe auch Teil II). Zu Gunsten aller Menschen gemeinsam konnte sich so eine Gesellschaft entwickeln, innerhalb derer es möglich war, die Lebenswirklichkeit einem Ideal sozialer Gerechtigkeit anzunähern. Es bildete sich ein Wirtschafts- und Sozialsystem, das den Menschen genügend Anreize bot, um sich gemeinsam für größere Ziele anzustrengen, als sie ein einzelner hätte erreichen können und dabei insgesamt erfolgreich zu sein, die aber auch für die Schwächeren alles in allem akzeptabel war, da sie es jedem einzelnen ermöglichen konnte, den eigenen Lebensunterhalt sicherzustellen (vergleiche auch Teil V).

Gesellschaftliche Stabilität durch allgemeinen Vorteil

Diese Gesellschaft konnte stabil sein, ohne allzusehr auf staatliche Intervention, etwa durch Repression oder die Alimentation des Einzelnen angewiesen zu sein, da die zwei gegenläufigen Ziele, die Erzeugung von Massenkaufkraft zur Förderung des Konsums und die Kontrolle der durch die gezahlten Löhne maßgeblich beeinflussten Produktionskosten in einem Gleichgewicht gehalten wurden und durch die Förderung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung immer weitere Verteilungsspielräume erschlossen werden konnten. Auf diese Weise konnten immer mehr Waren und Dienstleistungen produziert werden und den Wohlstand allgemein immer weiter steigern.

Die Nebenfolge des technischen Fortschritts

Eine Nebenfolge des immer weiter gehenden technischen Fortschritts ist aber auch, dass bei Produktionsprozessen und zunehmend auch bei Dienstleistungen menschliche Tätigkeit in immer größerem Umfang vollkommen verdrängt wird. Die zentrale Stellung der Erwerbsarbeit im wirtschaftlichen Prozess wird dadurch mehr und mehr zum Problem, da sie nicht mehr allen Menschen gleichermaßen zugänglich ist und so nicht mehr in der gewohnten Weise ihre Funktion als Motor zur Erzeugung und Verteilung des Wohlstands spielen kann (siehe Teil VII).

Die konsequente Fortführung dieses Gedankens

Denkt man diese Entwicklung konsequent zu Ende, werden in Zukunft die Produktion von Waren und die meisten Dienstleistungen nahezu ausschließlich durch Maschinen erfolgen, die sich weitgehend selbst steuern, kontrollieren und ihren Einsatz sowie ihr Zusammenwirken mit anderen Maschinen optimieren. Überall dort, wo Maschinen solche Aufgaben präziser, ausdauernder, kraftvoller, effizienter und damit zuverlässiger erledigen können, wird menschliche Tätigkeit schließlich vollständig verschwinden. Menschliche Tätigkeit wird dagegen immer dort benötigt werden, wo spezifisch menschliche Fähigkeiten notwendig sind: Kreativität, Empathie, Assoziationsfähigkeit, ethisch moralisches Abwägen, Kommunizieren und Handeln, Phantasie, zukunftsgerichtetes Denken und viele mehr.

Was menschliche Tätigkeit sein wird

Der Mensch wird immer ein tätiges Wesen sein, menschliche Tätigkeit wird sich aber radikal verändern. Für menschliche Arbeitskraft, so wie wir sie heute kennen, wird in Zukunft ein sehr viel geringerer Bedarf bestehen, als das heute der Fall ist. Insbesondere für einfache, mechanische und damit monotone Hilfs- und Unterstützungstätigkeiten wird menschliche Arbeitskraft nicht mehr benötigt werden und überall dort, wo menschliche Tätigkeit in den „klassischen Bereichen“ auch weiterhin unverzichtbar sein wird, werden dafür besondere Fähigkeiten und Qualifikationen erforderlich sein.

Der Bedeutungsgewinn für den zwischenmenschlichen Bereich

Es werden sich neue Bereiche herausbilden, in denen menschliche Tätigkeit hauptsächlich stattfindet und zwar dort, wo wir bereits heute die Notwendigkeit erkennen, die wir aber aufgrund vermeintlicher oder tatsächlicher Sachzwänge vernachlässigen. Dies wird in ganz starkem Maß der zwischenmenschliche Bereich sein und zwar im weitesten Sinne, das heißt im privaten, wie im öffentlichen Bereich. Menschliche Tätigkeit wird sich also zum einen auf das direkte persönliche Umfeld beziehen, den privaten Bereich (was den traditionellen Begriff der Familie beinhaltet, jedoch sehr viel weiter gefasst sein wird, als diese), den Freundeskreis, den Kreis interessenbezogener Gemeinschaften und den daraus entstehenden Mischformen.

Eine Analyse nach den Grundlagen der “Vita activa” von Hannah Arendt

Um die Veränderungen in der Art menschlicher Tätigkeit näher zu beschreiben, möchte ich mich einmal mehr auf den begrifflichen Ansatz von Hannah Arend und ihr großes Werk „Vita aktiva“ beziehen, das die gesamten Aspekte menschlicher Tätigkeit unter Bezug auf die antike griechische Welt beschreibt. „Tätig sein“ beinhaltet danach drei Aspekte: Das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln. Hannah Arendt und ihrer Analyse möchte ich daher den nächsten Teil widmen.

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