Soziale Demokratie heute

Blog von Thomas Reis

Archiv für die Kategorie ‘neue Ansätze’

Was wir aus dem Erfolg der Piraten lernen müssen

Geschrieben von Thomas Reis - 19/05/2012

Es klingt nach einem Rätsel: Eine Landtagswahl nach der anderen findet statt und die Piratenpartei landet einen Überraschungserfolg nach dem anderen. Scheinbar rätselhaft ist dieser Erfolg vor allem deswegen, weil die Piraten nicht mit einem wahrnehmbaren Programm antreten und viele ihrer Kandidaten offensichtlich selbst von ihrem Erfolg am meisten überrumpelt sind. Den Eindruck erweckt es zumindest, wenn frisch gewählte Abgeordnete von Landtagen oder Senaten auf Fragen nach den Themen, die sie mit ihrem Mandat anpacken möchten, außer den Themen „Freiheit im Internet“, „Urheberrecht“ und „mehr direkte Demokratie“ wenig konkrete Antworten geben. Zu Problemen wie Staatsverschuldung, Eurokrise, Arbeitslosigkeit, einseitiger Verteilung von Vermögen, Klimaschutz, Sicherung der Energiewende oder was zur Zeit sonst noch so alles auf der durchschnittlichen Politikerseele lasten sollte, hat die Piratenpartei keine eindeutige Haltung. Warum, so fragt man sich, haben die einen solchen Erfolg? Einen Erfolg, der – Ausnahme NRW – regierungsfähige Mehrheiten jenseits großer Koalitionen oftmals verhindern.

Die etwas andere Protestpartei

Den Wählerinnen und Wählern fehlenden Weitblick und eine bloße Protesthaltung vorzuwerfen wäre aus Sicht der etablierten Parteien nachvollziehbar, aber billig. Immerhin profitiert mit den Piraten eine politische Formation von der Unzufriedenheit der Menschen, die – bislang – mit extremistischen Positionen rechts oder links nichts am Hut hat. Das radikal andere der Piraten gegenüber den etablierten Parteien ist eher ihre Arbeitsweise, die sich wohl aufgrund ihrer Affinität zu den neu entstehenden internetbasierten Kommunikationsformen erklärt: Dialogorientiert, basisdemokratisch und cloudgestützt (Wissen ist kein Privileg Einzelner sondern wird von allen mit allen geteilt).

Die Überzeugungskraft der etablierten Parteien schwindet

Diese radikal andere Arbeitsweise als Erklärungsansatz für den Erfolg der Piraten zu wählen, während konkrete Standpunkte zu aktuell drängenden Problemen hierfür weitestgehend in den Hintergrund treten, bedeutet indes auch eine Aussage zu den Standpunkten der etablierten Parteien zu eben jenen Problemen. Diese Standpunkte sind offensichtlich für einen nennenswerten Anteil der Wahlbevölkerung (aktuell immerhin um die acht Prozent, potentiell wohl noch deutlich mehr) kein Argument dafür, eine der etablierten Parteien zu wählen. Das bedeutet, für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung hat keine der etablierten Parteien, weder Unionsparteien, noch Sozialdemokraten, Grüne oder Freidemokraten überzeugende Antworten auf die aktuellen Probleme und die Linkspartei kann davon, anders als in den vergangenen Jahren, nicht profitieren. Das muss zu Denken geben.

Die Welt verändert sich – bekommen wir das mit?

Ich meine, eine naheliegende Antwort auf das Rätsel des Erfolgs der Piraten und die schwindende Überzeugungskraft der etablierten Parteien sind die enormen Auswirkungen auf unser tägliches Leben, die durch die rasante Entwicklung der Rechenleistung von Computern und die vielen Möglichkeiten, das neu entstandene Potential zu nutzen entstehen. In dieser geradezu revolutionär sich ändernden Welt verlieren die alten Gewissheiten erheblich an Überzeugungskraft. Soll sich in dieser Umbruchsituation unter den Menschen nicht lähmende Verunsicherung breit machen, müssen es meines Erachtens aber gerade die etablierten Parteien sein, die Orientierung bieten. Das kann allerdings nicht gelingen, wenn man vor den Veränderungen, die sich vor uns allen abspielen, die Augen verschließt. Genau hier sehe ich bei allen etablierten Parteien Nachholbedarf. Es kommt dabei nicht darauf an, alle bisher vertretenen Positionen über den Haufen zu werfen, sondern allgemeine Grundsätze zu formulieren, auf deren Grundlage dann für die veränderten äußeren Bedingungen die Regeln des Zusammenlebens neu definiert werden können. Einen konkreten Vorschlag für solche allgemeinen Grundsätze habe ich in Bezug auf ein Wirtschafts- und Sozialsystem in Teil XXIII meiner Überlegungen zum Problem der Arbeitslosigkeit gemacht. Es wäre toll, damit eine breite Diskussion anzuregen.

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Neues Parlament im Saarland – Immer noch die alten Denkmuster!

Geschrieben von Thomas Reis - 27/03/2012

Nach der vergangenen Wahl im Saarland stellt sich wieder einmal die Frage, für welche Politik die SPD denn stehen soll und wieder einmal fällt den allermeisten nichts weiter ein, als um die Entscheidung zwischen zwei Lagern zu kreisen.

Die SPD hat aber weder als ewiger Juniorpartner in einer (großen?) Koalition mit der CDU eine ernstzunehmende Chance auf künftige Erfolge, noch als Steigbügelhalter für Egomanen wie Oskar Lafontaine. Die SPD darf sich nicht über Koalitionen definieren, das heißt vorrangig an anderen orientieren, sondern muss sich selbst ernsthaft fragen, was sie möchte und wie sie das erreichen will. Hier muss die SPD besser werden!

Lösungen lassen sich nicht durch Vorschriften in der Verfassung herbeiführen!

Eine sogenannte Schuldenbremse ist ebenso sinnvoll, wie die Forderung, ein Recht auf Arbeit im Grundgesetz zu verankern. Es kann keinen Rechtsanspruch auf ein bestimmtes Ergebnis der Politik geben, sondern die Ergebnisse, die man sich wünscht, müssen erarbeitet werden. Ebenso wie das „Recht auf Arbeit“ eigentlich bedeutet, dass ein sozial gerechtes Wirtschafts- und Sozialsystem jedem Menschen die Möglichkeit eröffnen muss, sich die Grundlage eines guten Lebens eigenverantwortlich zu erwerben, muss eine Politik, die öffentliche Verschuldung beseitigen möchte, darlegen, wie es gelingen kann, dass die Menschen genau die Sicherung ihrer Lebensgrundlagen schaffen, ohne dazu auf staatliche Hilfe angewiesen zu sein.

Bislang stellt keine in den Parlamenten vertretene politische Kraft diese Frage in den Mittelpunkt, weil so gut wie alle die Erwerbsarbeit verabsolutiert haben. Dieser Ansatz repräsentiert die Vergangenheit, er funktioniert aber heute nicht mehr.  Die Piraten scheinen hier als einzige Formation einen neueren Ansatz zu verfolgen, der bei der Linken unter Kommunismusgeschwafel begraben wird. So gut wie niemand sonst berücksichtigt die grundlegende Veränderung der Wirklichkeit, die durch die immer weiter zunehmenden Fähigkeiten sich selbst steuernder Maschinen schon längst in vollem Gange ist. Unter diesen sich rasant verändernden äußeren Bedingungen müssen wir uns alle wieder die grundlegenden Fragen stellen:

Wie soll unser Leben ausssehen? Wie können wir die Grundlagen unseres Lebens sichern? Wie kann dazu eine gleichberechtigte Zusammenarbeit aller aussehen?

Es ist nicht zu spät, damit zu beginnen, wir müssen es aber tun!

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVII (Habt Mut zu einer offenen Diskussion)

Geschrieben von Thomas Reis - 28/01/2012

Nach meinen Überlegungen, wie ein sozial gerechtes, dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem in Zukunft wohl aussehen könnte, stellt sich natürlich die Frage, was das denn jetzt für die konkrete Politik bedeuten könnte, die sich auch mit dem Problem der Arbeitslosigkeit auseinander zu setzen hat.

Eine Aufgabe für uns alle, also politisch

Die große Aufgabe, die ich vor uns allen stehen sehe, ist es, das Problem der Arbeitslosigkeit aus verschiedenen neuen Blickwinkeln zu betrachten und von unterschiedlichen Standpunkten aus Ansatzpunkte für seine Lösung zu diskutieren. Dies ist eine zutiefst politische Aufgabe und ich fürchte, die derzeitige politische Diskussion über dieses Problem hat es bislang noch nicht vermocht, Fortschritte hin zu einer Lösung zu erreichen, weil sich die zentralen politischen Kräfte selbst Denkverbote auferlegen. Auf diese Weise haben wir uns in einem Zustand des Stillstands festgefahren, in dem wir das System der Erwerbsarbeit verabsolutiert haben. Nur innerhalb dieses Rahmens bewegen sich die gängigen Ansätze und fordern je nach politischem Standort mal mehr staatliches Engagement und höhere Beiträge der Vermögenden, mal weniger staatliches Engagement und eine stärkere Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Wenn die politischen Ansätze der einen Richtung dann nicht die gewünschten Ergebnisse bringen, erklären die Anhänger der jeweils anderen Seite dann diese Politik für gescheitert und es geht in die entgegengesetzte Richtung.

Alternative Ansätze werden diskreditiert

Jeder, der einen Gedanken an eine Alternative zum System der Erwerbsarbeit formuliert, steht dagegen im Ruch, politisch extreme (das heißt gefährliche) Außenseiterpositionen oder zumindest naive, nicht realisierbare Wunschvorstellungen zu vertreten. Solange das System der Erwerbsarbeit funktioniert hat, war das Ergebnis dieser Denkverbote kein Schaden. Im Gegenteil gab es so einen „Konsens der Demokraten“, der auch bei dem Wechsel von Mehrheiten – unter den Bedingungen demokratischer Meinungsbildung eine Selbstverständlichkeit – zu einer Stabilität gewisser Grundannahmen geführt hat. Erst dieser Umstand hat es ermöglicht, das System der Erwerbsarbeit schrittweise aber kontinuierlich zu entwickeln, so dass es über lange Zeit hinweg dem Ideal eines sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystem nahe kommen konnte. Nach der These, die ich hier vertrete, wird das System der Erwerbsarbeit allerdings nicht für alle Zeiten funktionieren, sondern hat dieses Wirtschafts- und Sozialsystem seinen Zenith bereits weit überschritten und ist selbst zum Kern des Problems der Arbeitslosigkeit geworden.

Eine neue Aufgabe für die zentralen politischen Kräfte

Gerade die Aufgabe der zentralen politischen Kräfte ist es daher, die Überlegungen über Alternativen zum System der Erwerbsarbeit nicht mehr allein den Vertretern extremer politischer Positionen zu überlassen, sondern diesen Überlegungen einen festen Platz in dem Bereich der politischen Diskussion einzuräumen, der den grundsätzlichen Willen einer möglichst breiten Schicht der Bevölkerung repräsentiert.

Neue gedankliche Ansätze der Parteien gefährden ihren Wahlerfolg – tatsächlich?

Eine Diskussion über die grundlegende Veränderung oder gar Abschaffung des Systems der Erwerbsarbeit mag derzeit noch die Gefahr bergen, von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt zu werden. Die derzeit erfolgreichen politischen Kräfte mögen sich aus diesem Grund scheuen, eine solche Diskussion zu führen, denn das könnte ihnen die Basis ihres Erfolgs entziehen, die Zustimmung der Wähler. Ich meine aber, diese Furcht ist nicht nur unbegründet, sondern in Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt. Eine offene Diskussion über die Möglichkeiten und Grenzen des Systems der Erwerbsarbeit wäre eher der Schlüssel für die Parteien, ihr momentan eher schwindendes Ansehen in der Bevölkerung wieder zu verbessern. Es ist die eigentliche Aufgabe der politischen Parteien, Plattformen für die politische Willensbidung der Bevölkerung zu sein. Sie haben dazu Themen aufzugreifen, in ihren Gremien zu diskutieren, aus den Ergebnissen dieser Diskussionen Vorschläge für parlamentarische Entscheidungen zu entwickeln und in der öffentlichen Debatte zu vertreten, um dann bei Wahlen Mehrheiten dafür zu finden.

Es besteht bei vielen Menschen längst ein Unbehagen

Meiner Beobachtung nach besteht längst ein Unbehagen vieler Menschen angesichts der Verteilung von Chancen und Risken im bestehenden System der Erwerbsarbeit, insbesondere ihrer ganz persönlichen Zukunftsaussichten und viel mehr noch denen ihrer Kinder. Mit ihrem Unbehagen fühlen sich diese Menschen aber von den zentralen politischen Parteien nicht mehr ausreichend wahrgenommen. Im Gegenteil entsteht vielfach der Eindruck, es gehe den politischen Kräften, die jeweils die Regierung stellen, ausschließlich daraum, ihre daraus resultierende Macht zu erhalten und zu ihrem eigenen Wohl und dem Wohl ihrer direkten Unterstützer zu nutzen. Das Wort von der Klientelpolitik ist dabei allgegenwärtig und diskreditiert von vornherein jeden Versuch, die bestehenden Institutionen zu verändern. Das Wort „Reform“ wird in der Folge sowohl von ihren jeweiligen Befürwortern als auch von Bedenkenträgern fast ausschließlich mit der Bedeutung gebraucht, von der breiten Masse der Bevölkerung den Verzicht auf sicher geglaubte soziale Errungenschaften und Einschränkungen in ihrem Lebensstandard einzufordern (sei es durch den Abbau von Leistungen oder die Erhöhung von Steuern und Abgaben).

Großes Unbehagen angesichts der Agenda 2010: Eine unbefriedigende Bilanz

Auch der letzte große Versuch, das System der Erwerbsarbeit zu erhalten und es noch einmal für alle Menschen attraktiv zu machen, daran teilzunehmen, die Agenda 2010, lässt sich unter diese Definition fassen. Für viele Menschen bedeutete dieser politische Ansatz große Einbußen (siehe Teil XIVa und Teil XIVb) hat aber bislang noch nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Die Bilanz ist nicht befriedigend: Der Versuch, wieder allen Menschen die Teilnahme am Erwerbsleben zu ermöglichen, hat zunächst lediglich vordergründig Erfolg gehabt. Die offiziellen Statistiken weisen zwar einen Rückgang der Zahl der arbeitslosen Menschen aus, aber es sind immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage, von dem, was sie bei ihrer Arbeit verdienen, auch in Würde zu leben. Viele der neu geschaffenen Arbeitsplätze sind außerdem nicht dauerhaft, können also keine längerfristige Erwerbsgrundlage sein. Die Lasten stehen zu diesen bescheidenen Erfolgen bislang in keinem Verhältnis. Die Erfolge zeigen sich vor allem an abstrakten wirtschaftlichen Daten und dafür mussten breite Schichten der Bevölkerung sinkende Reallöhne und Lohnersatzleistungen bei gleichzeitig nicht wesentlich sinkenden Belastungen durch Steuern und Abgaben hinnehmen.

Die Erfolge sind für viele Menschen nicht greifbar

Die Agenda 2010 hat es bislang nicht vermocht, der Mehrzahl der Menschen Grund für die Zuversicht zu geben, dass es ihnen in der näheren Zukunft besser gehen wird. Im Gegenteil haben auch viele der Menschen, die zurzeit sichere Arbeitsplätze haben, die Befürchtung, es werde ihnen in Zukunft schlechter gehen. Auf dieser Grundlage ist es nicht zu erwarten, dass die Menschen geneigt sind, Projekte anzugehen, die allzu weit in die Zukunft gerichtet sind oder ihr Leben allzusehr verändern. Zu beobachten ist dies nicht zuletzt in der kritischen Haltung, die viele Menschen gegenüber großen Projekten, wie Stuttgart 21 einnehmen.

Die Kritiker der Agenda 2010 überziehen aber bei weitem

Den Befürwortern der Agenda 2010 deswegen Verrat an den Gedanken der Sozialdemokratie vorzuwerfen, halte ich allerdings für ebenso töricht, wie kurzsichtig, denn es verschließt die Augen vor einigen Einsichten. Angesichts der bereits damals erkennbaren Veränderungen unserer Lebensbedingungen, vor allem dem gestiegenen Potential des Einsatzes von Maschinen für immer komplexere Tätigkeiten hat sich der Einsatz menschlicher Arbeitskraft in einer auf Profit ausgerichteten Wirtschaft immer weniger rentiert. Das Festhalten am System der Erwerbsarbeit war daher nur um den Preis der Agenda 2010 möglich. Niemand hat aber kurz vor und nach der Jahrtausendwende daran gedacht, vom System der Erwerbsarbeit abzurücken. Wer aber die Einschränkungen durch die Agenda 2010 – aus meiner Sicht zu Recht – für das Äußerste hält, was der breiten Schicht der Bevölkerung zumutbar ist, muss angesichts der fortschreitenden technischen Entwicklung bereit sein, über grundsätzliche Veränderungen nachzudenken. Das System der Erwerbsarbeit mit begründeten Argumenten zu hinterfragen, birgt daher aus meiner Sicht wesentlich weniger Risiken, als es gemeinhin angenommen wird. Es braucht lediglich ein wenig Mut!

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