Soziale Demokratie heute

Blog von Thomas Reis

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIII (Notwendige Änderung des Verteilungsmaßstabs)

Geschrieben von Thomas Reis - 27/11/2011

Die Bewertung von Waren und Dienstleistungen anhand eines einheitlichen Maßstabs, obwohl sie sich in wesentlichen Kriteien unterscheiden (siehe Teil XXXII), führt für die Bewertung der menschlichen Tätigkeit, durch die sie erzeugt werden, so lange nicht zu Schwierigkeiten, wie sowohl die Herstellung von Waren, als auch die Erbringung von Dienstleistungen im wesentlichen von menschlicher Tätigkeit abhängt und die erbrachten Dienstleistungen größtenteils im Zusammenhang mit der Herstellung, dem Verkauf und der Pflege von Waren benötigt werden. Entscheidend ist dann nämlich, dass beide Arten von Tätigkeiten ein Beitrag sind, um das gemeinsame Ziel zu erreichen, diese Waren herzustellen und nutzbar zu machen. Der Sinn dieser gemeinsamen Tätigkeit ist es im System der Erwerbsarbeit, die Versorgung aller mit den notwendigen Waren und Dienstleistungen sicherzustellen und durch die Beteiligung von im Wesentlichen allen einen allgemein als gerecht anerkannten Maßstab zur Verteilung der geschaffenen Güter zu erhalten.

Gerechte wirtschaftliche Bewertung für Dienstleistungen im sozial konstitutiven Bereich?

Tritt die von mir vorhergesagte Entwicklung ein, werden aber die Menschen größtenteils Tätigkeiten verrichten, die zwar auch Dienstleistungen sind, die aber von der Herstellung, dem Verkauf oder der Pflege von Waren weitestgehend abgelöst sind. Diese Tätigkeiten werden sich kaum in die heute bekannte wirtschaftliche Leistungsrechnung integrieren und damit in gerechte Anteile an den maschinell erzeugten Waren und Dienstleistungen umrechnen lassen, da zu den in Teil XXXII beschriebenen Besonderheiten bei der Bewertung von Dienstleistungen noch kommt, dass viele dieser Tätigkeiten unmittelbar dem Erhalt menschlichen Lebens und der Aufrechterhaltung und Pflege des gemeinschaftlichen Lebens dienen werden, der stofflichen Welt aber nichts hinzufügen. Derartigen Tätigkeiten lässt sich kaum ein angemessener materieller Wert beimessen, da es an einem allgemein anerkannten Maßstab fehlt, den Wert menschlicher Gemeinschaft in Geld, das heißt in Kategorien des Nutzens zu bemessen und es aus naheliegenden Gründen von vornherein ausgeschlossen ist, ein menschliches Leben überhaupt nach wirtschaftlichen Kriterien zu bewerten.

Zum Beispiel: Leistung von Menschen in Pflegeberufen

Die Problematik wird bereits heute deutlich, wenn es beispielsweise darum geht, die Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, angemessen zu bezahlen oder der Familienarbeit auch nur ansatzweise die Wertschätzung zukommen zu lassen, die sie verdient. Es ist daher bereits heute kaum möglich, die Leistung der dort tätigen Menschen durch eine entsprechend hohe Vergütung zu honorieren, gleichzeitig genügend Menschen in diesen Bereichen beschäftigen zu können und es zu bewerkstelligen, die dadurch entstehenden Kosten aus dem allgemeinen Wirtschaftskreislauf aufzubringen. Dieses Missverhältnis zwischen dem nicht materiellen Wert der von Menschen ausgeübten Tätigkeiten, ihrer allgemeinen Wertschätzung und ihrer materiellen Bewertung als wirtschaftliches Gut wird sich unter den von mir vorhergesagten künftigen Bedingungen (menschliche Tätigkeit findet weit überwiegend im sozial konstitutiven Bereich statt, im materiell konsumorientierten Bereich aber nur noch vereinzelt) noch einmal sehr verschärfen. Das bedeutet, dass entweder die Vergütung der Menschen, die in den künftig bestimmenden Bereichen tätig sind, endgültig nicht mehr ausreichen wird, um es ihnen zu ermöglichen, auf dieser Grundlage ihren Lebensunterhalt sicherzustellen oder die Kapazität der wirtschaftlichen Wertschöfpung wird dauerhaft überdehnt, da die Leistung der Maschinen nach den heute geltenden Maßstäben und ohne Beteiligung von Arbeitnehmern ausschließlich ihren Eigentümern zugute kommt, das heißt wenigen Menschen große Vermögen beschert, während für die Entlohnung der meisten Tätigkeiten zu wenig finanzielle Mittel im Umlauf sind was sich in einer stetig anwachsenden Verschuldung äußern wird (ob es sich dabei um öffentliche oder private Verschuldung handelt, ist in diesem Zusammenhang nicht entscheidend). Im Ergebnis werden sich die allgemein verbindlichen sozialen Regeln, wie es den Menschen auf allgemein akzeptierte Art und Weise möglich ist, ihren notwendigen Lebensunterhalt sicherzustellen, nicht mehr derart weitgehend auf die individuelle Leistung der Menschen als Verteilungs- und Bewertungsmaßstab stützen können, wie das im System der Erwerbsarbeit als selbstverständlich empfunden wird.

Es droht ein weiteres Spannungsvehältnis

Wenn nämlich die von mir vorhergesagte Entwicklung einträte, ohne dass sich am geltenden Verteilungs- und Bewertungsmaßstab etwas ändert, würde sich in der Folge ein weiteres Spannungverhältnis zwischen zwei grundlegenden Merkmalen eines sozial gerechten, am Allgemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems aufbauen und das Wirtschafts- und Sozialsystem zu zerreißen drohen. Das Merkmal eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems, vorteilhaft für alle zu sein, die sich ernsthaft daran beteiligen (Punkt 4 der in Teil XXIII genannten Merkmale), träte in Konflikt mit dem Merkmal, im Verbrauch wirtschaftlicher Ressourcen nachhaltig zu sein (Punkt 7 der in Teil XXIII genannten Merkmale). Außerdem könnten die Beiträge, die ein Einzelner dann erbringt, um in einer arbeitsteiligen Gesellschaft die künftigen umfassenden gemeinsamen Ziele zu erreichen, nicht mehr zuverlässig in einen fairen Anteil an den maschinell erzeugten Waren und Dienstleistungen umgerechnet werden.

Mein Vorschlag: Ein geteilter Maßstab für die Verteilung von Gütern

Als Auflösung des gerade beschriebenen Spannungsverhältnisses schlage ich folgendes vor: Der Maßstab für die gerechte Verteilung der weitgehend durch Maschinen erzeugten Waren und Dienstleistungen sollte geteilt sein, je nachdem, ob die Güter benötigt werden, um die in Teil XXX genannten elementaren Bedürfnisse oder darüber hinausgehende Bedürfnisse zu befriedigen. Die letztgenannten Güter können auch weiterhin Teil des heute bekannten Wirtschaftskreislaufs bleiben und über den Weg der in Zukunft noch verbleibenden Notwendigkeit zur Ausübung von Erwerbsarbeit durch Menschen nach dem Maßstab der dort erbrachten individuellen Leistung verteilt werden. Der Maßstab für die Verteilung der elementaren Güter sollte aber das Bedürfnis jedes einzelnen Menschen sein. Jeder Mensch soll so viel von den maschinell erzeugten Waren und Dienstleistungen erhalten, wie er benötigt, um seine elementaren Bedürfnisse sowie diejenigen der Menschen, die ihm wichtig sind, befriedigen zu können. In dieser Zweiteilung würde sich ein künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem grundlegend vom heutigen System der Erwerbsarbeit unterscheiden.

Für die Mehrzahl der Menschen vorteilhaft

Für die Menschen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts unter den heutigen Bedingungen noch darauf angewiesen sind, die Möglichkeit zu haben, Erwerbsarbeit zu leisten (das heißt die große Mehrzahl der Menschen), bestünde auf diese Weise auch unter den Bedingungen, die ich mir für die Zukunft ausgemalt habe, die Möglichkeit, ein allgemeines System sozialer Regeln zu etablieren, wie sie auf allgemein anerkannte Weise die notwendigen Mittel für ihren Lebensunterhalt erwerben können. Für diese große Mehrzahl der Menschen ist es unter den von mir vorhergesagten Bedingungen auch vorteilhaft, den Anspruch auf die maschinell hergestellten Güter und Dienstleistungen nach dem Maßstab des individuellen Bedürfnisses zu erhalten, soweit sie nötig sind, um die elementaren Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen und den Maßstab der individuellen Leistung insofern weitestgehend abzulösen.

Aber: Wird es gelingen, davon auch diejenigen zu überzeugen, die von einem unveränderten System profitieren würden?

Da ich aber davon ausgehe, dass auch unser zukünftiges Zusammenleben auf der Grundlage von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beruhen wird, behält das Merkmal eines sozial gerechten, am Allgemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems, für alle vorteilhaft zu sein, seine herausragende Bedeutung, denn jedes Wirtschafts- und Sozialsystem ist unter diesen Bedingungen auf eine breite Zustimmung angewiesen. Ich muss daher die Frage beantworten, warum auch die Menschen einen solchen Verteilungsmaßstab für sich als vorteilhaft anerkennen sollten, die die Maschinen, die all die Waren und Dienstleistungen ohne das Zutun von Menschen erzeugen, erdacht, entwickelt und gebaut haben sowie ihren Betrieb aufrecht erhalten und die dazu ihre Leistung in Form von Geldmitteln, Sachmitteln oder Arbeitskraft zur Verfügung gestellt haben. Wenn nämlich der von mir vorgeschlagene Wechsel des Verteilungsmaßstabs stattfindet, bedeutet dies, dass ein nicht unerheblicher Teil der maschinell erzeugten Waren und Dienstleistungen den Menschen ohne eine direkte Gegenleistung zur Verfügung gestellt wird, aus Sicht der Hersteller also unentgeltlich. Die Arbeit von Maschinen wird mit anderen Worten zum öffentlichen Gut.

Dieser Frage möchte ich mich im nächsten Blogpost zuwenden.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)

Geschrieben von Thomas Reis - 30/10/2011

In Teil XXIX habe ich das Spannungsverhältnis der in Teil XXIII genannten Punkte 1, 6 und 8 der Merkmale eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems beschrieben. Um meinen Ansatz unter dem Aspekt unserer künftigen Lebensbedingungen, über den ich in Teil XXVIII spekuliert habe, nicht an inneren Widersprüchen scheitern zu lassen, habe ich vorgeschlagen, nach Wegen zu suchen, die vorhandenen Ressourcen effizienter und weniger umweltbelastend einzusetzen, neue Ressourcen zu erschließen sowie unsere Bedürfnisse zu überdenken, für deren Befriedigung Ressourcen verbraucht werden.

Vorrangig sollten wir unsere Bedürfnisse überdenken

Da die beiden erstgenannten Ansätze künftige Entwicklungen in Wissenschaft und Technik voraussetzen, deren Reichweite heute noch nicht genau abgeschätzt werden können, sollten die Überlegungen sinnvoller Weise mit der Bedürfniskritik beginnen. Wenn unterstellt werden muss, dass die Befriedigung einiger Bedürfnisse, die uns in den industrialisierten Regionen der Erde ganz selbstverständlich erscheint, unter der Bedingung vergleichbarer Lebensbedingungen überall auf der Welt nicht mehr möglich ist, muss man Prioritäten setzen und Bedürfnisse benennen, deren Befriedigung auf alle Fälle unabdingbar ist. Als derart elementare Bedürfnisse möchte ich benennen:

  • ausreichend Nahrung in guter Qualität zur Verfügung zu haben,
  • vor schädlichen Natureinflüssen geschützt zu sein,
  • Zugang zu einer grundlegenden Gesundheitsfürsorge zu besitzen und
  • in einem friedlichen Umfeld zu leben, das es ermöglicht
  • soziale Kontakte zu pflegen und als Person von anderen anerkannt zu sein.

Es dürfte bereits eine enorme Herausforderung für jedes Wirtschafts- und Sozialsystem darstellen, diese Bedürfnisse für alle Menschen auf der Welt zuverlässig befriedigen zu können.

Was bedeutet der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse?

Um Missverständnissen vorzubeugen sei eines klargestellt. Ich meine keineswegs, das Wirtschafts- und Sozialsystem einer Erdenregion, sagen wir Europa, sei verpflichtet und müsse in der Lage sein, die Bedürfnisse weltweit zu befriedigen. Ich bin aber davon überzeugt, dass es dann, wenn die von mir prognostizierte Entwicklung tatsächlich stattfindet, allgemein akzeptiert werden muss, Wirtschaft als die globale Aufgabe zu begreifen, die Bedürfnisse der Menschen überall auf der Welt zu befriedigen. Der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse bedeutet dann für alle Menschen überall auf der Welt, dass Energie, Rohstoffe und natürliche Ressourcen sowie die Belastung unserer Umwelt zu allererst dazu zu dienen hat, Waren und Dienstleistungen zu erzeugen, die notwendig sind um die elementaren Bedürfnisse aller Menschen weltweit zu befriedigen und allgemein verfügbar zu machen. Bedürfnisse, die über die elementaren hinausgehen, können hingegen nur dann befriedigt werden, wenn die elementaren bereits zuverlässig befriedigt werden.  Das bedeutet vor allem für die Menschen in den heutigen Industriestaaten deutlich spürbare Veränderungen in den Lebensgewohnheiten, deren bloße Vorstellung von ganz vielen bereits als Verlust empfunden wird.

Ein Verlust?

Diesen Verlust wird man allerdings nicht im strengen Sinne so bezeichnen können, da unter den heutigen Bedingungen unser Reichtum vielfach dadurch entsteht, dass aus den wirtschaftlich schwachen Gebieten Rohstoffe billig in die wirtschaftlich starken Gebiete verkauft und dort zu wertvollen Produkten veredelt werden (siehe dazu bereits Teil XXI). Wenn wir in den wirtschaftlich starken Gebieten für die inführung dieser Rohstoffe einen höheren Preis werden zahlen müssen, der es den Menschen in den Herkunftsländern erlaubt, ihre elementaren Bedürfnisse befriedigen zu können und wenn wir es akzeptieren müssen, dass die Menschen in den Ländern, in denen die Rohstoffe lagern, diese stärker auch selbst nutzen, macht sich das zwar bemerkbar, als ob die Menschen hier etwas abgeben müssten. In Wirklichkeit profitieren aber lediglich die Menschen in den wirtschaftlich starken Regionen der Erde weniger auf Kosten der Menschen in den ärmeren Regionen der Erde. Einem solchen „Verlust“ werden sich die Menschen in den Industrieregionen der Erde schon allein aus Gründen der Vernunft (näheres dazu in Teil XXIX) wohl kaum verschließen können. Wie groß der „Verlust“ sein wird, hängt im übrigen davon ab, wie weit die wissenschaftlichen Erkenntnisse und technologischen Weiterentwicklungen reichen werden, die es ermöglichen,  in Zukunft die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizienter zu nutzen.

Neue Lebensbedingungen führen wahrscheinlich von sich aus zu veränderten Bedürfnissen

Ich meine aber, es ist auch gar nicht abwegig anzunehmen, dass sich die Bedürfnisse der Menschen von sich aus verändern werden, da eben die veränderten Prioritäten bei der Nutzung von Rohstoffen, Energie und natürlichen Ressourcen auf einer veränderten Wahrnehmung basieren, wie weit ein Wirtschafts- und Sozialsystem in Zukunft reichen soll. In dem Maß, in dem sich für die künftigen Menschen der Kreis derer räumlich wie zahlenmäßig erweitert, mit denen sie sich emotional verbunden fühlen, werden auch die Bedürfnisse der Menschen nach Kommunikation und sinnstiftender Gemeinschaft stärker ausgeprägt sein, während intensiver Konsum zur Befriedigung nicht elementarer Bedürfnisse, der mit einem hohen Ressourcenverbrauch einhergeht, dort, wo er lediglich um seiner selbst Willen stattfindet, an Bedeutung verlieren wird. Dies ist auch deswegen wahrscheinlich, weil es nach meiner Spekulation der Stärkung des Handelns als einer Form menschlicher Tätigkeit entspricht, die infolge der schwindenden Bedeutung des Bereichs der Arbeit im Vergleich zum heutigen System der Erwerbsarbeit eintreten wird (ausführlicher dazu Teil XXVII). Auf diese Weise wird eine zukünftige Gesellschaft von sich aus eine Tendenz aufweisen, gemeinschaftsorientiert zu sein und so in besonderem Maße eine wichtige Anforderung an ein sozial gerechtes, am Gemeinwohl orientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem (Punkt 5 der in Teil XXIII genannten Merkmale) erfüllen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)

Geschrieben von Thomas Reis - 16/10/2011

Nachdem ich in einigen aus meiner Sicht grundlegenden Punkten meine Spekulation darüber dargelegt habe, wie sich die äußeren Bedingungen für unser Wirtschafts- und Sozialsystem in der Zukunft weiter entwickeln werden, soll es nun darauf ankommen herauszufinden, wie ein künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem aussehen muss, soll es unter diesen Bedingungen sozial gerecht und dem Allgemeinwohl verpflichtet genannt werden können. Dazu werde ich auf die Merkmale zurückgreifen, die ich in Teil XXIII zusammengefasst habe.

Anwendung der Merkmale eines sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems

Als erstes muss das Wirtschfts- und Sozialsystem in der Lage sein, die grundlegenden Bedürfnisse aller, die sich ernsthaft daran beteiligen, zu befriedigen. Was sich beschränkt auf unsere Überflussgesellschaft eigentlich wie eine unproblematische Forderung anhört, erhält eine große Brisanz, wenn man den Blickwinkel erweitert.

Konflikt zwischen der Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Menschen, der Endlichkeit der Ressourcen und dem Schutz der Umwelt bei globaler Betrachtung

Wie ich gegen Ende von Teil XX bereits kurz angedeutet habe, ist es von vornherein notwendig, den Bedarf nach Energie, Rohstoffen und natürlichen Ressourcen und die Probleme, die aus der Verschmutzung der Luft der Böden und der Gewässer folgen, sehr viel größer einzuschätzen, wenn alle Menschen auf der Erde zu berücksichtigen sind. Denn es wird nicht mehr ausreichen, sich ein Wirtschafts- und Sozialsystem beschränkt auf räumlich und politisch begrenzte Bereiche vorzustellen, die neben anderen Wirtschafts- und Sozialsystemen existieren, ohne dass diese Systeme einander beeinflussen. Alle Menschen auf dieser Erde in die Überlegungen mit einzubeziehen, ist im Gegenteil ein direktes Merkmal eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems. Dieses Merkmal angemessen zu berücksichtigen, wird unausweichlich sein, da nach der von mir prognostizierten Entwicklung die Menschen emotional geprägte Beziehungen zu Menschen überall auf der Welt haben und ein Interesse entwickeln, weltweit vergleichbar gute Lebensbedingungen vorzufinden. Da die unerwünschten Folgen der Produktion von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen von vornherein durch Grenzen nicht aufzuhalten sind (Erderwärmung durch den Ausstoß von Klimagasen, Verschmutzung von Meeren, Verwüstung ganzer Regionen durch die Gewinnung von Rohstoffen), ist es auch überhaupt nicht fair, einigen Menschen nur die Nachteile zuzumuten, ihnen die Früchte der wirtschaftlichen Betätigung aber vorzuenthalten. Genau das ist es aber leider, was wir alle in den industrialisierten Regionen der Erde tagtäglich tun.

Nicht nur eine Frage der Menschlichkeit, sondern der Vernunft

Dabei ist unsere Haltung nicht lediglich unfair, sondern auch unvernünftig, da es unserem Interesse als den Menschen in Regionen mit einer leistungsfähigen Wirtschaft entspricht, die Verhältnisse insgesamt weitgehend stabil zu halten. Eine Auswirkung der verbesserten Kommunikationsstrukturen ist ja auch eine wesentlich verbesserte Informationsbasis der Menschen, die in Regionen leben, die von der Industrialisierung nicht profitieren. Diese Menschen werden es auch sehr schnell erkennen, wenn sie durch die globalen Wirtschaftsverhältnisse strukturell benachteiligt sind und werden nicht mehr ohne weiteres damit einverstanden sein. Wollen wir also ein Wirtschaften beibehalten, das uns den Wohlstand gebracht hat, den wir heute genießen können und wollen nicht einen großen Teil der Menschen auf unserem Planeten mit Gewalt unterdrücken, sind wir auf den Konsens auch mit den Menschen angewiesen, die heute immer noch in wirtschaftlich benachteiligten Regionen unserer Erde leben. Dies kann aber letzten Endes nur dann gelingen, wenn nicht nur  hier, sondern überall sonst vergleichbare Bedingungen anzutreffen sind.

Keine Spinnerei, sondern ein Zielkonflikt, der ernst genommen und gelöst werden muss

Ich habe bereits die Vermutung geäußert, dass dies, die heutige Rohstoff- und Energieeffizienz unserer Wirtschaft zugrundegelegt, die verfügbaren Kapazitäten der Rohstoffe, der natürlichen Ressourcen und der erzeugbaren Energie bei weitem übersteigen und unsere Umwelt weit über das noch verträgliche Maß hinaus belasten würde. Da es neben der Fähigkeit, die Bedürfnisse der Menschen zuverlässig befriedigen zu können ebenso ein Merkmal eines sozial gerechten, dem Allgemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems ist, die Endlichkeit der Ressourcen und die Zerbrechlichkeit unseres Lebensraums, wie die sozialen Auswirkungen unserer Handlungen in einer vernetzten Welt zu berücksichtigen, entsteht bereits aufgrund dieser scheinbar einfachen Forderungen ein ernsthafter Zielkonflikt. Es entbehrt dabei auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Sorge um die Lebensbedingungen der Menschen in benachteiligten Regionen der Erde, die von der Mehrheit der Menschen in den industrialisierten Regionen der Erde bis heute als weltfremde Spinnerei abgetan wird, unter den Bedingungen einer dramatisch verbesserten allgemeinen Informations- und Kommunikationsbasis, wie ich sie für die – wohl nicht allzuweit entfernte – Zukunft erwarte, als Problem der Tagespolitik sehr weit in den Vordergrund treten wird. Alle, die heute noch eine breit angelegte, ernsthafte gesellschaftliche Diskussion hierüber abwürgen, indem sie sich über die von ihnen so genannten Gutmenschen lustig machen, die das Problem bereits heute thematisieren, sollten sich schon einmal überlegen, mit welcher Position sie sich daran beteiligen möchten.

Neue Ressourcen erschließen und effizienter einsetzen, Bedürfnisse überdenken

Sollen sich also die von mir vorgeschlagenen acht Merkmale eine sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystem nicht bereits hier als miteinander unvereinbar herausstellen, womit sie dann bereits an ihrer ersten größeren Herausforderung gescheitert wären, ist es notwendig, Wege zu vorzuschlagen, die vorhandenen Ressourcen effizienter und weniger umweltbelastend einzusetzen, neue Ressourcen zu erschließen sowie unsere Bedürfnisse zu überdenken, für deren Befriedigung Ressourcen verbraucht werden. Was das genau bedeutet, möchte ich im nächsten Blogpost untersuchen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXV (Grundlagen für konkrete Überlegungen)

Geschrieben von Thomas Reis - 31/07/2011

In den vergangenen Blogposts habe ich viel darüber geschrieben, wie ich mir die Zukunft unseres Wirtschafts- und Sozialsystems nicht wünsche und glaube, damit einen sozialdemokratischen Ansatz zu verfolgen. Ich habe dargestellt, warum aus meiner Sicht das Problem der Arbeitslosigkeit innerhalb des tradierten Wirtschafts- und Sozialsystems, dem System der Erwebsarbeit, auch unter der Voraussetzung von Wirtschaftswachstum nicht gelöst werden kann, sondern sich im Gegenteil auf lange Sicht weiter verschärfen wird (auch wenn es momentan scheinbar besser aussieht). Die viel spannendere Frage ist allerdings, wie ich mir eine bessere Entwicklung in der Zukunft konkret vorstelle. In allgemeiner Form habe ich diese Frage mit den in Teil XXIII genannten abstrakten Merkmalen eines sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems beantwortet. Einen allzugroßen gedanklichen Graben zu unseren heutigen Lebensverhältnissen hoffe ich dadurch vermieden zu haben, dass ich diese Merkmale aus einer Analyse des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Erscheinungsform heraus formuliert habe. Auf dieser Grundlage möchte ich nun Grundzüge einer Vorstellung davon entwickeln, welche konkrete Erscheinungsform unser zukünftiges Wirtschafts- und Sozialsystem auf der Grundlage tatsächlich annehmen wird.

Ein spekulativer Ansatz

Damit betrete ich den Bereich der Spekulation und ich betone noch einmal ausdrücklich, dass ich auf keinen Fall für mich beanspruchen kann, mit einem solchen Vorschlag DIE eine Lösung für das Problem der Erwerbsarbeit zu präsentieren. Ich kann noch nicht einmal eine wirklich konkrete Vorstellung davon bis in alle Einzelheiten beschreiben. Dies wäre auch weder realistisch, noch entspräche es den Bedingungen eines demokratischen Diskurses, da sich in einer Demokratie die Wirklichkeit eben nicht nach dem Willen einzelner entwickeln soll. Es geht mir vielmehr darum, den begonnenen Gedankengang zu einem konstruktiven Ergebnis zu führen und hoffe, damit zu einer umfassenden allgemeinen Diskussion beizutragen, indem ich mich mit meinen Überlegungen einer öffentlichen Kritik stelle. Dabei mag sich mein Gedankengebäude an vielerlei Stellen als unzulänglich erweisen, angefangen bei der Beschreibung des Problems, bis hin zu den Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe. Meine Hoffnung ist es aber, durch meinen Beitrag der derzeitigen Diskussion der gesamten Problematik, wie eine möglichst gerechte Teilhabe aller an dem Gemeinschaftswerk einer arbeitsteiligen Gesellschaft erreicht werden kann, eine neue Dynamik zu geben. Denn nach meinem Eindruck befindet sich diese Diskussion, die so wichtig ist, um jedem Einzelnen einen Weg aufzuzeigen, sich die Grundlage für ein eigenständiges und eigenverantwortliches Leben zu verschaffen, momentan in einer festgefahrenen Lage. Meinen konkreteren Vorschlag möchte ich gerne in mehreren Schritten entwickeln.

Erstens: Spekulation über unsere zukünftige Lebenswirklichkeit

Erstens möchte ich beschreiben, wie ich mir unser aller Lebenswirklichkeit vorstelle, wenn ich mit meiner in Teil VII formulierten These richtig liege, die dort beschriebenen Entwicklungen tatsächlich eingetreten und vollständig abgeschlossen sind. Es ist der Versuch, in die Zukunft zu blicken. Ein solcher Versuch misslingt ja in der Regel umso gründlicher, je detaillierter er unternommen wird. Jedoch hoffe ich, so ganz pointiert darzulegen, was die Entwicklung hin zu einem immer umfassenderen Einsatz von Maschinen, die ja auch heute bereits sichtbar ist, für unsere Gesellschaft bedeuten könnte.

Zweitens: Ein sozial gerechtes, am Gemeinwohl orientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem unter diesen Bedingungen

Auf der Grundlage dieser Beschreibung möchte ich dann zweitens meine Sicht darlegen, wie in einer derart veränderten Gesellschaft ein Wirtschafts- und Sozialsystem aussehen muss, wenn es sozial gerecht und dem Gemeinwohl verpflichtet sein soll. Auf diese Weise hoffe ich deutlich zu machen, dass die selben abstrakt-allgemeinen Merkmale, die bislang das System der Erwerbsarbeit als ein im wesentlichen sozial gerechtes und dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem charakterisieren, unter veränderten Rahmenbedingungen eine ganz andere Erscheinungsform annehmen.

Drittens: Wünsche an die politische Diskussion

Da ich aber nun einmal nicht in die Zukunft blicken kann, bin ich auch nicht in der Lage zu sagen, inwieweit meine Spekulation über die zukünftigen Verhältnisse durch den tatsächlichen Lauf der Dinge bestätigt werden wird. Da ich jedoch andererseits einen Beitrag zu der heutigen Diskussion leisten möchte und glaube, dass meine Spekulation zumindest in wesentlichen Teilen realistisch ist, werde ich drittens einige Wünsche formulieren, auf welche Art und Weise wir die Diskussion über die Möglichkeit der Teilhabe aller an einem arbeitsteiligen Wirtschafts- und Sozialsystem führen sollten. Sollte ich mit meiner Spekulation richtig liegen, dürfte es nämlich im Verlauf einer solchen Entwicklung nach und nach immer weniger Gründe geben, an dem System der Erwerbsarbeit weiter festzuhalten und ab einem gewissen Punkt der Entwicklung wird es allgemeiner Konsens sein, dass es ein anderes, grundlegend verändertes System geben muss.

Noch ein persönlicher Wunsch

Wenn ich mit meinen Ausführungen dazu beitragen kann, dass wir an diesen Punkt nicht vollkommen unvorbereitet gelangen, sondern bereits auf erste Ergebnisse einer allgemeinen öffentlichen Diskussion zurückgreifen könnten, wäre ich darauf bereits sehr stolz.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)

Geschrieben von Thomas Reis - 21/10/2010

Fortsetzung von Teil XXIVa

Das in Teil XXIVa genannte erste Argument, einen extrem libertären Standpunkt abzulehnen, ist wohl das naheliegendste aus sozialdemokratischer Sicht. Denn selbst wenn Sozialdemokraten die mit der Agenda 2010 verbundenen Einschränkungen sozialstaatlicher Institutionen zu verantworten haben, bleibe ich dabei, dass die SPD auch heute die Partei ist, die dem Gedanken an soziale Gerechtigkeit besonders verpflichtet ist. Die Agenda 2010 verlangt den benachteiligten Gruppen unserer Gesellschaft sehr viel ab, teilweise sogar zu viel, wie das Bundessozialgericht klargestellt hat. Das Ziel der Sozialdemokratie war es aber immer, den Szialstaat zu sichern, niemals ihn abzuschaffen (siehe Teil XIVa und Teil XIVb). Darin liegt der große Unterschied zu der libertären Position, deren Vertreter gerade an der Bundesregierung beteiligt sind. Dies ist aus sozialdemokratischer Sicht abzulehnen und ich möchte mit den folgenden Ausführungen gerne noch weitere, scheinbar verblüffende Argumente dafür nennen, die sich aus den in Teil XXIII zusammengefassten acht Eigenschaften eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystem ergeben.

Mangelnde Vereinbarkeit mit einer gemeinschaftsorientierten Gesellschaft

Gemessen an Berichten über eine steigende Zahl von Menschen in den USA, die mehr als eine Vollzeitbeschäftigung ausüben müssen, um für sich und ihre Angehörigen die notwendigen Mittel zum Lebensunterhalt verdienen zu können, halte ich das dortige Wirtschafts- und Sozialsystem auch für weniger geeignet als das europäisch geprägte, eine gemeinschaftsorientierte Gesellschaftsordnung zu stützen (siehe auch die Schilderungen amerikanischer Alltagsgeschichten durch Richard Sennet in „Der flexible Mensch“). Jeder Mensch hat lediglich ein begrenztes Maß an Lebensebergie und es benötigt ebensosehr Energie, soziale Kontakte zu pflegen, wie es Energie benötigt, Arbeit zu leisten, zumal dann, wenn Menschen dauerhafte soziale Kontakte pflegen möchten.

Eine Gesellschaft ohne ausreichend Raum für Gemeinschaften zerstört sich selbst

Eine Gesellschaft, in der es Menschen abverlangt wird, nahezu ihre gesamte Zeit und Kraft in den Erwerb ihres Lebensunterhalt zu investieren, schmälert daher automatisch das Potential der Menschen, in Gesellschaft mit anderen Menschen zu leben. Eine solche Gesellschaft läuft Gefahr, in einzelne, isolierte Individuen zu zerfallen, die nicht in der Lage sind, anders als aus rein materiellem Interesse miteinander umzugehen. Sie beraubt sich selbst ihrer eigenen Grundlage (siehe die Sammlung fulminanter Aufsätze in „Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus“ oder auch „Das Unbehagen an der Moderne“ beide von Charles Taylor). Die europäischen Wirtschafts- und Sozialsysteme haben hier noch eine besser ausbalancierte Verteilung der Gewichte als die in den USA, laufen aber meines Erachtens Gefahr, sich in eine solche Richtung zu entwickeln. Dies kann nicht das Ziel einer vernünftigen Politik sein.

Mangelnde soziale Gerechtigkeit ist nicht nachhaltig

Das Argument, das aus meiner Sicht am deutlichsten den inneren Widerspruch eines extrem libertären politischen Ansatzes aufzeigt, der darauf basiert, die europäischen Wirtschafts- und Sozialsysteme über das durch die Agenda 2010 erfolgte Maß hinaus einzuschränken und damit dem in den USA anzunähern, ist allerdings – durchaus überraschend, dass dieses System aus meiner Sicht nicht nachhaltig ist.

Mangelde soziale Sicherungssysteme und öffentliche wie private Verschuldung

Betrachtet man sich nämlich den Grad der privaten und öffentlichen Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, schneiden die USA  am schlechtesten von allen Industrieländern ab. Insbesondere die private Verschuldung und die damit verbundene geringe Sparquote der Bürger der USA ist besorgniserregend. Dieser Umstand ist allerdings auch relativ leicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass sehr viele Amerikaner nicht nur eine prekäre Einkommenssituation, sondern bislang auch keine ausreichende Sozialversicherung haben. Sie müssen beispielsweise in dem Fall einer schwerwiegenderen Erkrankung notwendige Behandlungskosten selbst tragen und erhalten bei längerer Arbeitslosigkeit nur unzureichende öffentliche Unterstützung zur Bestreitung des Lebensunterhalts. Gleichzeitig basiert die wirtschaftliche Entwicklung in den USA stärker noch als in anderen Industrieländern auf dem Konsum durch jeden Einzelnen. Beide Phänomene lassen sich nur zusammen bringen, wenn es eine wirtschaftliche Kultur gibt, in der es sehr stark akzeptiert ist, sich zu verschulden. Polemisch formuliert, ersetzt die US-Amerikanische Gesellschaft soziale Sicherungssysteme durch private Verschuldung, wohl wissend, dass ein großer Teil einer solchen Verschuldung nicht zurückgezahlt werden kann und letztlich der Allgemeinheit zur Last fällt.

Beispiel Subprimekrise

Ein jüngeres Beispiel ist die Subprimekrise. Diese wurde ausgelöst, als viele untersicherte Hypothekenkredite amerikanischer Imobilenerwerber (sogenannte Subprime-Kredite), durch relativ hochverzinste Anleihen der Kreditgeber abgesichert und damit gebündelt wurden. Diese Anleihen wurden selbst wieder durch neue Anleihen abgesichert und so weiter gebündelt. Als dann durch eine Abschwächung der Wirtschaft die ursprünglichen Kreditnehmer ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen konnten, entstand eine Kettenreaktion von Konkursen, die am Beginn der weltweiten Finanzkrise stand, die wir alle, auch außerhalb der USA gerade ausbaden müssen. Natürlich konnte der Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA nur deswegen solch katastrophale Auswirkungen haben, weil viele Kapitalanleger zu gierig waren und sich von immer höheren Renditen für vermeintlich sichere Kapitalanlagen blenden ließen. Ursprung und Kern des Problems war jedoch die Tatsache, dass in den USA viele Privatpersonen derart hoch verschuldet sind, dass ihnen bei jeder Einkommensminderung die Insolvenz droht.

Unmittelbare Folgen der Subprimekrise

Die direkte Folge einer solchen Immobilienkrise sind eine Vielzahl leerstehender Häuser und ungenutzte Wohngrundstücke, die kaum jemals wieder von irgend jemandem erworben werden und letztlich ihren Wert verlieren. Überall auf der Welt haben außerdem Menschen über Jahre hinweg erarbeitete Wertanlagen zur Altersversorgung innerhalb kurzer Zeit weitestgehend verloren. Die immense Verschuldung der öffentlichen, wie privaten Haushalte in den USA, die ich zu einem großen Teil auch auf die unzureichenden sozialen Sicherungssysteme zurückführe, bewirkt damit letzten Endes, dass reale Werte unnötiger Weise vernichtet werden. Dies nenne ich das Gegenteil von einem nachhaltigen Wirtschafts- und Sozialsystem.

Fazit

Ein weiteres Zurückdrängen der sozialen Sicherungssysteme in den europäischen Staaten, wie es ja auch in Deutschland aktuell nicht auszuschließen ist, führt längerfristig zu schlechteren Bedingungen für alle. Die Agenda 2010 der Regierung Schröder und Fischer mag daher in dem Versuch, unseren Sozialstaat auf der Basis des Systems der Erwerbsarbeit handlungsfähig zu halten, letztlich scheitern. Ein weiterer Abbau sozialer Leistungen kann aber darauf keine sinnvolle Reaktion darauf sein. Wenn es so kommt (und dafür spricht meiner Meinung nach vieles) wird es vielmehr tatsächlich nur weiterhelfen, wenn wir die Diskussion über unser künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem auf einer sehr viel breiteren Grundlage als bislang führen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIII (Ein sozial gerechtes, gemeinwohlorientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem)

Geschrieben von Thomas Reis - 15/09/2010

Meine bisherigen Überlegungen zum Problem der Arbeitslosigkeit haben als Lösungsansatz zu den von mir beschriebenen Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung sowie einer zusätzlichen Eigenschaft geführt. Ich hoffe so, die Diskussion darüber, in welche Richtung sich unser Wirtschafts- und Sozialsystem entwickeln sollte, um allen Menschen eine von allen akzeptierte Grundlage bieten zu können, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und dabei ihre Neigungen und Talente nach Möglichkeit voll zu entfalten, auf eine rationalere Grundlage zu stellen, als das zur Zeit möglich erscheint. Um die Eigenschaften für die weitere Diskussion handhabbar zu machen, möchte ich sie zusammenfassen, sie dabei teilweise in eine neue Reihenfolge bringen und zwei Teilaspekte in eigenen Punkten nennen:

  • Es sollte sich um ein System handeln, das in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse aller, die sich – ihren Kräften und Fähigkeiten gemäß – daran beteiligen, zuverlässig zu befriedigen (siehe Teil XX),
  • das System sollte neben der Sicherung materieller Bedürfnisse durch die in ihm auszuübenden Tätigkeiten auch Sinn vermitteln (siehe Teil XVII),
  • es sollte den Menschen verbindliche soziale Regeln an die Hand geben, anhand derer der Einzelne die Folgen seines Handelns abschätzen kann und die ihm aufzeigen, wie er auf allgemein akzeptierte Art und Weise die notwendigen Mittel für seinen Lebensunterhalt erwerben kann (siehe Teil XVII).
  • Das System sollte für alle, die sich ernsthaft daran beteiligen, vorteilhaft sein, wobei das Wohl der Schwächeren und Schwächsten besonders gefördert wird (siehe Teil XVIII) und
  • es sollte eine gemeinschaftsorientierte Gesellschaftsordnung stärken (siehe Teil XIX).
  • Das Wirtschafts- und Sozialsystem sollte stärker als bislang die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen und die Zerbrechlichkeit unseres Lebensraums berücksichtigen (siehe Teil XX),
  • es sollte überall dort, wo wirtschaftliche Ressourcen verbraucht werden, nachhaltig sein (siehe Teil XX) und
  • es sollte beginnen, der Erkenntnis Rechnung zu tragen, dass jede Handlung in unserer mehr und mehr vernetzten Welt überall soziale Auswirkungen haben kann (siehe Teil XXI).

Schließlich sollen auch die Errungenschaften unseres demokratischen Rechtsstaats mit seiner durch die Verfassung festgeschriebenen Garantie der Grundrechte und Gleichheitssätze in Zukunft gewahrt bleiben und wirkungsvoll verwirklicht werden.

In dieser Form werde ich mich im Folgenden auf die Eigenschaften beziehen. Ich bin der Überzeugung, eine Diskussion auf dieser Grundlage kann nicht nur der Debatte in der Allgemeinheit, sondern auch innerhalb meiner Partei, der SPD, eine feste Grundlage geben. Genau dies ist der Wunsch, den ich mit meinem Vorschlag verfolge.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)

Geschrieben von Thomas Reis - 12/06/2010

Aus dem fünften Merkmal des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung, der Befriedigung unserer Bedürfnisse auf eine nachhaltige Art und Weise, folgt noch ein weiteres notwendiges Merkmal eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems dem ich eine eigenständige Bedeutung beimesse.

Weiteres Merkmal eines guten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems: Berücksichtigung des Zusammenwachsens unserer Welt

Ein solches System muss auch unter den Bedingungen einer fortschreitenden Globalisierung unserer Welt sinnvoll funktionieren. Dieses Merkmal ist bislang weder in der Realität, noch im theoretischen Diskurs einer breiteren Öffentlichkeit ernsthaft berücksichtigt worden, weil es bis vor wenigen Jahren kaum überhaupt als problematisch erkannt worden ist. Deswegen möchte ich es auch nicht als ein Merkmal des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung beschreiben, sondern als Merkmal eines alternativen Systems (das ja durchaus auch ein weiterentwickeltes System der Erwerbsarbeit sein könnte, siehe Teile XV und XVI).

Die Auswirkungen unseres Handelns lassen sich räumlich nicht mehr begrenzen

In Teil XX ist der Gedanke bereits angeklungen, dass eine nachhaltige Art zu wirtschaften es beinhaltet, die grenzüberschreitende Bedeutung des Umweltschutzes angemessen zu berücksichtigen. Der Gedanke der Globalisierung geht darüber allerdings noch weit hinaus. Unsere Welt ist mittlerweile durch international vernetzte Produktionsabläufe, verbesserte Möglichkeiten der Komunikation sowie erweiterte Möglichkeiten der Mobilität derart miteinander verbunden, dass sich sämtliche denkbaren Auswirkungen unseres Handelns nicht mehr auf unsere nähere oder fernere Umgebung begrenzen lassen. Umgekehrt bekommen auch wir mehr und mehr die Auswirkungen der Handlungen von Menschen aus Gegenden überall auf der Welt zu spüren. Wirklich begonnen wahrzunehmen haben wir Bürger der industrialisierten Gesellschaften das wohl erst, als in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts immer mehr Menschen aus Not leidenden Regionen der Welt keinen anderen Ausweg mehr wussten, als ihre angestammte Umgebung zu verlassen und in den besser gestellten Regionen zu versuchen, von dem dort ganz selbstverständlich zur Schau gestellten Reichtum auch etwas zu erlangen. Weiter ist diese Vernetzung in unser Bewusstsein gerückt, seit Waren, die wir täglich gebrauchen, zunehmend auch in anderen Teilen der Welt für niedrigere Löhne sowie unter ungünstigeren Arbeitsbedingungen produziert werden und dies zu Lasten hiesiger Arbeitnehmer geht. Vollends ist das Zusammenwachsen der Welt in unser alltägliches Bewusstsein gerückt, als uns klar geworden ist, dass die Zahlungsunfähigkeit vieler Häuslebauer in den USA letzten Endes die Arbeitsplätze bei Opel in Europa bedrohen kann oder dass die Erfolge einiger über den ganzen Globus verstreuter Wertpapierhändler dadurch erkauft sind, die Menschen in Griechenland an den Rand eines Bürgerkriegs zu treiben.

Wir Bürger der Industriestaaten sind keineswegs die Opfer der Globalisierung, für die wir uns immer halten

Meine Beispiele sollen verdeutlichen, dass Globalisierung immer von den Menschen besonders eindrücklich wahrgenommen wird, die sich von ihr bedroht fühlen. Dagegen nehmen es die allermeisten Menschen nicht wahr (oder verdrängen es), wenn ihre eigenen Verhaltensweisen bedrohliche Folgen für andere haben.Wer beschäftigt sich schon gerne mit mit der Frage, woher der eigene materielle Wohlstand kommt? Wir industrialisierte Gesellschaften importieren Rohstoffe aus allen Teilen der Welt, zum großen Teil aus den ärmeren Regionen, zu sehr niedrigen Preisen und exportieren am Ende einer langen Wertschöpfungskette einen großen Teil der daraus produzierten Waren zu hohen Preisen. Hinterfragen wir, welche Auswirkungen das für die Menschen in den Rohstoffe exportierenden Teilen der Welt hat? Kommt etwas von dem Geld, das wir für Rohstoffe zahlen, allen Menschen zugute oder führt der Streit um dessen Verteilung zu bewaffneten Konflikten? Erfolgt der Abbau der Rohstoffe, ohne das Lebensumfeld der dort lebenden Menschen zu zerstören? Wenn wir ehrlich sind, wollen wir das alles gar nicht so genau wissen! Gleichwohl halten wir es für selbstverständlich, dass ein nicht unerheblicher Teil der in dieser Wertschöpfungskette erzielten Gewinne unser Wirtschafts- und Sozialsystem stützt, von dem wir trotz seines immer vorhandenen Verbesserungspotentials alle profitieren. Diese Entwicklung zeigt sich nicht erst seit gestern, sondern hat seine Ursprünge letztlich seit die ersten Entdecker in die neue Welt aufgebrochen und mit Schiffen voller Gold zurückgekehrt sind. Wir haben es nur niemals Globalisierung genannt.

Ein neues Verständnis für die Zusammenhänge unserer Welt ist notwendig

Ich bin davon überzeugt, dass wir lernen müssen, unsere einseitige Sicht auf die Globalisierung zu überwinden. Die Menschen in den unterprivilegierten Teilen der Welt werden ihre schlechten Lebenschancen nicht mehr allzu lange akzeptieren, sondern mit Macht darauf drängen, von der wirtschaftlichen Entwicklung stärker selbst zu profitieren. Man muss keine Horrorszenarien von neuen Völkerwanderungen oder kriegerischen Auseinandersetzungen bemühen, um zu erkennen, dass solche Forderungen mehr als berechtigt sind: Wer wollte es den Menschen in rohstoffreichen Regionen der Erde übel nehmen, wenn sie verlangen, mit diesen Rohstoffen selbst eine Wertschöpfungskette in Gang zu setzen und sich damit einen eigenen Wohlstand zu erwirtschaften, der nicht in weit entfernte Gebiete abfließt, aus denen sie selbst ausgeschlossen sind? Wir müssen lernen, unsere Eigenschaft als Bedrohung für andere wahrzunehmen, wenn wir über ein gerechtes Wirtschafts- und Sozialsystem nachdenken, das wir auch dauerhaft aufrecht erhalten können. Als zusätzliches Merkmal eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems halte ich eine angemessene Berücksichtigung der Tatsache des Zusammenwachsens unserer Welt für unverzichtbar.

Eine zusammenwachsende Welt bietet auch Chancen

Ich bin außerdem überzeugt, dass sich Globalisierung auch zum Vorteil aller auswirken kann, wenn man dem Zusammenwachsen unserer Welt offensiv gestaltend statt defensiv abwehrend begegnet. Weltweit agierende Unternehmen haben das schon längst begriffen und suchen für sich die günstigsten Produktionsbedingungen überall auf unserem Planeten. Die Bedrohungen für unsere Gesellschaften, die ich weiter oben beschrieben habe, entstehen vor allem daraus, dass wir einzelnen Menschen noch viel zu sehr in den nationalstaatlichen Strukturen denken, die sich in den vergangenen Jahrhunderten etabliert haben, die sich aber als immer weniger geeignet erweisen, die heutigen und vor allem die zukünftigen Probleme der Menschheit zu lösen. Gerade die sich immer weiter verbessernden Möglichkeiten der Kommunikation zeigen aber, dass die Menschen weltweit trotz aller zwischen ihnen bestehenden Unterschiede im Kern sehr ähnliche Wünsche und Bedürfnisse haben. Wir einzelnen Menschen müssen uns daher verbünden, um den Mächtigen ein ernst zu nehmendes Gegengewicht sein und die Berücksichtigung unserer Bedürfnisse erfolgreich einfordern zu können. Wir Sozialdemokraten sollten in diesem Sinne unserer altehrwürdigen Hymne der Internationalen eine moderne Bedeutung verleihen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Nutzen und Nachhaltigkeit)

Geschrieben von Thomas Reis - 24/05/2010

Die bislang beschriebenen Merkmale des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung waren eher abstrakt-theoretischer Natur. Selbst wenn es jedoch ein System gäbe, das in dieser Hinsicht perfekt ist, könnte es für niemanden etwas positives erreichen, wenn es seine hehren Ideen nicht auch in der materiellen Welt dauerhaft konkret erfahrbar machen könnte. Eine ebenso unverzichtbare Eigenschaft dieses Systems, wie die vier bereits beschriebenen (siehe Teile XVII, XVIII und XIX), ist daher seine Verknüpfung mit einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, innerhalb derer es gelingt, die tatsächlichen Bedürfnisse der mit und in ihr lebenden Menschen zu erkennen und zu befriedigen, dabei aber jene positiven Eigenschaften zu erfüllen, die zusammenfassend mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ bezeichnet werden.

Fünfte Eigenschaft: Nutzen und Nachhaltigkeit im Gleichgewicht

Jeder Mensch hat materielle wie immaterielle Bedürfnisse und strebt danach, sie zu befriedigen. Dazu ist ein einzelner Mensch in der Regel nicht – zumindest nicht umfassend – in der Lage. Vielmehr benötigt jeder Mensch die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Dies ist ein weiterer Grund, warum wir alle auf die Gemeinschaft mit anderen angewiesen sind (siehe auch Teil XIX). Zum einen hilft man sich dazu innerhalb der Gemeinschaften, denen man angehört, gegenseitig. Außerdem gelingt es innerhalb des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung, ein umfassendes Angebot an Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen und jedermann hat die Möglichkeit, sich diese zu beschaffen. Soweit zur Existenzsicherung notwendige menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen sind, wird diese Möglichkeit sogar – notfalls durch staatliche Hilfe – garantiert. Der Weg, dies zu erreichen, ist die Produktion und der Verkauf von mindestens so vielen Waren und Dienstleistungen, wie zur Befriedigung der erwarteten Bedürfnisse aller notwendig ist. Es ist die Doppelfunktion der Erwerbsarbeit (siehe bereits Teil II), die es den Menschen ermöglicht, eineseits die benötigten Produkte herzustellen und andererseits die Kaufkraft zu schaffen, mit deren Hilfe die Produkte erworben werden können.

Grenzen einer endlichen Welt berücksichtigen

Bei allen Anstrengungen, genügend Produkte für alle Bedürfnisse bereitstellen zu können, darf allerdings nie aus den Augen verloren werden, dass wir in einer begrenzten Welt mit endlichen Ressourcen leben. Um überhaupt sinnvoll über die Befriedigung von Bedürfnissen nachdenken zu können, sind wir aber darauf angewiesen, erst einmal die Grundvoraussetzungen aufrecht zu erhalten, die zur Erhaltung unses Lebens unmittelbar erforderlich sind und das ist zu allererst ein Lebensraum, der uns Luft, Wasser, ebenso bewohnbare wie fruchtbare Erde, und ein erträgliches Klima bietet. All diese elementaren Lebensgrundlagen werden aber auch durch die Herstellung, den Gebrauch und die Entsorgung von Waren sowie die Erbringung von Dienstleistungen in Anspruch genommen, das heißt ihr Bestand wird geschmälert. Auch in weniger existentieller Hinsicht unterliegen wir der Endlichkeit der Ressourcen, wie bei allen für die Produktion erforderlichen Rohstoffen oder in unserer komplexen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung den privaten wie öffentlichen Haushalten zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln.

Notwendig ist ein intelligentes Gleichgewicht

Wollen wir also unsere Art zu leben dauerhaft aufrecht erhalten und auch späteren Generationen ermöglichen, müssen wir unsere Bedürfnisse auf eine intelligente und zurückhaltende Weise befriedigen. Wir müssen auf Handlungsweisen verzichten, die in der Lage sind, unseren Lebensraum unwiederbringlich zu zerstören. Wir müssen die zur Verfügung stehenden Ressourcen auf eine Art nutzen, die es ermöglicht, dass sie sich durch Nachwachsen oder durch sonstige Regeneration erneuern und dabei berücksichtigen, dass die Auswirkungen aller Eingriffe vor Grenzen nicht halt machen. Außerdem haben wir die Verpflichtung, finanzielle Mittel so zu nutzen, dass daraus keine Verpflichtungen entstehen, die auch kommende Generationen in einem Maß belasten, das den Wert der vererbten Güter und Errungenschaften übersteigt. Es muss gelingen, ein Gleichgewicht zwischen der Befriedigung unserer Bedürfnisse und dieser vernünftigen Weise des Wirtschaftens erreichen. So möchte ich den Begriff „Nachhaltigkeit“ gerne beschreiben.

Hinterherhinken der Realität

Von allen fünf Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung, die ich hier beschreibe, ist diese fünfte diejenige, die in der Realität bislang am wenigsten verwirklicht worden ist. Trotz aller in den letzten Jahren gewonnen Erkenntnisse und bei allen guten Absichten ist es bislang noch nicht gelungen, das oben dargestellte Gleichgewicht im notwendigen Umfang zu erreichen. Nicht einmal die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen kann bislang so erreicht werden, dass in einer globalen Perspektive alle in einem akzeptablen Maß davon profitieren können. Statt dessen maßt es sich ein Teil der Menschheit an, zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse derart viele Rohstoffe zu verbrauchen und natürliche Ressourcen zu belasten, dass es von vornherein undenkbar ist, diesen Lebensstil überall auf der Erde zu ermöglichen. Auch die öffentlichen und privaten Haushalte haben sich – weltweit – in  den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verschuldet. In der Europäischen Union wirkt sich das gerade sehr gefährlich auf die gemeinsame Währung, den Euro aus.

Eingeschränkte Ursächlichkeit der Verdrängung menschlicher Arbeitskraft

Die Defizite in der Nachhaltigkeit, die unseren natürlichen Lebensraum betreffen, kann man nur eingeschränkt mit der von mir vertretenen These über die Verdrängung der Erwerbsarbeit erklären. Bis vor vierzig Jahren war der Gedanke, es sei wichtig, die Umwelt zu schützen, noch kaum anerkannt. Erst seitdem beginnt dieses Bewusstsein nach und nach zu wachsen – ungefähr parallel zur beginnenden Verdrängung der menschlichen Arbeitskraft. Dagegen ist ein solcher Einfluss auf die zunehmende Verschuldung sehr deutlich erkennbar, denn je geringer das Potential der Erwerbsarbeit für die Sicherstellung unseres Lebensunterhalts ist, desto höher wird der Bedarf an anderweitigen Grundlagen und diese bestehen überwiegend in öffentlich finanzierten Sozialsystemen, deren wichtigste Finanzierungsgrundlage bis heute gerade die Ausübung von Erwerbsarbeit ist. Als Ergebnis dieser Entwicklung dürfte in Zukunft eher noch ein höherer Schuldenstand zu erwarten sein, als ein Schuldenabbau. Es stellt sich vor diesem Hintergrund ernsthaft die Frage, wie lange wir uns ein Festhalten am System der Erwerbsarbeit überhaupt noch leisten können.

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