Soziale Demokratie heute

Blog von Thomas Reis

Archiv für die Kategorie ‘Vita activa – Vom tätigen Leben’

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)

Geschrieben von Thomas Reis - 03/01/2012

In den vergangenen Blogposts habe ich auf der Grundlage der in Teil XXIII formulierten Grundsätze einige allgemeine Bedingungen aufgestellt, unter denen ein Wirtschafts- und Sozialsystem auch dann als sozial gerecht und dem Gemeinwohl verpflichtet bezeichnet werden kann, wenn sich unsere Lebenswirklichkeit in der Weise verändert, wie ich mir das vorstelle. Nun bleibt noch die Frage, wie dies konkret umgesetzt könnte. Welcher Weg der beste ist, um

  • eine sinnvolle Zusammenarbeit im sozial konstitutiven Bereich zu erreichen, die sich global, nicht mehr national ausrichtet,
  • die ihre Priorität im materiell konsumorientierten Bereich darauf richtet, die elementaren Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen und
  • die zu diesem Zweck den unentgeltlichen Zugriff aller auf die rein maschinell produzierten Waren und Dienstleistungen eröffnet,

muss sich genauso entwickeln, wie sich unter den Bedingungen der vergangenen 300 Jahre das System der Erwerbsarbeit entwickelt hat.

Noch einmal: Es wird niemand die eine Antwort geben können, die alle Probleme löst

Dies und die Tatsache, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, verbietet es, von irgendjemandem fertige Antworten zu erwarten oder solche geben zu wollen. Notwendig ist eine möglichst breite Diskussion darüber, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Jeder Einzelne kann hierzu einen Beitrag leisten, nicht mehr und nicht weniger. Besonders drängend ist dabei immer die Frage, wie die Menschen ihre elementaren Bedürfnisse zuverlässig befriedigen können. Damit steht und fällt jedes Gesellschaftssystem. Meine Vorstellung dazu, die ich hier in Grundzügen zur Diskussion stelle, ist, entweder allen Menschen unentgeltlich Zugriff auf die Waren und Dienstleistungen zu geben, die sie benötigen, um ihre elementaren Bedürfnisse zu befriedigen oder allen Menschen die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen, um sich diesen Teil der Waren und Dienstleistungen kaufen zu können.

Eine Möglichkeit: Genossenschaften betreiben die Maschinen, mit denen die notwendigen Waren erzeugt werden

Die erste Variante könnte bedeuten, dass sich Menschen auf örtlicher bis regionaler Ebene zusammenschließen, um die Maschinen zu betreiben, die jene elementaren Güter erzeugen, die sie selbst benötigen, um ihren Lebensunterhalt sicherzustellen. Dies wäre dem Grundgedanken wirtschaftlicher Genossenschaften nachgebildet und entspräche am ehesten einem kommunitarischen Ansatz. Derartige wirtschaftlichen Zusammenschlüsse könnten auch gleichzeitig einen organisatorischen Rahmen dafür bieten, im sozial konstitutiven Bereich zusammen zu arbeiten und durch Kontakte zwischen solchen Zusammenschlüssen auch überörtliche Gemeinschaften zu bilden. Jeder einzelne hätte innerhalb solcher genossenschaftlicher Strukturen einen Beitrag zu leisten, der jeweils die individuellen Fähigkeiten am besten für alle nutzbar macht. Entsprechend des veränderten Schwerpunkts menschlicher Tätigkeit läge ein solcher Beitrag vorwiegend darin, das direkte Zusammenleben der Menschen zu fördern und die persönlichen Gemeinschaften zu pflegen, die neben den wirtschaftlichen Zusammenschlüssen bestehen.

Derartige Strukturen müssen sich erst noch entwickeln

Das Entstehen derartiger Strukturen wäre allerdings nur dann im Interesse jedes Einzelnen, wenn sie sich tatsächlich organisch entwickeln und nicht, zum Beispiel durch staatliche Maßnahmen aufgezwungen sind. Das Modell sind daher nicht die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die in den damaligen kommunistischen Ländern gebildet wurden, sondern eher die seit mehr als einhundertfünfzig Jahren bekannten Raffeisengenossenschaften. Jedenfalls stellt sich immer die Frage, inwieweit solche Organisationen Raum für individuelle Entwicklungen jedes Einzelnen lassen. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass es Einzelnen möglich sein muss, derartigen Vereinigungen beizutreten und sie auch wieder zu verlassen. Wie das möglich ist, ohne die Strukturen allzu instabil werden zu lassen, muss sich zeigen.

Eine weitere Möglichkeit: Grundeinkommen, möglicherweise bedingungslos

Die zweite Variante trägt dieser Problematik eher Rechnung. Sie entspräche im Wesentlichen der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Idee ist in den vergangenen Jahren bereits von einigen Befürwortern auf dem Boden unterschiedlicher Grundüberzeugungen und in unterschiedlicher Ausprägung vorangebracht worden. Darauf möchte ich mich an dieser Stelle beziehen. Ich meine, dass diese zweite Variante diejenige ist, die am einfachsten aus dem System der Erwerbsarbeit heraus umsetzbar ist, nicht nur weil sie die in dem bestehenden System bis heute erreichten Möglichkeiten einer individuellen Lebensgestaltung aufgreift, sondern auch weil sie von vornherein flexibler gestaltet werden könnte. Die elementaren Waren und Dienstleistungen sind ja nicht unbedingt deckungsgleich mit den Waren und Dienstleistungen, die aufgrund der von mir spekulierten künftigen Entwicklung rein maschinell erzeugt werden. Gleiches gilt für die Waren, die über die zur Befriedigung der elementaren Bedürfnisse notwendigen hinausgehen und denen, zu deren Erzeugung auch weiterhin menschliche Arbeitskraft notwendig oder erwünscht sein wird. Die Variante „Grundeinkommen“ würde daher aller Voraussicht nach einen geringeren Grad an Veränderung der bestehenden Strukturen unseres Zusammenlebens erfordern und eine weitergehnde Entwicklung ermöglichen. Allerdings stellt sich immer die Frage, wie bedingungslos denn ein Grundeinkommen sein kann.

Es bleibt in jedem Fall die Frage nach der Motivation

Wenn aufgrund der von mir prognostizierten Entwicklung der Verteilungsmaßstab nicht mehr funktioniert, der das System der Erwerbsarbeit so erfolgreich gemacht hat, indem er die Menschen motiviert hat, sich an einer arbeitsteiligen Gesellschaft ihren Kräften gemäß ernsthaft zu beteiligen, bleibt die Frage zu beantworten, wie die Menschen dazu motiviert werden können, weiterhin ihren Beitrag dazu zu leisten, gemeinschaftlich große und umfassende Ziele zu erreichen, die ein Mensch alleine nicht erreichen könnte. Die Antwort auf diese Frage bleibt notwendiger Weise unklar, da niemand genau vorhersagen kann, welches große und umfassende Ziel es sein wird, das sich die Menschen setzen werden, wenn sie durch den Einsatz von Maschinen nicht mehr gezwungen sind, den größten Teil ihrer Arbeitskraft darauf zu verwenden, gemeinschaftlich die notwendigen materiellen Grundlagen ihres Überlebens zu erschaffen.

Noch einmal Hannah Arendt

Ich möchte hier noch einmal so unbescheiden sein, meine Prognose hierzu als zutreffend zu unterstellen: Die Menschen werden sich vorrangig dem sozialen und konstitutiven Bereich, so wie ich ihn in Teil XXVII skizziert habe, zuwenden. Immerhin ist diese Prognose ja auch inspiriert von der fundamentalen Analyse menschlicher Tätigkeit durch Hannah Arendt in „Vita activa“, die ihrerseits auf der Basis der realen Verhältnisse im antiken Griechenland beruht. Der Unterschied der von mir spekulierten künftigen Verhältnisse zu den Verhältnissen im antiken Griechenland ist, dass das Privileg, sich dem Bereich des Handelns widmen zu können, unter den von mir spekulierten Verhältnissen keines mehr ist, da es allen Menschen gleichermaßen zukommt. Die Rolle, die im antiken Griechenland den Sklaven und Frauen zugewiesen war, wird dann auf Maschinen übertragen oder, soweit menschliche Tätigkeit im Bereich des Arbeitens und Herstellens weiterhin gefragt ist, gleichermaßen in der Pflicht aller Menschen liegen. Die Frage, die zu beantworten ist, lautet daher, inwieweit die Menschen in der Lage sind, die Motivation, sich an dem künftigen gemeinsamen Werk zu beteiligen, aus sich heraus zu finden.

Hierzu möchte ich im kommenden Blogpost noch etwas sagen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)

Geschrieben von Thomas Reis - 04/11/2011

Nachdem ich nun in Teil XXIX und Teil XXX meine ersten Gedanken darüber entwickelt habe, wie ein sozial gerechtes und dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschfts- und Sozialsystem in Zukunft aussehen könnte, hoffe ich, niemanden allzusehr verschreckt zu haben. Was ich begreiflich machen möchte ist, dass die abstrakten Grundsätze eines solchen Systems, wie ich sie in Teil XXIII aufgeschrieben habe, unter der Voraussetzung einer tiefgreifenden Veränderung der Wirklichkeit zu einer tiefgreifenden Veränderung der Vorstellung davon führen müssen, wie dieses System konkret ausgestaltet sein soll. Bislang habe ich versucht, aus meiner Spekulation über die Veränderung des Blickwinkels der Menschen darauf, welche Reichweite ein Wirtschafts- und Sozialsystem haben sollte, Rückschlüsse über den dazu notwendigen Rahmen wirtschaftlicher Betätigung zu ziehen. Notwendig sind aber auch Überlegungen darüber, wie unter den von mir unterstellten weiteren Veränderungen dieser Rahmen so ausgefüllt wird, dass dieses Wirtschafts- und Sozialsystem es den Menschen ermöglicht, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und daraus das Selbstbewusstsein zu gewinnen, ein mündiger Bürger zu sein.

Das Prinzip der Arbeitsteilung muss neu ausgerichtet werden

Durch die Entwicklung, die ich in Teil XXVI beschrieben habe, die Ablösung des Prozesses der Herstellung von Waren und Dienstleistungen von der Notwendigkeit, menschliche Arbeitskraft einzusetzen und die damit verbundene Veränderung der Natur menschlicher Tätigkeit (beschrieben in Teil XXVII), wird Erwerbsarbeit zwar nicht vollständig verschwinden, wird aber für die Menschen nicht mehr die Grundlage dafür sein können, die notwendigen Mittel zu erwerben, um eine würdige Existenz für sich und die Menschen zu sichern, die ihnen wichtig sind. Da es aber in einem sozial gerechten Wirtschafts- und Sozialsystem notwendig ist, den Menschen verbindliche soziale Regeln an die Hand zu geben, wie sie ihren Lebensunterhalt auf allgemein akzeptierte Weise sicherstellen können (Punkt 3 in Teil XXIII, näher beschrieben in der zweiten Hälfte von Teil XVII), wird es notwendig sein, andere allgemein akzeptierte Wege hierfür zu etablieren. Die unabdingbare Akzeptanz dieser sozialen Regeln wird um so eher erreicht werden können, je besser es gelingt, eines der Kernmerkmale für den Erfolg des Systems der Erwerbsarbeit auch unter den veränderten Rahmenbdingungen nutzbar zu machen, nämlich das Prinzip der Arbeitsteilung.

Neue umfassende Ziele benötigen neue Grundlagen der Zusammenarbeit

In Teil XXVIII habe ich meine Erwartung ausgedrückt, auch in Zukunft werde es große, umfassende Ziele menschlichen Handelns geben, die nur durch die Zusammenarbeit aller erreicht werden können. Im System der Erwerbsarbeit wird die große umfassende Aufgabe, für die sich die Menschen gemeinschaftlich anstrengen in der Versorgung mit den notwendigen und erwünschten materiellen Gütern gesehen. Die Teilnahme an dem gemeinschaftlichen Werk sichert gleichzeitig auch einen Anteil an dessen Früchten. Da aber der Anteil menschlicher Arbeit bei der Herstellung der meisten Waren und Dienstleistungen meiner Erwartung nach mehr und mehr zurückgedrängt werden wird, kann das Prinzip der Arbeitsteilung die allgemeine Akzeptanz künftiger verbindlicher sozialer Regeln für den allgemein akzeptierten Erwerb des Lebensunterhalts nicht mehr direkt bewirken. Es muss daher gelingen, den Beitrag jedes Einzelnen zur Erreichung der künftigen großen und umfassenden Ziele, für die gemeinschaftliche Anstrengungen der Menschen notwendig sind, die sich meiner Erwartung nach vom materiellen konsumorientierten Bereich in den sozialen konstitutiven Bereich verlagern werden, angemessen zu würdigen. Es muss gelingen, ihm einen Anteil an den Früchten dieses gemeinsamen Werks zu sichern und ihm gleichzeitig verbindliche soziale Regeln an die Hand zu geben, wie er in einer allgemein akzeptierten Weise die materiellen Güter erlangen kann, die er benötigt, um den Lebensunterhalt für sich und die Menschen, die ihm wichtig sind, sicherzustellen. Das Vorhaben einer arbeitsteiligen Gesellschaft wird also komplizierter, da die Menschen gemeinschaftlich zur Erreichung der sozial konstitutiven Ziele zusammenwirken, weiterhin die materiellen Güter benötigen, an deren Herstellung sie jedoch in immer geringerem Umfang beteiligt sein werden und zur Anstrengung für das gemeinschaftliche Werk motiviert werden müssen. Die Aufgabe wird dadurch von einem zweiseitigen (System der Erwerbsarbeit) zu einem dreiseitigen Vorhaben (künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem). Diese These möchte ich im Folgenden zunächst einmal untermauern.

Warum die einfache Form der Arbeitsteilung nicht mehr funktioniert

Die Schwierigkeit, die in einem künftigen Wirtschafts- und Sozialsystem auftritt, wird nämlich meiner Erwartung nach folgende sein: Die Menschen werden zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts Waren und Dienstleistungen benötigen, die im wesentlichen durch Maschinen hergestellt werden. Das bedeutet, der für das System der Erwerbsarbeit typische Maßstab zur gerechten Verteilung dieser Waren und Dienstleistungen, nämlich die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei ihrer Erzeugung, wird nicht mehr funktionieren (in Teil VII habe ich das bereits angedeutet). Mehr noch, wird auch die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei der Ausübung der Tätigkeiten, die künftig unter den von mir spekulierten Bedingungen für menschliche Tätigkeit prägend sein werden, kaum im herkömmlichen Sinne als Maßstab für die Verteilung der maschinell hergestellten Waren und Dienstleistungen nutzbar sein. Dazu möchte ich mir diesen Aspekt des Systems der Erwerbsarbeit, beginnend mit dem folgenden Blogpost, noch einmal genauer ansehen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)

Geschrieben von Thomas Reis - 30/10/2011

In Teil XXIX habe ich das Spannungsverhältnis der in Teil XXIII genannten Punkte 1, 6 und 8 der Merkmale eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems beschrieben. Um meinen Ansatz unter dem Aspekt unserer künftigen Lebensbedingungen, über den ich in Teil XXVIII spekuliert habe, nicht an inneren Widersprüchen scheitern zu lassen, habe ich vorgeschlagen, nach Wegen zu suchen, die vorhandenen Ressourcen effizienter und weniger umweltbelastend einzusetzen, neue Ressourcen zu erschließen sowie unsere Bedürfnisse zu überdenken, für deren Befriedigung Ressourcen verbraucht werden.

Vorrangig sollten wir unsere Bedürfnisse überdenken

Da die beiden erstgenannten Ansätze künftige Entwicklungen in Wissenschaft und Technik voraussetzen, deren Reichweite heute noch nicht genau abgeschätzt werden können, sollten die Überlegungen sinnvoller Weise mit der Bedürfniskritik beginnen. Wenn unterstellt werden muss, dass die Befriedigung einiger Bedürfnisse, die uns in den industrialisierten Regionen der Erde ganz selbstverständlich erscheint, unter der Bedingung vergleichbarer Lebensbedingungen überall auf der Welt nicht mehr möglich ist, muss man Prioritäten setzen und Bedürfnisse benennen, deren Befriedigung auf alle Fälle unabdingbar ist. Als derart elementare Bedürfnisse möchte ich benennen:

  • ausreichend Nahrung in guter Qualität zur Verfügung zu haben,
  • vor schädlichen Natureinflüssen geschützt zu sein,
  • Zugang zu einer grundlegenden Gesundheitsfürsorge zu besitzen und
  • in einem friedlichen Umfeld zu leben, das es ermöglicht
  • soziale Kontakte zu pflegen und als Person von anderen anerkannt zu sein.

Es dürfte bereits eine enorme Herausforderung für jedes Wirtschafts- und Sozialsystem darstellen, diese Bedürfnisse für alle Menschen auf der Welt zuverlässig befriedigen zu können.

Was bedeutet der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse?

Um Missverständnissen vorzubeugen sei eines klargestellt. Ich meine keineswegs, das Wirtschafts- und Sozialsystem einer Erdenregion, sagen wir Europa, sei verpflichtet und müsse in der Lage sein, die Bedürfnisse weltweit zu befriedigen. Ich bin aber davon überzeugt, dass es dann, wenn die von mir prognostizierte Entwicklung tatsächlich stattfindet, allgemein akzeptiert werden muss, Wirtschaft als die globale Aufgabe zu begreifen, die Bedürfnisse der Menschen überall auf der Welt zu befriedigen. Der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse bedeutet dann für alle Menschen überall auf der Welt, dass Energie, Rohstoffe und natürliche Ressourcen sowie die Belastung unserer Umwelt zu allererst dazu zu dienen hat, Waren und Dienstleistungen zu erzeugen, die notwendig sind um die elementaren Bedürfnisse aller Menschen weltweit zu befriedigen und allgemein verfügbar zu machen. Bedürfnisse, die über die elementaren hinausgehen, können hingegen nur dann befriedigt werden, wenn die elementaren bereits zuverlässig befriedigt werden.  Das bedeutet vor allem für die Menschen in den heutigen Industriestaaten deutlich spürbare Veränderungen in den Lebensgewohnheiten, deren bloße Vorstellung von ganz vielen bereits als Verlust empfunden wird.

Ein Verlust?

Diesen Verlust wird man allerdings nicht im strengen Sinne so bezeichnen können, da unter den heutigen Bedingungen unser Reichtum vielfach dadurch entsteht, dass aus den wirtschaftlich schwachen Gebieten Rohstoffe billig in die wirtschaftlich starken Gebiete verkauft und dort zu wertvollen Produkten veredelt werden (siehe dazu bereits Teil XXI). Wenn wir in den wirtschaftlich starken Gebieten für die inführung dieser Rohstoffe einen höheren Preis werden zahlen müssen, der es den Menschen in den Herkunftsländern erlaubt, ihre elementaren Bedürfnisse befriedigen zu können und wenn wir es akzeptieren müssen, dass die Menschen in den Ländern, in denen die Rohstoffe lagern, diese stärker auch selbst nutzen, macht sich das zwar bemerkbar, als ob die Menschen hier etwas abgeben müssten. In Wirklichkeit profitieren aber lediglich die Menschen in den wirtschaftlich starken Regionen der Erde weniger auf Kosten der Menschen in den ärmeren Regionen der Erde. Einem solchen „Verlust“ werden sich die Menschen in den Industrieregionen der Erde schon allein aus Gründen der Vernunft (näheres dazu in Teil XXIX) wohl kaum verschließen können. Wie groß der „Verlust“ sein wird, hängt im übrigen davon ab, wie weit die wissenschaftlichen Erkenntnisse und technologischen Weiterentwicklungen reichen werden, die es ermöglichen,  in Zukunft die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizienter zu nutzen.

Neue Lebensbedingungen führen wahrscheinlich von sich aus zu veränderten Bedürfnissen

Ich meine aber, es ist auch gar nicht abwegig anzunehmen, dass sich die Bedürfnisse der Menschen von sich aus verändern werden, da eben die veränderten Prioritäten bei der Nutzung von Rohstoffen, Energie und natürlichen Ressourcen auf einer veränderten Wahrnehmung basieren, wie weit ein Wirtschafts- und Sozialsystem in Zukunft reichen soll. In dem Maß, in dem sich für die künftigen Menschen der Kreis derer räumlich wie zahlenmäßig erweitert, mit denen sie sich emotional verbunden fühlen, werden auch die Bedürfnisse der Menschen nach Kommunikation und sinnstiftender Gemeinschaft stärker ausgeprägt sein, während intensiver Konsum zur Befriedigung nicht elementarer Bedürfnisse, der mit einem hohen Ressourcenverbrauch einhergeht, dort, wo er lediglich um seiner selbst Willen stattfindet, an Bedeutung verlieren wird. Dies ist auch deswegen wahrscheinlich, weil es nach meiner Spekulation der Stärkung des Handelns als einer Form menschlicher Tätigkeit entspricht, die infolge der schwindenden Bedeutung des Bereichs der Arbeit im Vergleich zum heutigen System der Erwerbsarbeit eintreten wird (ausführlicher dazu Teil XXVII). Auf diese Weise wird eine zukünftige Gesellschaft von sich aus eine Tendenz aufweisen, gemeinschaftsorientiert zu sein und so in besonderem Maße eine wichtige Anforderung an ein sozial gerechtes, am Gemeinwohl orientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem (Punkt 5 der in Teil XXIII genannten Merkmale) erfüllen.

Veröffentlicht in Bedürfniskritik, elementare Bedürfnisse, Gemeinschaft, gemeinschaftsorientiert, Gerechtigkeit, Globalisierung, Hannah Arendt, inneres Spannungsverhältnis, menschliche Bedürfnisse, menschlicher Beziehungen, Nachhaltigkeit, Philosophie, Politik, sozial gerecht und am Gemeinwohl orientiert, Vita activa - Vom tätigen Leben, wirtschaftliche, Wirtschafts- und Sozialsystem, Zukunft | Getaggt mit: , , , , , , , , , , | 1 Kommentar »

Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)

Geschrieben von Thomas Reis - 04/09/2011

Um meine Vorstellung davon präziser darzustellen, wie sich menschliches Tun verändern wird, wenn immer weitere Bereiche unserer heute bekannten Arbeitswelt von sich selbst steuernden Maschinen geprägt sein werden, möchte ich mich nun also mit Hannah Arendt auf eine der größten Denkerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts beziehen. Sie wagt in ihrem Werk „Vita activa – Vom tätigen Leben“ den Versuch, das Phänomen menschlicher Tätigkeit umfassend zu beschreiben. Dieses Werk ist, obwohl in den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, auch heute noch von beispielloser Aktualität und dieses Blogpost reicht nicht einmal ansatzweise aus, seinen Inhalt umfassend würdigen zu können. Gleichwohl bietet meines Erachtens selbst die rudimentäre Dartstellung der Struktur von Arendts Systematik ein notwendiges Gerüst für meine Spekulation über die Art und Weise unserer künftigen Tätigkeiten. Hannah Arendt teilt das tätige Leben der Menschen begrifflich in drei Hauptbereiche: Das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln.

Das menschliche Leben als einen Teil der Natur erhalten: Arbeiten

Unter Arbeiten in diesem Sinne versteht man jede Tätigkeit, die direkt der Erhaltung menschlichen Lebens als einem Teil der belebten Natur dient. Wesentliches Merkmal dieses Aspekts des Tätigseins ist die Eigenschaft des Menschen, den Kreisläufen der Natur unterworfen und deswegen durch Geburt in die Welt zu kommen und sterblich zu sein. Arbeiten bedeutet daher auf den Einzelnen bezogen, Tätigkeiten auszuüben, die ständig wiederkehren und darauf gerichtet sind, Stoffwechselprozesse aufrecht zu erhalten und Zerfallsprozesse zu verlangsamen, die letztlich unauswichlich sind. Auf die Gesamtheit der Menschen bezogen werden als Arbeit alle Tätigkeiten bezeichnet, die notwendig sind, um die Menschheit als eine  biologische Gattung zu erhalten, das heißt also alle Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, Geburt und Erziehung von Kindern zu gewährleisten, das Zusammenleben aller zu sichern und jedem einzelnen ein würdiges Lebensende zu ermöglichen.

Erschaffung einer künstlichen Welt zum Schutz gegen natürliche Prozesse: Herstellen

Herstellen ist jede Tätigkeit, durch die unserer natürlichen Umgebung künstliche Gegenstände hinzugefügt werden, die Menschen in einem schöpferischen Akt erschaffen haben. Dadurch entsteht eine Welt, innerhalb derer wir uns vor den potentiell schädlichen Einflüssen der Natur schützen können. Wesentliches Merkmal dieses Aspekts menschlicher Tätigkeit ist es, menschliches Leben durch den Einsatz von Kreativität und handwerklichem Geschick den Einflüssen der Natur zumindest teilweise zu entziehen und Bereiche zu schaffen, in denen der Mensch das Maß der Dinge ist. Herstellen bedeutet daher, die materiellen Voraussetzungen für so etwas wie eine Zivilisation zu schaffen.

Schaffung einer gemeinsam erlebten Wirklichkeit als Voraussetzung für das Zusammenleben: Handeln

Handeln ist schließlich jede Tätigkeit, durch die Menschen als gleichwertige Individuen miteinander umgehen und sich so als politische Wesen zu erkennen geben. Es ist der Bereich menschlicher Tätigkeit, der am allerwenigsten durch Maschinen übernommen werden kann, da sein wesentliches Merkmal darin besteht, dass Menschen öffentlich miteinander kommunizieren und aufeinander bezogene Taten begehen (gute wie schlechte). Da einmal ausgesprochene Worte nicht wieder ungesagt und einmal getane Taten nicht mehr ungeschehen gemacht werden können und beides der Erinnerung unterliegt, erschafft das Handeln eine Geschichte, in der alle Menschen sowohl beteiligte Figuren, als auch Autoren sind. Erst auf diese Weise wird die Welt, innerhalb derer wir alle leben, zu einer gemeinsamen Welt mit einer gemeinsam erlebten Wirklichkeit.

Die unterschiedliche Bedeutung der drei Bereiche in jeder Epoche

Seit jeher sind diese Bereiche mit unterschiedlich starker Bedeutung bestimmend für das menschliche Zusammenleben. Dabei unterschied sich das Verhältnis in denen diese drei Bereiche menschlicher Tätigkeit zueinander stehen, in den verschiedenen geschichtlichen Epochen jeweils signifikant voneinander. Die klassisch griechische und römische Epoche unterschied sich darin vom Feudalismus und der von den Zünften geprägten herstellenden Gesellschaft sowie der Arbeitsgesellschaft, die bis heute für das prägend ist, was ich das System der Erwerbsarbeit genannt habe.

Ein näherer Blick auf die Arbeitsgesellschaft

Das Wesen der heutigen Arbeitsgesellschaft, beschreibt Hannah Arendt damit, dass der Bereich des Herstellens durch den Einsatz von Maschinen immer mehr dem des Arbeitens angeglichen wurde, indem der einzelne Mensch dabei immer weniger schöpferisch tätig wurde. In den heutigen Fabriken schließlich üben die die Menschen nicht mehr so sehr je nach individuellen Fähigkeiten ein bestimmtes Handwerk aus, sondern bedienen lediglich Maschinen und sind dabei austauschbar geworden. Die Tätigkeiten, Menschen dabei ausüben, die Maschinen, die sie bedienen, bestimmen ihren Lebensrhythmus und erlauben es dem Einzelnen immer weniger, noch Einfluss auf das Endprodukt zu nehmen, an dessen Erschaffung sie beteiligt sind. Diese Tätigkeit ist zum Selbstzweck geworden, um den Lebensunterhalt zu verdienen, das heißt mittelbar, um Stoffwechselprozesse aufrecht zu erhalten und Zerfallsprozesse zu verlangsamen. Sie vollzieht sich in ewig wiederkehrenden Kreisläufen und die Menschen sind ihr ebenso unterworfen, wie den natürlichen Kreisläufen. Der Bereich des Herstellens wurde auf diese Weise von dem des Arbeitens fast vollständig überlagert. Gleichzeitig hat sich eine auf gleichartiges Verhalten gerichtete Gesellschaft herausgebildet, die den klassischen Bereich des Handelns weitgehend verdrängt hat, indem individuelle Interaktion von Menschen aufgrund ökonomischer Zwänge weitgehend in den Hintergrund getreten ist. Am deutlichsten ist dies während der eigentlichen Arbeitszeiten, während denen wir uns sehr weitreichenden Reglementierungen unseres Tuns unterwerfen, ist jedoch auch außerhalb dieser Kernzeiten unserer Arbeitstätigkeit sichtbar, wenn wir uns in die Rolle von Mitgliedern der Gesellschaft befinden und ein an gesellschaftlichen Normen ausgerichtetes Verhalten zeigen. Dabei haben wir Umgang miteinander, ohne wirklich miteinander zu interagieren.

Veränderungen des menschlichen Tätigwerdens durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen

Infolge des von mir vorhergesagten weitgehenden Ersatzes menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen im Bereich der Produktion von Waren und der Erbringung eher mechanisch geprägter Dienstleistungen wird sich der Bereich der Arbeit, so wie er von Hannah Arendt für die Arbeitsgesellschaft beschrieben worden ist, dramatisch verändern und seine Bedeutung zu einem großen Teil einbüßen. Tätigkeiten im Bereich der Arbeit werden sich in Zukunft ihrer klassischen Bedeutung wieder annähern und zum einen darauf gerichtet sein, sich gegenseitig darin zu unterstützen, die täglich notwendigen Tätigkeiten zu verrichten, die zur Aufrechterhaltung unseres individuellen Lebens erforderlich sind, soweit sie uns nicht durch Maschinen abgenommen werden können oder wo dies nicht gewünscht ist. Die Tätigkeiten im Bereich der Arbeit werden aber nicht nur darin bestehen, direkt unser Leben aufrecht erhalten, sondern auch darin, das gemeinsame Ziel zu verwirklichen, unser aller Leben miteinander einfacher zu machen sowie unabhängig von äußeren Zielen persönliche Kontakte als Selbstzweck zu pflegen.

Arbeit wird nie wieder eine Sklaventätigkeit sein

Nicht wieder aufleben wird allerdings wird ein grundlegendes Merkmal der klassischen Form von Arbeit, das in der Antike besonders deutlich hervorgetreten ist. In dieser Zeit wurde Arbeit nur von bestimmten Menschen, den Sklaven, zu Gunsten von freien Menschen (in der Antike ausschließlich Männer) ausgeübt. Dies Merkmal wird vollständig dem heute prägenden der Gegenseitigkeit weichen. Arbeit im Sinne der Vita activa wird innerhalb kleinerer gemeinschaftlicher Strukturen geschehen, die ihrerseits Gemeinschaften mit anderen Gemeinschaften bilden und sich so gegenseitig ergänzen und verstärken. Alle beteiligen sich und leisten ihren persönlichen Beitrag, um etwas zu erreichen, das ein Mensch alleine nicht geschafft hätte.

Das Wiedererstarken des Handelns nach der Arbeitsgesellschaft

Die Menschen werden aber auf der anderen Seite sehr viel stärker als heute in dem Bereich miteinander tätig werden, den Hannah Arendt in „Vita aktiva“ als das Handeln beschreibt, das heißt in dem im weitesten Sinne politischen Bereich. Diese Art der Tätigkeit wird eng mit der Entwicklung verknüpft sein, Arbeit innerhalb von Gemeinschaften auszuüben und überall dort stattfinden, wo Menschen unabhängig von der Notwendigkeit, ihr Leben zu erhalten, der Neigung oder persönlichen Sympathie gezwungen sind, miteinander auszukommen, sei es auf der persönlichen und nachbarschaftlichen Ebene, der kommunalen, der regionalen, der kontinentalen oder der globalen Ebene. Diese Tätigkeiten werden darin bestehen, verschiedene, voneinander abweichende Interessen miteinander zu diskutieren und daraus verbindliche Regeln des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit zu entwickeln, zu beschließen und umzusetzen sowie auf allen diesen Ebenen die gleichwohl unvermeidbaren Konflikte nach Möglichkeit gewaltfrei zu lösen.

Der bleibende Bedeutungsvelust des Herstellens als menschlicher Tätigkeit

Die grundlegendsde Änderung menschlicher Tätigkeit wird schließlich den Bereich des Herstellens von Dingen betreffen. Dieser Bereich wird so gut wie vollständig als menschliche Tätigkeit verschwinden und von Maschinen übernommen werden. Menschen werden deren Arbeit lediglich lenken und überwachen sowie die Maschinen fortwährend verbessern. Kulturelle Tätigkeiten, die ihrer Art nach auch in Zukunft einer der exklusiven Bereiche menschlicher Tätigkeit sein werden, wie etwa Philosophie, Naturwissenschaft oder künstlerisches Gestalten, haben in dieser Urform menschlicher Tätigkeit eine Wurzel, haben aber aufgrund ihrer vollständig veränderten Bedeutung den Bereich des klassischen Herstellens von Dingen verlassen.

Was ich deutlich machen möchte

Wie bereits zu Anfang erwähnt, sind diese Ausführungen zu der systematischen Darstellung menschlicher Tätigkeit in „Vita activa“ äußerst rudimentärer Natur (wer Interesse gefunden hat, dieses Meisterwerk von Hannah Arendt näher kennenzulernen, dem kann ich nur dessen gesamte Lektüre empfehlen, es lohnt sich!). Ebenso wenig habe ich eine genaue Beschreibung dessen geliefert, wie ich mir unser Leben in Zukunft konkret vorstelle, sondern lediglich dessen abstrakte Grundzüge. Ich hoffe aber, mit meinen Ausführungen deutlich gemacht zu haben, dass sich die Erscheinung menschlicher Tätigkeit in Zukunft ebenso grundlegend von der heutigen unterscheiden wird, wie die antike Welt von der feudalistischen Welt des Mittelalters und diese von der Arbeitsgesellschaft. Das veränderte Erscheinungsbild menschlicher Tätigkeit wird vollkommen neue Ansätze notwendig machen, um auch in Zukunft ein sozial gerechtes, dem gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem gewährleisten zu können. Bevor ich dazu komme, möchte ich aber im kommenden Blogpost noch einige weitere Spekulationen anstellen.

Veröffentlicht in gemeinschaftsorientiert, Gerechtigkeit, Hannah Arendt, Menschliche Tätigkeit, Philosophie, sozial gerecht und am Gemeinwohl orientiert, Vita activa - Vom tätigen Leben, Wirtschafts- und Sozialsystem, Zukunft | Getaggt mit: , , , , , , , , | Kommentar schreiben »

 
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