Soziale Demokratie heute

Blog von Thomas Reis

Archiv für die Kategorie ‘Philosophie’

Obama, die Tea-Party und der supreme court – was sollen wir davon halten?

Geschrieben von Thomas Reis - 29/03/2012

In den USA wurde unter der Regierung von Präsident Obama eine allgemeine, verpflichtende Krankenversicherung eingeführt und die Kritiker dieser Maßnahme bemühen nicht etwa wirtschaftstheoretische Argumente (Lohnnebenkosten, etc.), sondern beschwören das Ende ihrer Freiheit herauf – sie wähnen sich in den Fängen der Sklaverei! Die Haltung dieser Gruppe von US-Bürgern, die sich weit überwiegend in der „Tea-Party“-Bewegung versammeln, bezeichnet Mathias Kolb in der Süddeutschen Zeitung als „faszinierend und befremdlich“ – man könnte sie auch mit den Worten grotesk und hysterisch beschreiben. Wir sollten aber zumindest versuchen nachzuvollziehen, auf welcher Grundannahme diese politische Haltung beruht, um sich mit ihr rational auseinandersetzen zu können. Der panischen Angst vor jedem noch so geringen staatlichen Einfluss auf die eigene Person liegt nämlich ein Begriff von Freiheit zugrunde, der auf einem Liberalismus beruht, der gerade von namhaften amerikanischen Autoren sehr fundiert vorgetragen worden ist.

Die theoretischen Grundlagen der “Tea-Party”-Bewegung

Einer dieser Autoren war Robert Nozick, der in seinem Werk „Anarchie, Staat, Utopia“ genau jene Art von Minimalstaat fordert, der den „Tea-Party“-Aktivisten offenbar vorschwebt. In der deutschsprachigen Entsprechung ist dies der sogenannte Nachtwächterstaat, der sich einzig und allein darauf zu beschränken hat, seine Bürger und ihr Eigentum vor Gewaltanwendung oder Verletzung untereinander, wie von außen zu schützen. Als schützenswerte Rechte jedes Einzelnen erkennt Nozick dementsprechend ausschließlich die Unverletzlichkeit des Lebens, der körperlichen Unversehrtheit, des Eigentums sowie die Freiheit der Person an. Aus der Pflicht jedes einzelnen Menschen, die Freiheiten jedes anderen Menschen zu respektieren leitet Nozick ab, der Staat als der Vertreter aller einzelner Menschen, die in seinem Einflussgebiet leben, könne keine weitergehenden Rechte haben und dürfe Menschen folglich zu nichts zwingen, was nicht alle Menschen freiwillig tun würden. Daraus schließt Nozick, dass jegliche Art von Sozialstaat oder fürsorglichen Verbotsvorschriften rundweg abzulehnen ist. Steuern bezeichnet Nozick als eine Form der Zwangsarbeit, die ausschließlich für die von ihm anerkannten unabweisbaren Aufgaben des Staates erhoben werden dürfen.

Was ist das für ein Menschenbild?

Der gedankliche Ansatz von Nozick und anderen Vertretern dieser staatsphilosophischen Grundrichtung, die sich im Kern auf die Lehre John Lockes stützt, ist in sich durchaus schlüssig. Er geht aber von einem Menschenbild aus, das den Begriff des Inividuums so sehr überhöht in den Vordergrund stellt, dass die daraus abgeleiteten Folgerungen nur noch grotesk wirken können. Außerordentlich überzeugend wurde diese Kritik an dem extremen Libertarismus von Charles Taylor vorgetragen: Der Gedanke, dass Menschen ursprünglich Individuen sind, die jeder für sich als Einzelne vollkommen isoliert vor sich hin leben und erst aufgrund rationaler Überlegungen beschließen, sich zu ihrem eigenen Schutz zu Gruppen zusammen zu schließen, wird dem wirklichen Wesen des Menschen nicht gerecht. Das extrem libertäre Verständnis übersieht, dass Menschen von Beginn an darauf angewiesen sind, miteinander in Gemeinschaft zu leben, ja dass ein atomistisches Menschenbild (wie Taylor es bezeichnet), überhaupt kein sinnvolles menschliches Dasein zuließe, weil ein isolierter Mensch noch nicht einmal so etwas wie eine Sprache entwickeln könnte (ausführlich hierzu Charles Taylor in: “Negative Freiheit?”).

Wir benötigen eine allgemein anerkannte Werteordnung

Etwas weniger grundsätzlich müssen sich die Vertreter eines derart extremen Libertarismus fragen lassen, ob eine funktionierende menschliche Gemeinschaft nicht mehr bedeutet, als den Verzicht, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen oder die Bereitschaft, sich freiwillig an einer arbeitsteiligen Gesellschaft zu beteiligen. Was alle Menschen übersehen, die sich darauf beschränken wollen, bestehende Eigentumsrechte vor Eingriffen anderer zu schützen, ist die Erkenntnis, dass dieses Eigentum vielfach erst innerhalb einer allgemein anerkannten Werteordnung überhaupt einen Wert erhalten kann, da es menschliche Bedürfnisse befriedigt, die über Grundbedürfnisse (Nahrung, Wärme, Sicherheit) weit hinausgehen. Eine allgemein anerkannte Werteordnung ist daher die notwendige Voraussetzung dafür, dass überhaupt erst das Bedürfnis etsteht, manche Dinge zu schützen. Eine Werteordnung wird aber erst dann allgemein anerkannt, wenn sie allgemein als gerecht angesehen wird und das kann erst dann der Fall sein, wenn sie auch den Schwächsten der Gesellschaft eine würdige Existenz ermöglicht, sprich wenn sie die Grundlage für ein soziales Gemeinwesen ist. Ein soziales Gemeinwesen ist daher ebenso ein menschliches Grundrecht, wie es das Eigentum ist und es ist diese Erkenntnis, die bereits die Mütter und Väter des Grundgesetzes bewogen haben, dem in Artikel 14 Absatz 1 verankerten Schutz des Eigentums dessen Sozialpflichtigkeit in Artikel 14 Absatz 2 zur Seite zu stellen.

In Deutschland weder wünschenswert, noch verfassungsgemäß

Die Haltung der Anhänger der „Tea-Party“-Bewegung muss also nicht unbedingt befremdlich sein, sie ist vor dem Hintergrund eines extremen Libertarismus erklärlich. Auf keinen Fall aber ist diese Haltung faszinierend, sondern stellt unsere gemeinsame Werteordnung in Frage und damit die wahre Grundlage unseres friedlichen Zusammenlebens. Schließlich – und das sei denjenigen entgegengehalten, die damit liebäugeln, eine vergleichbare politische Haltung auch in Deutschland zu etablieren – verstößt sie gegen unser Grundgesetz. Man kann dem amerikanischen supreme court nur eine ähnliche Weisheit wünschen, wenn es zur Entscheidung über Obamas Gesundheitspolitik kommt.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)

Geschrieben von Thomas Reis - 03/01/2012

In den vergangenen Blogposts habe ich auf der Grundlage der in Teil XXIII formulierten Grundsätze einige allgemeine Bedingungen aufgestellt, unter denen ein Wirtschafts- und Sozialsystem auch dann als sozial gerecht und dem Gemeinwohl verpflichtet bezeichnet werden kann, wenn sich unsere Lebenswirklichkeit in der Weise verändert, wie ich mir das vorstelle. Nun bleibt noch die Frage, wie dies konkret umgesetzt könnte. Welcher Weg der beste ist, um

  • eine sinnvolle Zusammenarbeit im sozial konstitutiven Bereich zu erreichen, die sich global, nicht mehr national ausrichtet,
  • die ihre Priorität im materiell konsumorientierten Bereich darauf richtet, die elementaren Bedürfnisse aller Menschen zu befriedigen und
  • die zu diesem Zweck den unentgeltlichen Zugriff aller auf die rein maschinell produzierten Waren und Dienstleistungen eröffnet,

muss sich genauso entwickeln, wie sich unter den Bedingungen der vergangenen 300 Jahre das System der Erwerbsarbeit entwickelt hat.

Noch einmal: Es wird niemand die eine Antwort geben können, die alle Probleme löst

Dies und die Tatsache, dass wir in einer demokratischen Gesellschaft leben, verbietet es, von irgendjemandem fertige Antworten zu erwarten oder solche geben zu wollen. Notwendig ist eine möglichst breite Diskussion darüber, wie unsere Gesellschaft aussehen soll. Jeder Einzelne kann hierzu einen Beitrag leisten, nicht mehr und nicht weniger. Besonders drängend ist dabei immer die Frage, wie die Menschen ihre elementaren Bedürfnisse zuverlässig befriedigen können. Damit steht und fällt jedes Gesellschaftssystem. Meine Vorstellung dazu, die ich hier in Grundzügen zur Diskussion stelle, ist, entweder allen Menschen unentgeltlich Zugriff auf die Waren und Dienstleistungen zu geben, die sie benötigen, um ihre elementaren Bedürfnisse zu befriedigen oder allen Menschen die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen, um sich diesen Teil der Waren und Dienstleistungen kaufen zu können.

Eine Möglichkeit: Genossenschaften betreiben die Maschinen, mit denen die notwendigen Waren erzeugt werden

Die erste Variante könnte bedeuten, dass sich Menschen auf örtlicher bis regionaler Ebene zusammenschließen, um die Maschinen zu betreiben, die jene elementaren Güter erzeugen, die sie selbst benötigen, um ihren Lebensunterhalt sicherzustellen. Dies wäre dem Grundgedanken wirtschaftlicher Genossenschaften nachgebildet und entspräche am ehesten einem kommunitarischen Ansatz. Derartige wirtschaftlichen Zusammenschlüsse könnten auch gleichzeitig einen organisatorischen Rahmen dafür bieten, im sozial konstitutiven Bereich zusammen zu arbeiten und durch Kontakte zwischen solchen Zusammenschlüssen auch überörtliche Gemeinschaften zu bilden. Jeder einzelne hätte innerhalb solcher genossenschaftlicher Strukturen einen Beitrag zu leisten, der jeweils die individuellen Fähigkeiten am besten für alle nutzbar macht. Entsprechend des veränderten Schwerpunkts menschlicher Tätigkeit läge ein solcher Beitrag vorwiegend darin, das direkte Zusammenleben der Menschen zu fördern und die persönlichen Gemeinschaften zu pflegen, die neben den wirtschaftlichen Zusammenschlüssen bestehen.

Derartige Strukturen müssen sich erst noch entwickeln

Das Entstehen derartiger Strukturen wäre allerdings nur dann im Interesse jedes Einzelnen, wenn sie sich tatsächlich organisch entwickeln und nicht, zum Beispiel durch staatliche Maßnahmen aufgezwungen sind. Das Modell sind daher nicht die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, die in den damaligen kommunistischen Ländern gebildet wurden, sondern eher die seit mehr als einhundertfünfzig Jahren bekannten Raffeisengenossenschaften. Jedenfalls stellt sich immer die Frage, inwieweit solche Organisationen Raum für individuelle Entwicklungen jedes Einzelnen lassen. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass es Einzelnen möglich sein muss, derartigen Vereinigungen beizutreten und sie auch wieder zu verlassen. Wie das möglich ist, ohne die Strukturen allzu instabil werden zu lassen, muss sich zeigen.

Eine weitere Möglichkeit: Grundeinkommen, möglicherweise bedingungslos

Die zweite Variante trägt dieser Problematik eher Rechnung. Sie entspräche im Wesentlichen der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Idee ist in den vergangenen Jahren bereits von einigen Befürwortern auf dem Boden unterschiedlicher Grundüberzeugungen und in unterschiedlicher Ausprägung vorangebracht worden. Darauf möchte ich mich an dieser Stelle beziehen. Ich meine, dass diese zweite Variante diejenige ist, die am einfachsten aus dem System der Erwerbsarbeit heraus umsetzbar ist, nicht nur weil sie die in dem bestehenden System bis heute erreichten Möglichkeiten einer individuellen Lebensgestaltung aufgreift, sondern auch weil sie von vornherein flexibler gestaltet werden könnte. Die elementaren Waren und Dienstleistungen sind ja nicht unbedingt deckungsgleich mit den Waren und Dienstleistungen, die aufgrund der von mir spekulierten künftigen Entwicklung rein maschinell erzeugt werden. Gleiches gilt für die Waren, die über die zur Befriedigung der elementaren Bedürfnisse notwendigen hinausgehen und denen, zu deren Erzeugung auch weiterhin menschliche Arbeitskraft notwendig oder erwünscht sein wird. Die Variante „Grundeinkommen“ würde daher aller Voraussicht nach einen geringeren Grad an Veränderung der bestehenden Strukturen unseres Zusammenlebens erfordern und eine weitergehnde Entwicklung ermöglichen. Allerdings stellt sich immer die Frage, wie bedingungslos denn ein Grundeinkommen sein kann.

Es bleibt in jedem Fall die Frage nach der Motivation

Wenn aufgrund der von mir prognostizierten Entwicklung der Verteilungsmaßstab nicht mehr funktioniert, der das System der Erwerbsarbeit so erfolgreich gemacht hat, indem er die Menschen motiviert hat, sich an einer arbeitsteiligen Gesellschaft ihren Kräften gemäß ernsthaft zu beteiligen, bleibt die Frage zu beantworten, wie die Menschen dazu motiviert werden können, weiterhin ihren Beitrag dazu zu leisten, gemeinschaftlich große und umfassende Ziele zu erreichen, die ein Mensch alleine nicht erreichen könnte. Die Antwort auf diese Frage bleibt notwendiger Weise unklar, da niemand genau vorhersagen kann, welches große und umfassende Ziel es sein wird, das sich die Menschen setzen werden, wenn sie durch den Einsatz von Maschinen nicht mehr gezwungen sind, den größten Teil ihrer Arbeitskraft darauf zu verwenden, gemeinschaftlich die notwendigen materiellen Grundlagen ihres Überlebens zu erschaffen.

Noch einmal Hannah Arendt

Ich möchte hier noch einmal so unbescheiden sein, meine Prognose hierzu als zutreffend zu unterstellen: Die Menschen werden sich vorrangig dem sozialen und konstitutiven Bereich, so wie ich ihn in Teil XXVII skizziert habe, zuwenden. Immerhin ist diese Prognose ja auch inspiriert von der fundamentalen Analyse menschlicher Tätigkeit durch Hannah Arendt in „Vita activa“, die ihrerseits auf der Basis der realen Verhältnisse im antiken Griechenland beruht. Der Unterschied der von mir spekulierten künftigen Verhältnisse zu den Verhältnissen im antiken Griechenland ist, dass das Privileg, sich dem Bereich des Handelns widmen zu können, unter den von mir spekulierten Verhältnissen keines mehr ist, da es allen Menschen gleichermaßen zukommt. Die Rolle, die im antiken Griechenland den Sklaven und Frauen zugewiesen war, wird dann auf Maschinen übertragen oder, soweit menschliche Tätigkeit im Bereich des Arbeitens und Herstellens weiterhin gefragt ist, gleichermaßen in der Pflicht aller Menschen liegen. Die Frage, die zu beantworten ist, lautet daher, inwieweit die Menschen in der Lage sind, die Motivation, sich an dem künftigen gemeinsamen Werk zu beteiligen, aus sich heraus zu finden.

Hierzu möchte ich im kommenden Blogpost noch etwas sagen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)

Geschrieben von Thomas Reis - 10/12/2011

Verteilung von Waren nach dem Maßstab des Bedürfnisses jedes Einzelnen – unentgeltliche Abgabe von Waren durch die Menschen, die durch Investitionen, kreative Tätigkeit und sonstiges Tun daran mitwirken, diese Waren zu produzieren – Entwicklung eines geteilten Bewertungs- und Verteilungsmaßstabs für Waren und Dienstleistungen je nachdem, ob sie als elementar eingestufte Bedürfnisse befriedigen oder nicht und damit zweier paralleler wirtschaftlich sozialer Sphären – ist das nicht utopisch, ja geradezu naiv? Wohin soll das führen – zu Kommunismus oder einer anderen Form sozial paternalistischer Zwangswirtschaft? Wie soll das von allen als vorteilhaft anerkannt werden? Ich meine, wenn die Entwicklung tatsächlich so oder ähnlich eintritt, wie ich es mir vorstelle, wird es.

Voraussetzung einer stabilen Gesellschaft

Selbst die Menschen, die von dem System der Erwerbsarbeit auch dann noch profitieren, wenn es als sozial gerechtes und dem gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem nicht mehr wie gewünscht funktioniert, werden es akzeptieren, dass aus dem bloßen Vorgang der Erzeugung der elementaren Waren und Dienstleistungen durch Maschinen kein privater Gewinn mehr erzielt werden kann. Dies ist nämlich die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft auch unter den künftigen Bedingungen stabil bleibt. John Rawls hat in seinem gesamten Werk dargelegt, dass eine Gesellschaft nur dann stabil sein kann, wenn alle ihre Mitglieder davon ausgehen, in einer gerechten Gesellschaft zu leben (der Gedanke zieht sich als roter Faden durch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“). Entscheidend dafür, ob die Ausgestaltung des Wirtschafts- und Sozialsystems einer Gesellschaft als gerecht empfunden wird, sind vor allem die Ungleichheiten bei der Verteilung wichtiger Güter, die durch jenes verursacht werden.

Die Notwendgkeit der Rechtfertigung von Ungleichheit

Ungleichheiten sind in einem Wirtschafts- und Sozialsystem, das nicht auf direktem Zwang beruhen soll, unvermeidlich (siehe Teil XIII), unterliegen aber der Pflicht zur Rechtfertigung. Nur wenn kein anderes Wirtschafts- und Sozialsystem existiert, das zu weniger Ungleichheit führt und in dem es den am wenigsten Begünstigten längerfristig besser ginge, ist ein Wirtschafts- und Sozialsystem nach dem von Rawls vertretenen Unterschiedsprinzip als gerecht anzusehen. Diese Forderung führt deswegen zu einer leistungsfähigen Gesellschaft, weil sie anhand der langfristigen Aussichten der am wenigsten begünstigten beurteilt wird und langfristig kann eine Gesellschaft nur bestehen wenn auch ihre privilegierteren Mitglieder genügend Möglichkeiten haben, ihre guten Startbedingungen zu ihrem Wohl umzusetzen (siehe auch “Die zwei Seiten gesellschaftlicher Vernunft”). Unter den Bedingungen des funktionierenden Systems der Erwerbsarbeit hat es sich dabei als am effektivsten erwiesen, den Eigennutz (nicht Egoismus!) jedes Einzelnen als Motivationsquelle einzusetzen, da auf diese Weise am besten sichergestellt werden konnte, dass sich im wesentlichen alle Menschen an dem gemeinschaftlichen Werk beteiligt haben, die Lebensgrundlage für alle sicherzustellen. Jeder beteiligt sich daran, das Ziel zu erreichen und erhält dadurch Anspruch auf einen Teil der erarbeiteten Früchte.

Ohne Beteiligung aller keine Teilhabe aller, keine Gerechtigkeit, keine gesellschaftliche Stabilität

Wenn ich aber mit meiner Spekulation über die künftige Entwicklung richtig liege, wird nach meinen obigen Überlegungen der Grund für die Stabilität des Systems der Erwerbsarbeit wegfallen. Der Prozess der Erzeugung von Waren und Dienstleistungen durch Maschinen selbst ist nämlich kein gemeinschaftliches menschliches Werk mehr. Wenn die Erfinder, Erbauer und Betreiber sowie die Investoren der Maschinen von deren Arbeit profitieren, dann basiert dies nur bis zu einem bestimmten Grad auf ihrer eigenen Leistung, nämlich ihrem Anteil daran, dass die Maschinen zur Verfügung stehen und funktionieren. Die Tätigkeit der Maschinen, isoliert betrachtet, ist eine Frucht, die von ihrer Leistung unabhängig ist. Wollte man es unter diesen Bedingungen, wie im System der Erwerbsarbeit aufrecht erhalten, dass einige Menschen die Maschinen betreiben und deren Produkte an alle anderen verkaufen, erhielten die Betreiber der Maschinen eine Stellung, die jener der Feudalherren vergangener Jahrhunderte ähnelt. Die Mehrzahl der Menschen, die an dem künftigen gemeinschaftlichen Werk teilnehmen, das gedeihliche Zusammenleben der Menschen im privaten, wie im öffentlichen Bereich zu gewährleisten, würde durch ihre Tätigkeit, die nur unter Schwierigkeiten und unzureichend in einen wirtschaftlichen Wert übertragen werden kann, die bloße Arbeit von Maschinen finanzieren, die nur bis zu einem gewissen Punkt auf der Leistung ihrer Erbauer und Betreiber beruht. Diesem ungünstigen Geschäft könnte sich niemand entziehen, insbesondere soweit es Güter betrifft, die benötigt werden, um die elementaren Bedürfnisse (Teil XXX) zu befriediegen.

Einseitige wirtschaftliche Vorteile verschaffen Macht zum Nachteil besonders benachteiligter Menschen

Einige wenige Menschen würden dann die Früchte des gemeinsamen Werks der vielen Menschen abschöpfen, ohne zu diesem Werk selbst etwas beitragen zu müssen. Diese Menschen hätten nämlich in einem gleichwohl aufrecht erhaltenen System der Erwerbsarbeit einen derart hohen Anteil an den erzeugten materiellen Gütern, dass sie sich dafür fast alles kaufen könnten, vor allem die Macht, die sie einseitig bevorzugenden Verhältnisse eine gewisse Zeit lang aufrecht zu erhalten.  Besonders benachteiligt wären unter den geänderten Bedingungen gerade die Menschen, die weniger intelligent, talentiert und daher beim Erwerb ihrer Bildung weniger erfolgreich sind, denn durch den flächendeckenden Einsatz von Maschinen bei der Erzeugung der Waren und Dienstleistungen, müssen in diesem Bereich vor allem solche Tätigkeiten noch durch Menschen ausgeübt werden, die komplexerer und anspruchsvollerer Natur sind. Die Folge wäre, dass die Menschen, die im Bereich ihrer angeborenen Fähigkeiten und ihrer Möglichkeiten, Zugang zu angemessener Bildung zu erhalten, am wenigsten begünstigt sind, nur geringe Möglichkeiten hätten, ihre Situation durch eigene Leistung zu verbessern; es käme zu einer Zweiklassengesellschaft von Profiteuren und Nichtprofiteuren (noch sehr viel mehr, als das heute schon zu beobachten ist), in der unter diesen Bedingungen die Mehrzahl der Menschen von allen Chancen ganz ausgeschlossen blieben.

Niemand könnte das als gerecht ansehen

Ein solches Wirtschafts- und Sozialsystem verstieße eklatant gegen das Merkmal eines sozial gerechten, dem Gemeinwohl verpflichteten Wirtschafts- und Sozialsystems, für jedermann vorteilhaft zu sein. Es könnte von niemandem als gerecht empfunden werden und hätte zu Recht keine Chance, dauerhaft umgesetzt zu werden. Noch viel weniger würde es akzeptiert werden, unter solchen Bedingungen Rohstoffe und natürliche Ressourcen zu verbrauchen sowie die Natur zu belasten, auch soweit das in einer industrialisierten Wirtschaft unvermeidlich ist. Die nicht privilegierten Menschen hätten das immer stärker werdende Bedürfnis, sich irgendwie der Abhängigkeit von den Maschinenbetreibern zu entziehen und es wäre immer größerer und immer offener ausgeübter Zwang notwendig, um zu erreichen, dass sie sich an einem solchen System beteiligen.

Gesellschaftliche Stabilität durch Zugriff aller auf die Arbeit der Maschinen

Der Prozess der Erzeugung von Waren und Dienstleistungen durch Maschinen wird daher nur dann auf eine allgemeine Akzeptanz und damit Stabilität hoffen können, wenn alle Menschen von diesem Prozess angemessen profitieren. Wenn man sich vereinfacht vorstellt, dass es eine Maschine gäbe, die in der Lage wäre, alle Waren und Dienstleistungen zu erzeugen, die Menschen benötigen, wäre die Forderung, dass diese Maschine – zumindest soweit sie elementare Güter herstellt – von allen Menschen für einen angemessenen und bezahlbaren Preis erworben werden kann. Die Leistung der Menschen, die an dem Bau und dem Betrieb der Maschine beteiligt sind, würde auf diese Weise entlohnt, jedoch hätte jeder Einzelne ungehindert Zugriff auf die Ergebnisse der Arbeit dieser Maschine. Im Ergebnis könnte jeder die von der Maschine erzeugten Waren und Dienstleistungen nutzen, ohne dafür ein unmittelbares Entgelt an die Erfinder, Erbauer und Betreiber der Maschine zahlen zu müssen und jeder hätte Grund, dies für sich als vorteilhaft anzusehen. Genau dies ist die Forderung, die ich am Ende von Teil XXXIII aufgestellt habe.

Wie könnte nun ein solches Wirtschafts- und Sozialsystem beschrieben werden? Diese Frage möchte ich im kommenden Blogpost untersuchen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)

Geschrieben von Thomas Reis - 04/11/2011

Nachdem ich nun in Teil XXIX und Teil XXX meine ersten Gedanken darüber entwickelt habe, wie ein sozial gerechtes und dem Gemeinwohl verpflichtetes Wirtschfts- und Sozialsystem in Zukunft aussehen könnte, hoffe ich, niemanden allzusehr verschreckt zu haben. Was ich begreiflich machen möchte ist, dass die abstrakten Grundsätze eines solchen Systems, wie ich sie in Teil XXIII aufgeschrieben habe, unter der Voraussetzung einer tiefgreifenden Veränderung der Wirklichkeit zu einer tiefgreifenden Veränderung der Vorstellung davon führen müssen, wie dieses System konkret ausgestaltet sein soll. Bislang habe ich versucht, aus meiner Spekulation über die Veränderung des Blickwinkels der Menschen darauf, welche Reichweite ein Wirtschafts- und Sozialsystem haben sollte, Rückschlüsse über den dazu notwendigen Rahmen wirtschaftlicher Betätigung zu ziehen. Notwendig sind aber auch Überlegungen darüber, wie unter den von mir unterstellten weiteren Veränderungen dieser Rahmen so ausgefüllt wird, dass dieses Wirtschafts- und Sozialsystem es den Menschen ermöglicht, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten und daraus das Selbstbewusstsein zu gewinnen, ein mündiger Bürger zu sein.

Das Prinzip der Arbeitsteilung muss neu ausgerichtet werden

Durch die Entwicklung, die ich in Teil XXVI beschrieben habe, die Ablösung des Prozesses der Herstellung von Waren und Dienstleistungen von der Notwendigkeit, menschliche Arbeitskraft einzusetzen und die damit verbundene Veränderung der Natur menschlicher Tätigkeit (beschrieben in Teil XXVII), wird Erwerbsarbeit zwar nicht vollständig verschwinden, wird aber für die Menschen nicht mehr die Grundlage dafür sein können, die notwendigen Mittel zu erwerben, um eine würdige Existenz für sich und die Menschen zu sichern, die ihnen wichtig sind. Da es aber in einem sozial gerechten Wirtschafts- und Sozialsystem notwendig ist, den Menschen verbindliche soziale Regeln an die Hand zu geben, wie sie ihren Lebensunterhalt auf allgemein akzeptierte Weise sicherstellen können (Punkt 3 in Teil XXIII, näher beschrieben in der zweiten Hälfte von Teil XVII), wird es notwendig sein, andere allgemein akzeptierte Wege hierfür zu etablieren. Die unabdingbare Akzeptanz dieser sozialen Regeln wird um so eher erreicht werden können, je besser es gelingt, eines der Kernmerkmale für den Erfolg des Systems der Erwerbsarbeit auch unter den veränderten Rahmenbdingungen nutzbar zu machen, nämlich das Prinzip der Arbeitsteilung.

Neue umfassende Ziele benötigen neue Grundlagen der Zusammenarbeit

In Teil XXVIII habe ich meine Erwartung ausgedrückt, auch in Zukunft werde es große, umfassende Ziele menschlichen Handelns geben, die nur durch die Zusammenarbeit aller erreicht werden können. Im System der Erwerbsarbeit wird die große umfassende Aufgabe, für die sich die Menschen gemeinschaftlich anstrengen in der Versorgung mit den notwendigen und erwünschten materiellen Gütern gesehen. Die Teilnahme an dem gemeinschaftlichen Werk sichert gleichzeitig auch einen Anteil an dessen Früchten. Da aber der Anteil menschlicher Arbeit bei der Herstellung der meisten Waren und Dienstleistungen meiner Erwartung nach mehr und mehr zurückgedrängt werden wird, kann das Prinzip der Arbeitsteilung die allgemeine Akzeptanz künftiger verbindlicher sozialer Regeln für den allgemein akzeptierten Erwerb des Lebensunterhalts nicht mehr direkt bewirken. Es muss daher gelingen, den Beitrag jedes Einzelnen zur Erreichung der künftigen großen und umfassenden Ziele, für die gemeinschaftliche Anstrengungen der Menschen notwendig sind, die sich meiner Erwartung nach vom materiellen konsumorientierten Bereich in den sozialen konstitutiven Bereich verlagern werden, angemessen zu würdigen. Es muss gelingen, ihm einen Anteil an den Früchten dieses gemeinsamen Werks zu sichern und ihm gleichzeitig verbindliche soziale Regeln an die Hand zu geben, wie er in einer allgemein akzeptierten Weise die materiellen Güter erlangen kann, die er benötigt, um den Lebensunterhalt für sich und die Menschen, die ihm wichtig sind, sicherzustellen. Das Vorhaben einer arbeitsteiligen Gesellschaft wird also komplizierter, da die Menschen gemeinschaftlich zur Erreichung der sozial konstitutiven Ziele zusammenwirken, weiterhin die materiellen Güter benötigen, an deren Herstellung sie jedoch in immer geringerem Umfang beteiligt sein werden und zur Anstrengung für das gemeinschaftliche Werk motiviert werden müssen. Die Aufgabe wird dadurch von einem zweiseitigen (System der Erwerbsarbeit) zu einem dreiseitigen Vorhaben (künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem). Diese These möchte ich im Folgenden zunächst einmal untermauern.

Warum die einfache Form der Arbeitsteilung nicht mehr funktioniert

Die Schwierigkeit, die in einem künftigen Wirtschafts- und Sozialsystem auftritt, wird nämlich meiner Erwartung nach folgende sein: Die Menschen werden zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts Waren und Dienstleistungen benötigen, die im wesentlichen durch Maschinen hergestellt werden. Das bedeutet, der für das System der Erwerbsarbeit typische Maßstab zur gerechten Verteilung dieser Waren und Dienstleistungen, nämlich die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei ihrer Erzeugung, wird nicht mehr funktionieren (in Teil VII habe ich das bereits angedeutet). Mehr noch, wird auch die individuelle Leistung jedes Einzelnen bei der Ausübung der Tätigkeiten, die künftig unter den von mir spekulierten Bedingungen für menschliche Tätigkeit prägend sein werden, kaum im herkömmlichen Sinne als Maßstab für die Verteilung der maschinell hergestellten Waren und Dienstleistungen nutzbar sein. Dazu möchte ich mir diesen Aspekt des Systems der Erwerbsarbeit, beginnend mit dem folgenden Blogpost, noch einmal genauer ansehen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)

Geschrieben von Thomas Reis - 30/10/2011

In Teil XXIX habe ich das Spannungsverhältnis der in Teil XXIII genannten Punkte 1, 6 und 8 der Merkmale eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystems beschrieben. Um meinen Ansatz unter dem Aspekt unserer künftigen Lebensbedingungen, über den ich in Teil XXVIII spekuliert habe, nicht an inneren Widersprüchen scheitern zu lassen, habe ich vorgeschlagen, nach Wegen zu suchen, die vorhandenen Ressourcen effizienter und weniger umweltbelastend einzusetzen, neue Ressourcen zu erschließen sowie unsere Bedürfnisse zu überdenken, für deren Befriedigung Ressourcen verbraucht werden.

Vorrangig sollten wir unsere Bedürfnisse überdenken

Da die beiden erstgenannten Ansätze künftige Entwicklungen in Wissenschaft und Technik voraussetzen, deren Reichweite heute noch nicht genau abgeschätzt werden können, sollten die Überlegungen sinnvoller Weise mit der Bedürfniskritik beginnen. Wenn unterstellt werden muss, dass die Befriedigung einiger Bedürfnisse, die uns in den industrialisierten Regionen der Erde ganz selbstverständlich erscheint, unter der Bedingung vergleichbarer Lebensbedingungen überall auf der Welt nicht mehr möglich ist, muss man Prioritäten setzen und Bedürfnisse benennen, deren Befriedigung auf alle Fälle unabdingbar ist. Als derart elementare Bedürfnisse möchte ich benennen:

  • ausreichend Nahrung in guter Qualität zur Verfügung zu haben,
  • vor schädlichen Natureinflüssen geschützt zu sein,
  • Zugang zu einer grundlegenden Gesundheitsfürsorge zu besitzen und
  • in einem friedlichen Umfeld zu leben, das es ermöglicht
  • soziale Kontakte zu pflegen und als Person von anderen anerkannt zu sein.

Es dürfte bereits eine enorme Herausforderung für jedes Wirtschafts- und Sozialsystem darstellen, diese Bedürfnisse für alle Menschen auf der Welt zuverlässig befriedigen zu können.

Was bedeutet der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse?

Um Missverständnissen vorzubeugen sei eines klargestellt. Ich meine keineswegs, das Wirtschafts- und Sozialsystem einer Erdenregion, sagen wir Europa, sei verpflichtet und müsse in der Lage sein, die Bedürfnisse weltweit zu befriedigen. Ich bin aber davon überzeugt, dass es dann, wenn die von mir prognostizierte Entwicklung tatsächlich stattfindet, allgemein akzeptiert werden muss, Wirtschaft als die globale Aufgabe zu begreifen, die Bedürfnisse der Menschen überall auf der Welt zu befriedigen. Der Vorrang für die elementaren Bedürfnisse bedeutet dann für alle Menschen überall auf der Welt, dass Energie, Rohstoffe und natürliche Ressourcen sowie die Belastung unserer Umwelt zu allererst dazu zu dienen hat, Waren und Dienstleistungen zu erzeugen, die notwendig sind um die elementaren Bedürfnisse aller Menschen weltweit zu befriedigen und allgemein verfügbar zu machen. Bedürfnisse, die über die elementaren hinausgehen, können hingegen nur dann befriedigt werden, wenn die elementaren bereits zuverlässig befriedigt werden.  Das bedeutet vor allem für die Menschen in den heutigen Industriestaaten deutlich spürbare Veränderungen in den Lebensgewohnheiten, deren bloße Vorstellung von ganz vielen bereits als Verlust empfunden wird.

Ein Verlust?

Diesen Verlust wird man allerdings nicht im strengen Sinne so bezeichnen können, da unter den heutigen Bedingungen unser Reichtum vielfach dadurch entsteht, dass aus den wirtschaftlich schwachen Gebieten Rohstoffe billig in die wirtschaftlich starken Gebiete verkauft und dort zu wertvollen Produkten veredelt werden (siehe dazu bereits Teil XXI). Wenn wir in den wirtschaftlich starken Gebieten für die inführung dieser Rohstoffe einen höheren Preis werden zahlen müssen, der es den Menschen in den Herkunftsländern erlaubt, ihre elementaren Bedürfnisse befriedigen zu können und wenn wir es akzeptieren müssen, dass die Menschen in den Ländern, in denen die Rohstoffe lagern, diese stärker auch selbst nutzen, macht sich das zwar bemerkbar, als ob die Menschen hier etwas abgeben müssten. In Wirklichkeit profitieren aber lediglich die Menschen in den wirtschaftlich starken Regionen der Erde weniger auf Kosten der Menschen in den ärmeren Regionen der Erde. Einem solchen „Verlust“ werden sich die Menschen in den Industrieregionen der Erde schon allein aus Gründen der Vernunft (näheres dazu in Teil XXIX) wohl kaum verschließen können. Wie groß der „Verlust“ sein wird, hängt im übrigen davon ab, wie weit die wissenschaftlichen Erkenntnisse und technologischen Weiterentwicklungen reichen werden, die es ermöglichen,  in Zukunft die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizienter zu nutzen.

Neue Lebensbedingungen führen wahrscheinlich von sich aus zu veränderten Bedürfnissen

Ich meine aber, es ist auch gar nicht abwegig anzunehmen, dass sich die Bedürfnisse der Menschen von sich aus verändern werden, da eben die veränderten Prioritäten bei der Nutzung von Rohstoffen, Energie und natürlichen Ressourcen auf einer veränderten Wahrnehmung basieren, wie weit ein Wirtschafts- und Sozialsystem in Zukunft reichen soll. In dem Maß, in dem sich für die künftigen Menschen der Kreis derer räumlich wie zahlenmäßig erweitert, mit denen sie sich emotional verbunden fühlen, werden auch die Bedürfnisse der Menschen nach Kommunikation und sinnstiftender Gemeinschaft stärker ausgeprägt sein, während intensiver Konsum zur Befriedigung nicht elementarer Bedürfnisse, der mit einem hohen Ressourcenverbrauch einhergeht, dort, wo er lediglich um seiner selbst Willen stattfindet, an Bedeutung verlieren wird. Dies ist auch deswegen wahrscheinlich, weil es nach meiner Spekulation der Stärkung des Handelns als einer Form menschlicher Tätigkeit entspricht, die infolge der schwindenden Bedeutung des Bereichs der Arbeit im Vergleich zum heutigen System der Erwerbsarbeit eintreten wird (ausführlicher dazu Teil XXVII). Auf diese Weise wird eine zukünftige Gesellschaft von sich aus eine Tendenz aufweisen, gemeinschaftsorientiert zu sein und so in besonderem Maße eine wichtige Anforderung an ein sozial gerechtes, am Gemeinwohl orientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem (Punkt 5 der in Teil XXIII genannten Merkmale) erfüllen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)

Geschrieben von Thomas Reis - 04/09/2011

Um meine Vorstellung davon präziser darzustellen, wie sich menschliches Tun verändern wird, wenn immer weitere Bereiche unserer heute bekannten Arbeitswelt von sich selbst steuernden Maschinen geprägt sein werden, möchte ich mich nun also mit Hannah Arendt auf eine der größten Denkerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts beziehen. Sie wagt in ihrem Werk „Vita activa – Vom tätigen Leben“ den Versuch, das Phänomen menschlicher Tätigkeit umfassend zu beschreiben. Dieses Werk ist, obwohl in den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden, auch heute noch von beispielloser Aktualität und dieses Blogpost reicht nicht einmal ansatzweise aus, seinen Inhalt umfassend würdigen zu können. Gleichwohl bietet meines Erachtens selbst die rudimentäre Dartstellung der Struktur von Arendts Systematik ein notwendiges Gerüst für meine Spekulation über die Art und Weise unserer künftigen Tätigkeiten. Hannah Arendt teilt das tätige Leben der Menschen begrifflich in drei Hauptbereiche: Das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln.

Das menschliche Leben als einen Teil der Natur erhalten: Arbeiten

Unter Arbeiten in diesem Sinne versteht man jede Tätigkeit, die direkt der Erhaltung menschlichen Lebens als einem Teil der belebten Natur dient. Wesentliches Merkmal dieses Aspekts des Tätigseins ist die Eigenschaft des Menschen, den Kreisläufen der Natur unterworfen und deswegen durch Geburt in die Welt zu kommen und sterblich zu sein. Arbeiten bedeutet daher auf den Einzelnen bezogen, Tätigkeiten auszuüben, die ständig wiederkehren und darauf gerichtet sind, Stoffwechselprozesse aufrecht zu erhalten und Zerfallsprozesse zu verlangsamen, die letztlich unauswichlich sind. Auf die Gesamtheit der Menschen bezogen werden als Arbeit alle Tätigkeiten bezeichnet, die notwendig sind, um die Menschheit als eine  biologische Gattung zu erhalten, das heißt also alle Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, Geburt und Erziehung von Kindern zu gewährleisten, das Zusammenleben aller zu sichern und jedem einzelnen ein würdiges Lebensende zu ermöglichen.

Erschaffung einer künstlichen Welt zum Schutz gegen natürliche Prozesse: Herstellen

Herstellen ist jede Tätigkeit, durch die unserer natürlichen Umgebung künstliche Gegenstände hinzugefügt werden, die Menschen in einem schöpferischen Akt erschaffen haben. Dadurch entsteht eine Welt, innerhalb derer wir uns vor den potentiell schädlichen Einflüssen der Natur schützen können. Wesentliches Merkmal dieses Aspekts menschlicher Tätigkeit ist es, menschliches Leben durch den Einsatz von Kreativität und handwerklichem Geschick den Einflüssen der Natur zumindest teilweise zu entziehen und Bereiche zu schaffen, in denen der Mensch das Maß der Dinge ist. Herstellen bedeutet daher, die materiellen Voraussetzungen für so etwas wie eine Zivilisation zu schaffen.

Schaffung einer gemeinsam erlebten Wirklichkeit als Voraussetzung für das Zusammenleben: Handeln

Handeln ist schließlich jede Tätigkeit, durch die Menschen als gleichwertige Individuen miteinander umgehen und sich so als politische Wesen zu erkennen geben. Es ist der Bereich menschlicher Tätigkeit, der am allerwenigsten durch Maschinen übernommen werden kann, da sein wesentliches Merkmal darin besteht, dass Menschen öffentlich miteinander kommunizieren und aufeinander bezogene Taten begehen (gute wie schlechte). Da einmal ausgesprochene Worte nicht wieder ungesagt und einmal getane Taten nicht mehr ungeschehen gemacht werden können und beides der Erinnerung unterliegt, erschafft das Handeln eine Geschichte, in der alle Menschen sowohl beteiligte Figuren, als auch Autoren sind. Erst auf diese Weise wird die Welt, innerhalb derer wir alle leben, zu einer gemeinsamen Welt mit einer gemeinsam erlebten Wirklichkeit.

Die unterschiedliche Bedeutung der drei Bereiche in jeder Epoche

Seit jeher sind diese Bereiche mit unterschiedlich starker Bedeutung bestimmend für das menschliche Zusammenleben. Dabei unterschied sich das Verhältnis in denen diese drei Bereiche menschlicher Tätigkeit zueinander stehen, in den verschiedenen geschichtlichen Epochen jeweils signifikant voneinander. Die klassisch griechische und römische Epoche unterschied sich darin vom Feudalismus und der von den Zünften geprägten herstellenden Gesellschaft sowie der Arbeitsgesellschaft, die bis heute für das prägend ist, was ich das System der Erwerbsarbeit genannt habe.

Ein näherer Blick auf die Arbeitsgesellschaft

Das Wesen der heutigen Arbeitsgesellschaft, beschreibt Hannah Arendt damit, dass der Bereich des Herstellens durch den Einsatz von Maschinen immer mehr dem des Arbeitens angeglichen wurde, indem der einzelne Mensch dabei immer weniger schöpferisch tätig wurde. In den heutigen Fabriken schließlich üben die die Menschen nicht mehr so sehr je nach individuellen Fähigkeiten ein bestimmtes Handwerk aus, sondern bedienen lediglich Maschinen und sind dabei austauschbar geworden. Die Tätigkeiten, Menschen dabei ausüben, die Maschinen, die sie bedienen, bestimmen ihren Lebensrhythmus und erlauben es dem Einzelnen immer weniger, noch Einfluss auf das Endprodukt zu nehmen, an dessen Erschaffung sie beteiligt sind. Diese Tätigkeit ist zum Selbstzweck geworden, um den Lebensunterhalt zu verdienen, das heißt mittelbar, um Stoffwechselprozesse aufrecht zu erhalten und Zerfallsprozesse zu verlangsamen. Sie vollzieht sich in ewig wiederkehrenden Kreisläufen und die Menschen sind ihr ebenso unterworfen, wie den natürlichen Kreisläufen. Der Bereich des Herstellens wurde auf diese Weise von dem des Arbeitens fast vollständig überlagert. Gleichzeitig hat sich eine auf gleichartiges Verhalten gerichtete Gesellschaft herausgebildet, die den klassischen Bereich des Handelns weitgehend verdrängt hat, indem individuelle Interaktion von Menschen aufgrund ökonomischer Zwänge weitgehend in den Hintergrund getreten ist. Am deutlichsten ist dies während der eigentlichen Arbeitszeiten, während denen wir uns sehr weitreichenden Reglementierungen unseres Tuns unterwerfen, ist jedoch auch außerhalb dieser Kernzeiten unserer Arbeitstätigkeit sichtbar, wenn wir uns in die Rolle von Mitgliedern der Gesellschaft befinden und ein an gesellschaftlichen Normen ausgerichtetes Verhalten zeigen. Dabei haben wir Umgang miteinander, ohne wirklich miteinander zu interagieren.

Veränderungen des menschlichen Tätigwerdens durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen

Infolge des von mir vorhergesagten weitgehenden Ersatzes menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen im Bereich der Produktion von Waren und der Erbringung eher mechanisch geprägter Dienstleistungen wird sich der Bereich der Arbeit, so wie er von Hannah Arendt für die Arbeitsgesellschaft beschrieben worden ist, dramatisch verändern und seine Bedeutung zu einem großen Teil einbüßen. Tätigkeiten im Bereich der Arbeit werden sich in Zukunft ihrer klassischen Bedeutung wieder annähern und zum einen darauf gerichtet sein, sich gegenseitig darin zu unterstützen, die täglich notwendigen Tätigkeiten zu verrichten, die zur Aufrechterhaltung unseres individuellen Lebens erforderlich sind, soweit sie uns nicht durch Maschinen abgenommen werden können oder wo dies nicht gewünscht ist. Die Tätigkeiten im Bereich der Arbeit werden aber nicht nur darin bestehen, direkt unser Leben aufrecht erhalten, sondern auch darin, das gemeinsame Ziel zu verwirklichen, unser aller Leben miteinander einfacher zu machen sowie unabhängig von äußeren Zielen persönliche Kontakte als Selbstzweck zu pflegen.

Arbeit wird nie wieder eine Sklaventätigkeit sein

Nicht wieder aufleben wird allerdings wird ein grundlegendes Merkmal der klassischen Form von Arbeit, das in der Antike besonders deutlich hervorgetreten ist. In dieser Zeit wurde Arbeit nur von bestimmten Menschen, den Sklaven, zu Gunsten von freien Menschen (in der Antike ausschließlich Männer) ausgeübt. Dies Merkmal wird vollständig dem heute prägenden der Gegenseitigkeit weichen. Arbeit im Sinne der Vita activa wird innerhalb kleinerer gemeinschaftlicher Strukturen geschehen, die ihrerseits Gemeinschaften mit anderen Gemeinschaften bilden und sich so gegenseitig ergänzen und verstärken. Alle beteiligen sich und leisten ihren persönlichen Beitrag, um etwas zu erreichen, das ein Mensch alleine nicht geschafft hätte.

Das Wiedererstarken des Handelns nach der Arbeitsgesellschaft

Die Menschen werden aber auf der anderen Seite sehr viel stärker als heute in dem Bereich miteinander tätig werden, den Hannah Arendt in „Vita aktiva“ als das Handeln beschreibt, das heißt in dem im weitesten Sinne politischen Bereich. Diese Art der Tätigkeit wird eng mit der Entwicklung verknüpft sein, Arbeit innerhalb von Gemeinschaften auszuüben und überall dort stattfinden, wo Menschen unabhängig von der Notwendigkeit, ihr Leben zu erhalten, der Neigung oder persönlichen Sympathie gezwungen sind, miteinander auszukommen, sei es auf der persönlichen und nachbarschaftlichen Ebene, der kommunalen, der regionalen, der kontinentalen oder der globalen Ebene. Diese Tätigkeiten werden darin bestehen, verschiedene, voneinander abweichende Interessen miteinander zu diskutieren und daraus verbindliche Regeln des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit zu entwickeln, zu beschließen und umzusetzen sowie auf allen diesen Ebenen die gleichwohl unvermeidbaren Konflikte nach Möglichkeit gewaltfrei zu lösen.

Der bleibende Bedeutungsvelust des Herstellens als menschlicher Tätigkeit

Die grundlegendsde Änderung menschlicher Tätigkeit wird schließlich den Bereich des Herstellens von Dingen betreffen. Dieser Bereich wird so gut wie vollständig als menschliche Tätigkeit verschwinden und von Maschinen übernommen werden. Menschen werden deren Arbeit lediglich lenken und überwachen sowie die Maschinen fortwährend verbessern. Kulturelle Tätigkeiten, die ihrer Art nach auch in Zukunft einer der exklusiven Bereiche menschlicher Tätigkeit sein werden, wie etwa Philosophie, Naturwissenschaft oder künstlerisches Gestalten, haben in dieser Urform menschlicher Tätigkeit eine Wurzel, haben aber aufgrund ihrer vollständig veränderten Bedeutung den Bereich des klassischen Herstellens von Dingen verlassen.

Was ich deutlich machen möchte

Wie bereits zu Anfang erwähnt, sind diese Ausführungen zu der systematischen Darstellung menschlicher Tätigkeit in „Vita activa“ äußerst rudimentärer Natur (wer Interesse gefunden hat, dieses Meisterwerk von Hannah Arendt näher kennenzulernen, dem kann ich nur dessen gesamte Lektüre empfehlen, es lohnt sich!). Ebenso wenig habe ich eine genaue Beschreibung dessen geliefert, wie ich mir unser Leben in Zukunft konkret vorstelle, sondern lediglich dessen abstrakte Grundzüge. Ich hoffe aber, mit meinen Ausführungen deutlich gemacht zu haben, dass sich die Erscheinung menschlicher Tätigkeit in Zukunft ebenso grundlegend von der heutigen unterscheiden wird, wie die antike Welt von der feudalistischen Welt des Mittelalters und diese von der Arbeitsgesellschaft. Das veränderte Erscheinungsbild menschlicher Tätigkeit wird vollkommen neue Ansätze notwendig machen, um auch in Zukunft ein sozial gerechtes, dem gemeinwohl verpflichtetes Wirtschafts- und Sozialsystem gewährleisten zu können. Bevor ich dazu komme, möchte ich aber im kommenden Blogpost noch einige weitere Spekulationen anstellen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)

Geschrieben von Thomas Reis - 31/08/2011

Wie in Teil XXV angekündigt, unterstelle ich nun, dass ich mit meiner in Teil VII formulierten These recht habe. Diese Annahme zugrundegelegt, möchte ich spekulieren, welche Auswirkungen auf unsere Lebensbedingungen derart veränderte Rahmenbedingungen haben könnten. Beginnen möchte ich hierzu kurz damit, meinen Gedankengang bis zu jener These kurz zusammenfassen.

Kurzer Blick zurück auf den Mechanismus der Erwerbsarbeit

Der Mechanismus, der die Erwerbsarbeit in den vergangenen zweihundert Jahren so erfolgreich gemacht hat, besteht darin, dass mit ihrer Hilfe alle, die sich am wirtschaftlichen Prozess beteiligt haben, davon auch profitieren konnten. Der einzelne Arbeitgeber bekam die nötige Hilfe, um Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Der einzelne Arbeitnehmer erlangte die notwendigen Mittel, die Waren und Dienstleistungen zu erwerben, die er benötigte, um für sich und seine Angehörigen ein eigenständiges und eigenverantwortliches Leben sicherstellen zu können (siehe auch Teil II). Zu Gunsten aller Menschen gemeinsam konnte sich so eine Gesellschaft entwickeln, innerhalb derer es möglich war, die Lebenswirklichkeit einem Ideal sozialer Gerechtigkeit anzunähern. Es bildete sich ein Wirtschafts- und Sozialsystem, das den Menschen genügend Anreize bot, um sich gemeinsam für größere Ziele anzustrengen, als sie ein einzelner hätte erreichen können und dabei insgesamt erfolgreich zu sein, die aber auch für die Schwächeren alles in allem akzeptabel war, da sie es jedem einzelnen ermöglichen konnte, den eigenen Lebensunterhalt sicherzustellen (vergleiche auch Teil V).

Gesellschaftliche Stabilität durch allgemeinen Vorteil

Diese Gesellschaft konnte stabil sein, ohne allzusehr auf staatliche Intervention, etwa durch Repression oder die Alimentation des Einzelnen angewiesen zu sein, da die zwei gegenläufigen Ziele, die Erzeugung von Massenkaufkraft zur Förderung des Konsums und die Kontrolle der durch die gezahlten Löhne maßgeblich beeinflussten Produktionskosten in einem Gleichgewicht gehalten wurden und durch die Förderung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung immer weitere Verteilungsspielräume erschlossen werden konnten. Auf diese Weise konnten immer mehr Waren und Dienstleistungen produziert werden und den Wohlstand allgemein immer weiter steigern.

Die Nebenfolge des technischen Fortschritts

Eine Nebenfolge des immer weiter gehenden technischen Fortschritts ist aber auch, dass bei Produktionsprozessen und zunehmend auch bei Dienstleistungen menschliche Tätigkeit in immer größerem Umfang vollkommen verdrängt wird. Die zentrale Stellung der Erwerbsarbeit im wirtschaftlichen Prozess wird dadurch mehr und mehr zum Problem, da sie nicht mehr allen Menschen gleichermaßen zugänglich ist und so nicht mehr in der gewohnten Weise ihre Funktion als Motor zur Erzeugung und Verteilung des Wohlstands spielen kann (siehe Teil VII).

Die konsequente Fortführung dieses Gedankens

Denkt man diese Entwicklung konsequent zu Ende, werden in Zukunft die Produktion von Waren und die meisten Dienstleistungen nahezu ausschließlich durch Maschinen erfolgen, die sich weitgehend selbst steuern, kontrollieren und ihren Einsatz sowie ihr Zusammenwirken mit anderen Maschinen optimieren. Überall dort, wo Maschinen solche Aufgaben präziser, ausdauernder, kraftvoller, effizienter und damit zuverlässiger erledigen können, wird menschliche Tätigkeit schließlich vollständig verschwinden. Menschliche Tätigkeit wird dagegen immer dort benötigt werden, wo spezifisch menschliche Fähigkeiten notwendig sind: Kreativität, Empathie, Assoziationsfähigkeit, ethisch moralisches Abwägen, Kommunizieren und Handeln, Phantasie, zukunftsgerichtetes Denken und viele mehr.

Was menschliche Tätigkeit sein wird

Der Mensch wird immer ein tätiges Wesen sein, menschliche Tätigkeit wird sich aber radikal verändern. Für menschliche Arbeitskraft, so wie wir sie heute kennen, wird in Zukunft ein sehr viel geringerer Bedarf bestehen, als das heute der Fall ist. Insbesondere für einfache, mechanische und damit monotone Hilfs- und Unterstützungstätigkeiten wird menschliche Arbeitskraft nicht mehr benötigt werden und überall dort, wo menschliche Tätigkeit in den „klassischen Bereichen“ auch weiterhin unverzichtbar sein wird, werden dafür besondere Fähigkeiten und Qualifikationen erforderlich sein.

Der Bedeutungsgewinn für den zwischenmenschlichen Bereich

Es werden sich neue Bereiche herausbilden, in denen menschliche Tätigkeit hauptsächlich stattfindet und zwar dort, wo wir bereits heute die Notwendigkeit erkennen, die wir aber aufgrund vermeintlicher oder tatsächlicher Sachzwänge vernachlässigen. Dies wird in ganz starkem Maß der zwischenmenschliche Bereich sein und zwar im weitesten Sinne, das heißt im privaten, wie im öffentlichen Bereich. Menschliche Tätigkeit wird sich also zum einen auf das direkte persönliche Umfeld beziehen, den privaten Bereich (was den traditionellen Begriff der Familie beinhaltet, jedoch sehr viel weiter gefasst sein wird, als diese), den Freundeskreis, den Kreis interessenbezogener Gemeinschaften und den daraus entstehenden Mischformen.

Eine Analyse nach den Grundlagen der “Vita activa” von Hannah Arendt

Um die Veränderungen in der Art menschlicher Tätigkeit näher zu beschreiben, möchte ich mich einmal mehr auf den begrifflichen Ansatz von Hannah Arend und ihr großes Werk „Vita aktiva“ beziehen, das die gesamten Aspekte menschlicher Tätigkeit unter Bezug auf die antike griechische Welt beschreibt. „Tätig sein“ beinhaltet danach drei Aspekte: Das Arbeiten, das Herstellen und das Handeln. Hannah Arendt und ihrer Analyse möchte ich daher den nächsten Teil widmen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)

Geschrieben von Thomas Reis - 21/10/2010

Fortsetzung von Teil XXIVa

Das in Teil XXIVa genannte erste Argument, einen extrem libertären Standpunkt abzulehnen, ist wohl das naheliegendste aus sozialdemokratischer Sicht. Denn selbst wenn Sozialdemokraten die mit der Agenda 2010 verbundenen Einschränkungen sozialstaatlicher Institutionen zu verantworten haben, bleibe ich dabei, dass die SPD auch heute die Partei ist, die dem Gedanken an soziale Gerechtigkeit besonders verpflichtet ist. Die Agenda 2010 verlangt den benachteiligten Gruppen unserer Gesellschaft sehr viel ab, teilweise sogar zu viel, wie das Bundessozialgericht klargestellt hat. Das Ziel der Sozialdemokratie war es aber immer, den Szialstaat zu sichern, niemals ihn abzuschaffen (siehe Teil XIVa und Teil XIVb). Darin liegt der große Unterschied zu der libertären Position, deren Vertreter gerade an der Bundesregierung beteiligt sind. Dies ist aus sozialdemokratischer Sicht abzulehnen und ich möchte mit den folgenden Ausführungen gerne noch weitere, scheinbar verblüffende Argumente dafür nennen, die sich aus den in Teil XXIII zusammengefassten acht Eigenschaften eines sozial gerechten, am Gemeinwohl orientierten Wirtschafts- und Sozialsystem ergeben.

Mangelnde Vereinbarkeit mit einer gemeinschaftsorientierten Gesellschaft

Gemessen an Berichten über eine steigende Zahl von Menschen in den USA, die mehr als eine Vollzeitbeschäftigung ausüben müssen, um für sich und ihre Angehörigen die notwendigen Mittel zum Lebensunterhalt verdienen zu können, halte ich das dortige Wirtschafts- und Sozialsystem auch für weniger geeignet als das europäisch geprägte, eine gemeinschaftsorientierte Gesellschaftsordnung zu stützen (siehe auch die Schilderungen amerikanischer Alltagsgeschichten durch Richard Sennet in „Der flexible Mensch“). Jeder Mensch hat lediglich ein begrenztes Maß an Lebensebergie und es benötigt ebensosehr Energie, soziale Kontakte zu pflegen, wie es Energie benötigt, Arbeit zu leisten, zumal dann, wenn Menschen dauerhafte soziale Kontakte pflegen möchten.

Eine Gesellschaft ohne ausreichend Raum für Gemeinschaften zerstört sich selbst

Eine Gesellschaft, in der es Menschen abverlangt wird, nahezu ihre gesamte Zeit und Kraft in den Erwerb ihres Lebensunterhalt zu investieren, schmälert daher automatisch das Potential der Menschen, in Gesellschaft mit anderen Menschen zu leben. Eine solche Gesellschaft läuft Gefahr, in einzelne, isolierte Individuen zu zerfallen, die nicht in der Lage sind, anders als aus rein materiellem Interesse miteinander umzugehen. Sie beraubt sich selbst ihrer eigenen Grundlage (siehe die Sammlung fulminanter Aufsätze in „Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus“ oder auch „Das Unbehagen an der Moderne“ beide von Charles Taylor). Die europäischen Wirtschafts- und Sozialsysteme haben hier noch eine besser ausbalancierte Verteilung der Gewichte als die in den USA, laufen aber meines Erachtens Gefahr, sich in eine solche Richtung zu entwickeln. Dies kann nicht das Ziel einer vernünftigen Politik sein.

Mangelnde soziale Gerechtigkeit ist nicht nachhaltig

Das Argument, das aus meiner Sicht am deutlichsten den inneren Widerspruch eines extrem libertären politischen Ansatzes aufzeigt, der darauf basiert, die europäischen Wirtschafts- und Sozialsysteme über das durch die Agenda 2010 erfolgte Maß hinaus einzuschränken und damit dem in den USA anzunähern, ist allerdings – durchaus überraschend, dass dieses System aus meiner Sicht nicht nachhaltig ist.

Mangelde soziale Sicherungssysteme und öffentliche wie private Verschuldung

Betrachtet man sich nämlich den Grad der privaten und öffentlichen Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, schneiden die USA  am schlechtesten von allen Industrieländern ab. Insbesondere die private Verschuldung und die damit verbundene geringe Sparquote der Bürger der USA ist besorgniserregend. Dieser Umstand ist allerdings auch relativ leicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass sehr viele Amerikaner nicht nur eine prekäre Einkommenssituation, sondern bislang auch keine ausreichende Sozialversicherung haben. Sie müssen beispielsweise in dem Fall einer schwerwiegenderen Erkrankung notwendige Behandlungskosten selbst tragen und erhalten bei längerer Arbeitslosigkeit nur unzureichende öffentliche Unterstützung zur Bestreitung des Lebensunterhalts. Gleichzeitig basiert die wirtschaftliche Entwicklung in den USA stärker noch als in anderen Industrieländern auf dem Konsum durch jeden Einzelnen. Beide Phänomene lassen sich nur zusammen bringen, wenn es eine wirtschaftliche Kultur gibt, in der es sehr stark akzeptiert ist, sich zu verschulden. Polemisch formuliert, ersetzt die US-Amerikanische Gesellschaft soziale Sicherungssysteme durch private Verschuldung, wohl wissend, dass ein großer Teil einer solchen Verschuldung nicht zurückgezahlt werden kann und letztlich der Allgemeinheit zur Last fällt.

Beispiel Subprimekrise

Ein jüngeres Beispiel ist die Subprimekrise. Diese wurde ausgelöst, als viele untersicherte Hypothekenkredite amerikanischer Imobilenerwerber (sogenannte Subprime-Kredite), durch relativ hochverzinste Anleihen der Kreditgeber abgesichert und damit gebündelt wurden. Diese Anleihen wurden selbst wieder durch neue Anleihen abgesichert und so weiter gebündelt. Als dann durch eine Abschwächung der Wirtschaft die ursprünglichen Kreditnehmer ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen konnten, entstand eine Kettenreaktion von Konkursen, die am Beginn der weltweiten Finanzkrise stand, die wir alle, auch außerhalb der USA gerade ausbaden müssen. Natürlich konnte der Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA nur deswegen solch katastrophale Auswirkungen haben, weil viele Kapitalanleger zu gierig waren und sich von immer höheren Renditen für vermeintlich sichere Kapitalanlagen blenden ließen. Ursprung und Kern des Problems war jedoch die Tatsache, dass in den USA viele Privatpersonen derart hoch verschuldet sind, dass ihnen bei jeder Einkommensminderung die Insolvenz droht.

Unmittelbare Folgen der Subprimekrise

Die direkte Folge einer solchen Immobilienkrise sind eine Vielzahl leerstehender Häuser und ungenutzte Wohngrundstücke, die kaum jemals wieder von irgend jemandem erworben werden und letztlich ihren Wert verlieren. Überall auf der Welt haben außerdem Menschen über Jahre hinweg erarbeitete Wertanlagen zur Altersversorgung innerhalb kurzer Zeit weitestgehend verloren. Die immense Verschuldung der öffentlichen, wie privaten Haushalte in den USA, die ich zu einem großen Teil auch auf die unzureichenden sozialen Sicherungssysteme zurückführe, bewirkt damit letzten Endes, dass reale Werte unnötiger Weise vernichtet werden. Dies nenne ich das Gegenteil von einem nachhaltigen Wirtschafts- und Sozialsystem.

Fazit

Ein weiteres Zurückdrängen der sozialen Sicherungssysteme in den europäischen Staaten, wie es ja auch in Deutschland aktuell nicht auszuschließen ist, führt längerfristig zu schlechteren Bedingungen für alle. Die Agenda 2010 der Regierung Schröder und Fischer mag daher in dem Versuch, unseren Sozialstaat auf der Basis des Systems der Erwerbsarbeit handlungsfähig zu halten, letztlich scheitern. Ein weiterer Abbau sozialer Leistungen kann aber darauf keine sinnvolle Reaktion darauf sein. Wenn es so kommt (und dafür spricht meiner Meinung nach vieles) wird es vielmehr tatsächlich nur weiterhelfen, wenn wir die Diskussion über unser künftiges Wirtschafts- und Sozialsystem auf einer sehr viel breiteren Grundlage als bislang führen.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVa (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)

Geschrieben von Thomas Reis - 29/09/2010

Die in Teil XXIII zusammengefassten acht Punkte haben die Funktion, die grundsätzlichen Eigenschaften für ein sozial gerechtes, am Gemeinwohl orientiertes Wirtschafts- und Sozialsystems zu definieren und einen Prüfmaßstab für politische Ansätze zur künftigen Gestaltung unseres Wirtschafts- und Sozialsystems zu liefern.

Ein Fallbeispiel

Letzteres möchte ich nun an einem eher einfachen Beispiel testen. Es wird ja von einigen Interessengruppen behauptet, die in den letzten zwanzig Jahren vorgenommenen Einschränkungen der sozialen Leistungen seien noch nicht ausreichend, um die Probleme am Arbeitsmarkt zu lösen und müssten noch erheblich ausgeweitet werden. Dahinter steht die Auffassung, jegliche Betätigung, die über die klassischen Bereiche der Gefahrenabwehr nach innen und außen sowie die Gewährleistung eines funktionierenden Finanz- und Rechtssystems hinausgeht, solle alleine durch private Personen ausgeübt werden. Der Staat habe sich aus allen sonstigen Angelegenheiten ganz heraus zu halten und dürfe insbesondere die Ergebnisse eines freien Marktes weder zum Schutz einzelner Personen noch zu einer, wenn auch noch so geringen, Korrektur der daraus entstehenden Verteilung wirtschaftlicher Güter verändern (siehe zum Beispiel ” Anarchie, Staat, Utopia” von Robert Nozick). Als leuchtendes Beispiel für die positive Wirkung einer solchen Nichteinmischung des Staates wird dann immer die wirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten von Amerika ab dem Jahr 1980, dem Beginn der Ära Reagan und Bush senior bis Bush junior genannt, nur eingeschränkt unterbrochen durch die Präsidentschaft Clintons.

Von der gefühlsmäßigen Antipathie zu einer begründeten Ablehnung

Es ist klar, dass solch eine extrem libertäre Auffassung mit einem sozialdemokratischen Verständnis von einer sozial gerechten Wirtschafts- und Sozialordnung schon rein gefühlsmäßig nicht zu vereinbaren ist. Stellvertretend für die gesellschaftstheoretische Auffassung kritisieren viele dann pauschal die unsozialen Bedingungen für unterprivilegierte Menschen in den USA. Das ist meines Erachtens auch durchaus berechtigt. Ich halte es aber für ebenso wichtig, der in aller Regel mit großem wirtschaftswissenschaftlichem Gestus vorgetragenen Forderung nach einer Entsolidarisierung unserer Gesellschaft angemessene Argumente entgegen zu halten. Daher möchte ich die Kritik an der extrem libertären Politik in den USA der vergangenen dreißig Jahre in deutlich formulierte Punkte fassen, indem ich ihre sichtbaren Ergebnisse an den acht von mir formulierten Punkten messe und mit der (kontinental-) europäischen Wirklichkeit vergleiche. Dabei möchte ich mich auf allgemeine Publikationen in Zeitungen und Zeitschriften beziehen und hoffe, mit meinen Behauptungen zu den jeweiligen Verhältnissen nicht allzu sehr daneben zu liegen.

Die traditionellen wirtschaftlichen Kennzahlen

Zunächst wird die Wirtschaft in den USA in Bezug auf die Produktion und die Nachfrage von Waren und Dienstleistungen als ein dynamischerer Markt als der europäische beschrieben. Ihre traditionellen wirtschaftlichen Kennzahlen, wie das Bruttoinlandsprodukt oder die Zahl der Arbeitslosen entwickeln sich also im Schnitt günstiger als die vergleichbaren Zahlen in Europa. Ich gehe deswegen davon aus, dass diese Wirtschaft in der Lage ist, die grundlegenden Bedürfnisse aller Menschen, die sich daran beteiligen, zu befriedigen. Auch habe ich keine Zweifel, dass die Menschen innerhalb dieser Wirtschaft Tätigkeiten verrichten können, die ihnen Sinn vermitteln, genauso wie es den Menschen in aller Regel aufgrund sozialer Regeln klar ist, welche Verhaltensweisen von ihnen erwartet werden, für die sie im Gegenzug erwarten können, die notwendigen Mittel für ihren Lebensunterhalt zu erlangen.

Können alle davon profitieren?

Ganz massive Zweifel hege ich allerdings in der Frage, ob das Wirtschafts- und Sozialsystem in den USA tatsächlich für alle, die sich daran beteiligen, vorteilhaft ist. Diese Überlegung in der Form, wie John Rawls sie angestellt hat (siehe auch Teil XIII) läuft darauf hinaus, auch die jeweiligen realen Bedingungen für die Menschen miteinander zu vergleichen. Im Zweifel ist dann das System zu bevorzugen, das weniger Ungleichheiten bei der Verteilung der wichtigsten Güter zulässt, es sei denn die größeren Ungleichheiten des anderen Systems führen gerade für die Menschen, die dort am schlechtesten dastehen, zu einer besseren Entwicklung im Vergleich zu der entsprechenden Gruppe des Systems mit größerer Gleichheit.

Größere Ungleichheiten in den USA – gerechtfertigt?

Das Wirtschafts- und Sozialsystem in den USA toleriert größere Ungleichheiten in Bezug auf den Wohlstand jedes Einzelnen, als das in Europa. Die größere wirtschaftliche Dynamik dort führt aber nach meinem Eindruck nicht zu einer besseren Entwicklung der Chancen der am schlechtesten gestellten Bevölkerungsgruppen. Das Gegenteil ist ganz offensichtlich der Fall. Gerade die Menschen, die am schlechtesten gestellt sind, sei es bei ihrer Bildung, dem ihnen zur Verfügung stehenden Vermögen oder Einkommen, ihrer Stellung in der Gesellschaft oder ihrer gesundheitlichen Verfassung, haben nach meinem Eindruck geringere Aussichten auf eine Verbesserung ihrer Lage, als sie dies beispielsweise in europäischen Ländern hätten. Nach meinem Eindruck geht die Entwicklung in den USA eher noch stärker als in europäischen Gesellschaften dahin, dass die Vermögenden noch vermögender werden und die Einkünfte gerade bei den Menschen am stärksten steigen, die bereits hohe Einkünfte haben (ich bitte um Widerspruch, wenn jemand entgegengesetzte Fakten kennt). Umgekehrt führt ein niedriges Einkommen für die davon betroffenen Menschen häufiger dazu, dass diese Menschen ein höheres Risiko haben, dauerhaft an ernsten Krankheiten zu leiden und aus diesem Grund noch weniger in der Lage zu sein, sich einen höheren Lebensstandard zu erarbeiten. Auch die Aufstiegschancen für Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsstand und dadurch auch niedrigerem Einkommen als anderen  halte ich in den USA zumindest nicht für erheblich besser, als unter den europäischen Voraussetzungen.

Erster Grund für die Ablehnung extrem libertärer Positionen

Gemessen an der zentralen Eigenschaft eines sozial gerechten und am Gemeinwohl ausgerichteten Wirtschafts- und Sozialsystems, für jedermann vorteilhaft zu sein, halte ich daher Vorschläge, die darauf hinauslaufen, das Niveau staatlicher Förderung sozial benachteiligter Menschen in europäischen Gesellschaften auf ein Niveau zu reduzieren, das dem derzeit in den USA noch geltenden vergleichbar ist, bereits aus diesem Grund für falsch. Ich kann im Gegenteil nur hoffen, dass auch in den USA die Vernunft des Präsidenten Obama gegen die Hasskampagnen der rechten und Ultrarechten Opposition die Oberhand behält, denn eine sozial gerechte Gesellschaft ist ein Gebot der Vernunft, wie es John Rawls in seinen Schriften in imposanter Weise dargelegt hat.

Ein extrem libertäres Wirtschafts- und Sozialsystem muss noch aus weiteren Gründen abgelehnt werden. Diese sollen, um das Blogpost nicht zu lang werden zu lassen, in einem Teil XXIVb erörtert werden.

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Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Gemeinschaftsorientierung)

Geschrieben von Thomas Reis - 08/05/2010

Die ersten drei Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung, die ich in Teil XVII und Teil XIII genannt habe, beschreiben Gründe, sich aktiv an dem System zu beteiligen. Zusätzlich darf man aber nicht vernachlässigen, dass das System der Erwerbsarbeit keinesfalls deckungsgleich mit der Gesellschaft ist, sondern ein Teilbereich, der mit anderen Teilbereichen der Gesellschaft zusammen betrachtet werden muss. Ein sozialdemokratisches Verständnis von Gesellschaft muss sich in meinen Augen neben den individuellen Freiheiten auch daran orientieren, ein gesundes Maß an Gemeinschaft zu verwirklichen. Als Gemeinschaft betrachte ich dabei jeden freiwillig aufrecht erhaltenen, auf eine gewisse Dauer angelegten Zusammenschluss von Menschen, die einander durch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit verbunden sind und für sich auf dieser Grundlage auch gegenseitige Verpflichtungen anerkennen. Die Gesellschaft als ganzes ist dabei keine Gemeinschaft in diesem Sinne, sondern erfüllt eine Klammerfunktion als eine soziale Gemeinschaft sozialer Gemeinschaften (ich greife damit einen Gedanken von John Rawls aus “Eine Theorie der Gerechtigkeit” auf, der interssanter Weise bei Amitai Etzioni, etwa  in “Die Verantwortungsgesellschaft” in ähnlicher Form auftaucht). Eine weitere Eigenschaft des Systems der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung, die ich für unverzichtbar halte, ist daher seine Vereinbarkeit mit einer gemeinschaftsorientierten Gesellschaftsordnung.

Vierte Eigenschaft: Integration in eine Gemeinschaftsordnung

Ich kann zwar Gesellschaftsentwürfe, wie den des Kommunitarismus an dieser Stelle nicht in aller Tiefe diskutieren, halte aber einen seiner Grundgedanken für einleuchtend:  Menschen können auf Dauer nur ein sinnvolles und lebenswertes Leben führen, wenn sie einer Gemeinschaft mit anderen Menschen angehören. Nur innerhalb einer solchen Gemeinschaft kann sich nämlich meiner Überzeugung nach der notwendige Rahmen dafür bilden, dass Menschen sich zu eigenständigen Individuen mit je eigenen Bedürfnissen, Vorstellungen, Zielen und grundlegenden Rechten entwickeln. Denn um zu einer derartigen kulturellen Entwicklung fähig zu sein, müssen Menschen in der Lage sein, verschiedene Zustände ihrer Umgebung und ihrer selbst zu erkennen, miteinander in Beziehung zu setzen und Maßstäbe zu entwickeln, nach denen sie einen bestimmten Zustand ihres Seins einem anderen vorziehen. Dazu benötigen sie qualitative Begrifflichkeiten, die sich nur im Rahmen einer Sprache bilden. Sprache aber setzt zwingend voraus, dass mindestens zwei Menschen miteinander dauerhaft in Kontakt stehen und sich selbst als einander verbunden betrachten (ich beziehe mich bei diesem Gedankengang auf einige Aufsätze von Charles Taylor, die in dem Band “Negative Freiheit?” zu finden sind).

Das System der Erwerbsarbeit in seiner idealen Ausprägung ist mit einer solchen Gemeinschaftsordnung eng verwoben, die einerseits seine notwendige Basis ist, andererseits aber ihrerseits durch Erwerbsarbeit wesentlich getragen wird und zusätzlich den Menschen genügend Raum lässt, Kontakt mit anderen Menschen zu pflegen, Bindungen einzugehen (mal mehr, mal weniger intensive), sich gedanklich miteinander auszutauschen und so die gemeinsame Sprache lebendig zu halten.

Bislang gesellschaftliche Wirklichkeit

Genau dies spiegelt sich auch bis heute in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wieder. Bereits die Grundlage der modernen Erwerbsarbeit, die Arbeitsteilung, im Sinne des Herstellens von Waren und des Erbringens von Dienstleistungen, ist das Ergebnis einer auf enger Zusammenarbeit beruhenden Arbeitsgemeinschaft. Darüber hinaus sind (bislang) neben der Arbeit immer noch andere Lebenswirklichkeiten im Leben der Menschen fest verwurzelt, wie etwa Familie, Freunde, Nachbarschaften oder Interessengemeinschaften. Das direkte Arbeitsumfeld selbst ist neben allem anderen auch eine Interessengemeinschaft, innerhalb derer man es nie lediglich mit Konkurrenten zu tun hat, sondern mit Kolleginnen und Kollegen. Diese Integrationsfähigkeit des Systems der Erwerbsarbeit ist in meinen Augen ein weiterer wichtiger Grund für seinen lang andauernden Erfolg.

Verdrängung der Erwerbsarbeit: Ein paradoxer Effekt des Verlusts des Arbeitsplatzes…

In dem Maße, wie die Möglichkeit, Erwerbsarbeit zu leisten, zu einem eigenständigen Gut geworden ist (siehe hierzu Teil II), das man besitzen und auch wieder verlieren kann, das man also ständig verteidigen muss, da es im Zuge der fortschreitenden Automatisierung immer weiter verdrängt wird, schwindet die Integrationsfähigkeit, die das System der Erwerbsarbeit bislang auszeichnet. Paradoxer Weise führt nämlich die von mir angenommene Verdrängung der Erwerbsarbeit innerhalb des Systems der Erwerbsarbeit nicht zu mehr Gemeinschaftlichkeit, obwohl der Verlust von Arbeit für die davon betroffenen Menschen bedeutet, auf einmal sehr viel mehr Zeit zu haben. Offensichtlich bewirkt die enge Verwebung des Systems der Erwerbsarbeit mit den weiteren Teilbereichen unserer Gesellschaft, dass der ungewollte Rückzug aus dem Bereich der Erwerbsarbeit auch mit einem Rückzug aus den anderen Bereichen verbunden ist. Allerdings kann ich dies nicht weiter untermauern, sondern hier lediglich ein Phänomen beschreiben, das aus meiner Sicht auch keineswegs unausweichlich sein muss.

…und ein direkt einsichtiger, wo weiter Erwerbsarbeit ausgeübt wird

Wer weiterhin einen einigermaßen gut bezahlten Arbeitsplatz „besitzt“, erfährt dort ein Konkurrenzdenken, das die Kollegialität mit zunehmender Unsicherheit mehr und mehr überlagert und es wird von ihm erwartet, mehr Zeit und Engagement aufzuwenden, als eigentlich vertraglich vereinbart, um den Anforderungen des Arbeitgebers zu genügen. Vielfach werden auch Arbeitsverhältnisse als scheinbar selbständige Tätigkeiten ausgestaltet, um zu vermeiden, dass sich die (Arbeit-) Auftragsgeber an sozialen Sicherungssystemen beteiligen oder Regeln des Arbeitsschutzes, wie feste Arbeitszeiten einhalten müssen. Es wird – keineswegs nur von Spitzenverdienern – verlangt, „flexibel“ zu sein und zur Erbringung der Arbeitsleistung zu häufigen Reisen oder Wohnortwechseln bereit zu sein. Je mehr Raum die Ausübung der Erwerbsarbeit auf diese Art im Leben der Menschen einnimmt, desto mehr wird das Entstehen und Aufrechterhalten von sozialen Bindungen außerhalb der Arbeitswelt erschwert und je mehr die Erwerbsarbeit durch die Automatisierung von Arbeitsabläufen verdrängt wird, um so mehr wird sich diese Problematik verschärfen, denn für das Gut, Erwerbsarbeit zu haben, muss ein Arbeitnehmer mehr Gegenleistung erbringen, je knapper es ist. Das bedeutet, eine gemeinschaftsorientierte Gesellschaftsordnung wird durch anhaltend hohe Arbeitslosigkeit mehr und mehr ausgehöhlt. Sie ist schließlich in ihrem Bestand bedroht und mit ihr auch die Grundlage für das System der Erwerbsarbeit selbst (in seinem Buch „Der flexible Mensch“ beschreibt Richard Sennet dies sehr eindrücklich und auch Charles Taylor greift diesen Umstand in „Das Unbehagen an der Moderne“ auf). Ich halte dies für einen weiteren Grund, warum wir uns mittel- bis langfristig einer ernsthaften Diskussion über Alternativen zum System der Erwerbsarbeit nicht werden entziehen können.

Veröffentlicht in Amitai Etzioni, Arbeitsmarktpolitik, Charles Taylor, Erwerbsarbeit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Gesellschaftssysteme, Hannah Arendt, John Rawls, Kommunitarismus, Philosophie, Politik, Richard Sennet, Sozialpolitik, System der Erwerbsarbeit | Getaggt mit: , , , , , , , , , , , , | Kommentar schreiben »

 
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