Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)
Geschrieben von Thomas Reis am 17/09/2011
Neben der in Teil XXVII beschriebenen Verschiebung der Gewichte im Erscheinungsbild menschlicher Tätigkeit durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen in der Produktion von Waren und der Erbringung von Dienstleistungen erwarte ich noch einige andere umwälzende Entwicklungen, die mit der Veränderung unserer Tätigkeitsstruktur einhergehen.
Arbeitsteilung wird als Errungenschaft erhalten bleiben
Ein Merkmal, das unsere heutige Gesellschaft prägt, wird allerdings seinem Wesen nach weiterhin erhalten bleiben. Es ist das Merkmal der Arbeitsteilung, also die kulturelle Errungenschaft, ein großes, die Möglichkeiten eines einzelnen überforderndes Ziel durch den Einsatz vieler zu erreichen, indem jeder einzelne einen bestimmten persönlichen Beitrag erbringt, der zum Teil eines Ganzen wird. Allerdings werden die Ziele, die mit Hilfe der Beiträge vieler erreicht werden sollen, überwiegend nicht mehr die selben sein, wie noch zur Zeit. Das gezielte Zusammenwirken der Menschen wird nicht mehr vorrangig sicherstellen müssen, dass die Waren und einfachen, mechanischen Dienstleistungen, die jeder Mensch benötigt, zuverlässig in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, sondern wird viel stärker darauf gerichtet sein, den Menschen ein gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen, wo ein Zusammenleben gewollt oder benötigt wird, und ansonsten ein friedvolles Nebeneinander sicherzustellen. Ebenso wird viel stärker dem Bedürfnis der Menschen nach kultureller Betätigung Rechnung getragen.
Die Verlagerung des Schwerpunkts der gemeinsam verfolgten Ziele stärkt demokratische Entscheidungsprozesse
Der Schwerpunkt sinnvollen Zusammenwirkens wird sich mit anderen Worten vom materiellen, konsumorientierten Bereich in den sozialen, konstitutiven Bereich verlagern. Es wird sich dadurch eine neue Qualität der demokratischen Strukturen entwickeln. Während nämlich in früheren Zeiten der soziale, konstitutive Bereich von einzelnen Menschen und kleinen, homogenen Gruppen (Monarchen und Adel) wahrgenommen wurde, um den notwendigen Raum für die große Mehrzahl der Menschen zu schaffen, im materiellen, konsumorientierten Bereich tätig zu sein, wird die von mir prognostzierte Entwicklung dazu führen, potentiell alle Menschen in den sozialen und konstitutiven Bereich mit einzubinden. Die dazu nowendige Basis im materiellen, konsumorientierten Bereich wird von Maschinen erarbeitet und sichergestellt werden. Auf diese Weise wird die epochale Entwicklung, Macht immer weniger in die Hände einzelner zu legen und Entscheidungsprozesse immer stärker zu demokratisieren, die bereits seit den Anfängen der Industrialisierung im Gange ist, sehr viel weiter vorankommen.
Sorgenfrei wird unser Leben aber niemals sein
Auch wenn in der Zukunft, die ich mir hier ausmale, ein Großteil der Arbeiten, die wir heute als beschwerlich und unangenehm empfinden, von Menschen nicht mehr verrichtet werden muss, wird es doch niemals ein sorgenfreies Leben geben können. Die Probleme der Zukunft werden zum großen Teil andere sein, als wir sie heute kennen, sie werden aber keineswegs weniger drängend sein. So wird durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen der Bedarf nach Energie, Rohstoffen und anderen natürlichen Ressourcen sehr stark zunehmen. Es ist absehbar, dass dieser Bedarf gemessen an den heutigen Maßstäben für die Effizienz der Nutzung von Energie und Rohstoffen sowie der Verschmutzung unserer Umwelt deren bekannte Kapazitäten weit überschreitet. Diese Tendenz wird noch durch eine weitere umwälzende Entwicklung verstärkt werden.
Menschliche Beziehungen werden sich dank social media global entwickeln
Unser Blick wird sich nicht mehr auf die Gebiete unserer Erde beschränken, die bereits heute zur industrialisierten Welt zählen. Die zunehmende Vernetzung unserer Welt durch den Quantensprung in der Kommunikationsstruktur, den wir zur Zeit durch die rasant fortschreitende Entwicklung der social media erleben, wird nämlich nach meiner festen Überzeugung in der Konsequenz dazu führen, dass sehr viel mehr Menschen Beziehungen zu anderen Menschen in allen Teilen der Welt pflegen. Was mit der weltweiten wirtschaftlichen Vernetzung längst selbstverständliche Realität ist, wird sich auch im Bereich menschlichen Beziehungen entwickeln. Diese Beziehungen werden allerdings eine weitaus intensivere Qualität haben, als bloße Geschäftsbeziehungen. Sie werden emotionale Bindungen, wie Freundschaft und Liebe ganz selbstverständlich mit einbeziehen. Menschen werden die Möglichkeit haben, überall auf der Welt andere Menschen kennenzulernen, die ihnen wichtig werden. In der Folge werden die Menschen ein starkes Bedürfnis danach haben, dass die Lebensverhältnisse überall dort, wo Menschen leben, die ihnen wichtig sind, ebenso gut sind, wie ihre eigenen, auch wenn sie selbst dort nicht leben. Da alle Menschen solche emotionalen Beziehungen pflegen können, wird die Zahl aller einzelnen Beziehungen sehr hoch sein und es ist so gut wie sicher, dass überall auf der Welt Menschen leben, die Menschen in ganz anderen Teilen der Welt wichtig sind. Das bedeutet, es wird ein großes politisches Interesse dafür geben, überall auf der Welt annähernd gleiche, gute Lebensbedingungen zu schaffen.
Nationalstaaten verlieren ihre Legitimität
Die weitere fundamental umwälzende Wirkung dieser Entwicklung folgt daraus unmittelbar und betrifft die heute noch so wichtigen nationalstaatlichen Grenzen, die dadurch ihre Bedeutung fast vollständig einbüßen werden, da die Menschen ein Interesse haben, sich jederzeit frei zu den Menschen bewegen zu können, die ihnen wichtig sind. Politische Grenzen werden dadurch zumindest bei der großen Mehrzahl der Menschen keine Akzeptanz mehr finden. Es wird notwendig werden, sich weltweit auf politische Ordnungsstrukturen zu verständigen, die den neuen Bedingungen besser gerecht werden, als es die nationalstaatlichen Strukturen können. Das bedeutet für die Menschheit eine gigantische Chance, birgt aber auch selbst im besten denkbaren Fall zumindest in einer Übergangszeit die Gefahr, dass ein Machtvakuum entsteht, durch das despotische, ausbeuterische und mithin destruktive Kräfte entstehen, die freiheitlichen, gerechten und demokratischen Gesellschaftsstrukturen im Weg stehen.
Nun aber genug der Spekulation…
Von den vielen Möglichkeiten, über weitere künftige Entwicklungen zu spekulieren, möchte ich an dieser Stelle absehen, da ich befürchte, dass die nachfolgenden Überlegungen, was daraus für Wirtschafts- und Sozialsystem folgt, das sich sozial gerecht und dem Gemeinwohl verpflichtet nennen möchte, ansonsten zu unübersichtlich werden. Ich meine auch, mit den hier skizzierten Entwicklungen (Veränderung der Struktur menschlicher Tätigkeit, Globalisierung menschlicher Beziehungen, Fortschritt in der demokratischen Entwicklung, Notwendigkeit handlungsfähiger globaler Ordnungsstrukturen) die wichtigsten für mein Vorhaben angesprochen zu haben. Ich möchte in den folgenden Blogposts versuchen, darauf den nächsten Schritt aufzubauen.
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil I (Arbeit oder Erwerbsarbeit?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil II (entgegengesetzte Interessen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil III (Effekt durch Steigerung der Kaufkraft?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VII (Erwerbsarbeit als Verteilungsmaßstab?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VIII (Gegenthese: demographische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IX (Gegenthese: Verlagerung der Kaufkraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil X (Lösungsansatz Agenda 2010: Einleitung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XI (Lösungsansatz Agenda 2010: Situation vor Einführung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XII (Lösungsansatz Agenda 2010: sozialdemokratisches Dilemma)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIII (Exkurs: Sind ungleiche Einkommen gerecht?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV a (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV b (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVI (Annäherung an eine Lösung: Beschreibung der Aufgabe)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Sinn und Verlässlichkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVIII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Jedermanns Vorteil)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Gemeinschaftsorientierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Nutzen und Nachhaltigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXII (Erstes Fazit und Grundlagen der weiteren Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIII (Ein sozial gerechtes, gemeinwohlorientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVa (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXV (Grundlagen für konkrete Überlegungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXII (Der Wert menschlicher Tätigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIII (Notwendige Änderung des Verteilungsmaßstabs)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVI (Motivation zur Teilnahme an gemeinsamen Zielen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVII (Habt Mut zu einer offenen Diskussion)
Gefällt mir:
Dieser Eintrag wurde erstellt am 17/09/2011 um 16:53 und ist abgelegt unter Demokratie, Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Globalisierung, Menschliche Tätigkeit, menschlicher Beziehungen, wirtschaftliche, Zukunft. Getaggt mit: Arbeitsteilung, Demokratie, Entwicklung, Gesellschaft, Globalisierung, social media, Zusammenarbeit. Du kannst alle Antworten auf diesen Eintrag mitverfolgen über den RSS 2.0 Feed. Du kannst eine Antwort hinterlassen, oder Trackback von deiner eigenen Seite.

