Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)
Geschrieben von Thomas Reis am 27/03/2010
Was ich bisher zum Problem der Arbeitslosigkeit gesagt habe, führt zu Ende gedacht zu der Konsequenz, dass die bisherigen Versuche, das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen, an dem eigentlichen Problem vorbeigehen. Wenn meine in Teil VII formulierte These zutreffend ist, stellt die zentrale, ja fast alternativlose Ausrichtung der wichtigsten unserer gesellschaftlichen Institutionen auf die Erwerbsarbeit das eigentliche Problem dar, das schließlich zum Scheitern der Bemühungen um eine Lösung führen wird.
Beschreibung des Systems der Erwerbsarbeit
Mit den wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen meine ich die grundlegenden, in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit der Mitglieder unserer Gesellschaft durchgeführten Tätigkeiten zum Nutzen jedes Einzelnen. Das bedeutet zum einen den materiellen Nutzen, wie die Verteilung von Einkommen oder die Bereitstellung von klassischen Schutzsystemen (Justiz, innere und äußere Sicherheit) sowie den moderneren Schutzsystemen gegen die wichtigsten Lebensrisiken (Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Altersarmut) und wichtigen zivilisatorischen Leistungen (Bildung, Kultur) sowie einer Infrastruktur für die verschiedenen täglichen Bedürfnise. Damit meine ich aber zum anderen auch die Funktionen zum immateriellen Nutzen jedes Einzelnen, wie der Teilhabe am öffentlichen Leben, der Erlangung eines Selbstbewusstseins aus der Fähigkeit, als mündiger Bürger den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, der Erlangung von Ansehen bei anderen aus der Fähigkeit, etwas zur Gemeinschaft beizutragen. Alle Leistungen dieser Institutionen sind in unserer modernen Gesellschaft sehr stark davon abhängig, durch Erwerbsarbeit erbracht und finanziert zu werden, egal ob das von den Bürgern privat erfolgt, oder als öffentliche Leistung, finanziert über Steuern beziehungsweise Beiträge zu Solidarsystemen, die ihrerseits hauptsächlich durch Erwerbsarbeit getragen werden.
Zusammengefasst möchte ich unser so ausgestaltetes Gesellschaftssystem mit dem Begriff „System der Erwerbsarbeit“ umschreiben und aus meiner in Teil VII formulierten These folgt, dass wir dieses System grundsätzlich überdenken müssen, um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft erhalten zu können. Letztlich wird es aus meiner Sicht darauf hinauslaufen, die einseitige Betonung der Erwerbsarbeit einzuschränken und in sinnvoller Weise durch andere Formen der Zusammenarbeit aller zu ergänzen.
Abkehr von den bisherigen Ansätzen
Dies ist, dessen bin ich mir bewusst, eine provokative Aussage, denn zur Zeit haben die Hauptrichtungen der politischen Auseinandersetzung um die richtige, die gerechte Art und Weise, die Früchte wirtschaftlicher Tätigkeit gemeinsam zu erarbeiten und aufzuteilen, so kontrovers bis zuweilen unversöhnlich sie sich auch gegenüberstehen, doch eines gemeinsam: Als der einzige Weg, dies zu erreichen, wird die Vollbeschäftigung angesehen, die über ein möglichst kräftiges Wirtschaftswachstum zu erreichen ist. Infolge dessen steht die Schaffung von bezahlten Arbeitsplätzen im Zentrum aller Bemühungen, also der feste Glaube an die zentrale Bedeutung der Erwerbsarbeit für unser aller Leben.
Positive Erfahrungen mit dem System der Erwerbsarbeit
Diese Haltung ist nur allzu verständlich, denn die allgemeine Verankerung der Überzeugung, eine gerechte Verteilung von Einkommen, Lebenschancen sowie Ansehen und eines positiven Selbstbildes solle für jedermann von einer wie auch immer gearteten Arbeitsleistung abhängen, ging geschichtlich betrachtet einher mit der festen Etablierung der Demokratie als der einzig akzeptablen Form der politischen Entscheidungsfindung. Dies war die Zeit, als die typischen Privilegien des Adels vom aufstrebenden Bürgertum immer weniger akzeptiert und letztlich abgeschafft wurden. Sie basiert außerdem auf einer protestantischen Arbeitsethik, die sich in etwa dem gleichen Zeitraum endgültig durchsetzte. Den gewerkschaftlichen und sozialdemokratischen Kräften in der Gesellschaft ermöglichte es diese allgemeine Akzeptanz der gewachsenen Bedeutung der Erwerbsarbeit, die Lebensbedingungen der Arbeiter als der zu jenem Zeitpunkt am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppe zu verbessern, indem sie schrittweise eine immer gerechtere Entlohnung und bessere Arbeitsbedingungen erstritten. Kurz gesagt war das System der Erwerbsarbeit über mehr als ein Jahrhundert ein Erfolgsmodell und es besteht allgemein eine erhebliche emotionale, teils religiöse Bindung der Menschen an das System der Erwerbsarbeit (ich beziehe mich hier auf verschiedene Aspekte der Werke von Charles Taylor und Hannah Arendt). Wer an diesem System etwas verändern möchte, muss sich darauf einstellen, auf erbitterten Widerstand zu stoßen.
Konsequente Argumentationslinie
Allerdings habe ich nun mit meiner in Teil VII formulierten These einen Gedanken begonnen, den ich in den kommenden Blogposts konsequent weiter führen möchte. Es kann durchaus sein, dass meine These sich als falsch erweist und das System der Erwerbsarbeit wird zukünftig wieder besser als im Moment die geeignete Grundlage dafür sein können, einen allgemeinen Wohlstand sicherzustellen. Ich glaube aber, auch in diesem Fall sind meine folgenden Ausführungen keineswegs rein theoretischer Natur, denn alle Stimmen gehen ja davon aus, dass der jetzige Zustand einer Veränderung bedarf. Meine Hoffnung ist es, in zugespitzter Form einen konstruktiven Beitrag zu leisten, der die Diskussion weiter bringt, egal ob das System der Erwerbsarbeit “nur” erneuert oder ob es am Ende ersetzt werden muss.
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil I (Arbeit oder Erwerbsarbeit?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil II (entgegengesetzte Interessen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil III (Effekt durch Steigerung der Kaufkraft?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VII (Erwerbsarbeit als Verteilungsmaßstab?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VIII (Gegenthese: demographische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IX (Gegenthese: Verlagerung der Kaufkraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil X (Lösungsansatz Agenda 2010: Einleitung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XI (Lösungsansatz Agenda 2010: Situation vor Einführung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XII (Lösungsansatz Agenda 2010: Sozialdemokratisches Dilemma)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIII (Exkurs: Sind ungleiche Einkommen gerecht?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV a (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV b (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVI (Annäherung an eine Lösung: Beschreibung der Aufgabe)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Sinn und Verlässlichkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVIII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Jedermanns Vorteil)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Gemeinschaftsorientierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Nutzen und Nachhaltigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXII (Erstes Fazit und Grundlagen der weiteren Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIII (Ein sozial gerechtes, gemeinwohlorientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVa (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXV (Grundlagen für konkrete Überlegungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXII (Der Wert menschlicher Tätigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIII (Notwendige Änderung des Verteilungsmaßstabs)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVI (Motivation zur Teilnahme an gemeinsamen Zielen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVII (Habt Mut zu einer offenen Diskussion)


packen wir an sagte
Zur Lösung unserer wirtschaftlichen Problem ist es wichtig die Ursachen anzugehen !
Leider haben alle bisher bekannten Systeme / Lösungen den Nachteil nur die Auswirkungen zu kurieren, nicht aber die Ursache zu lösen.
Doch die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller. Leider glauben die meisten Menschen das, dass so sein müsste. Da ist aber ein Trugschluss.
Uns müsste es eigentlich immer besser gehen, da wir mit so wenig Aufwand wie noch nie immer mehr produzieren können.
Uns geht es aber immer schlechter, statt immer besser.
Eigentlich sollten wir immer weniger arbeiten müssen. Jede Produktivitätssteigerung sollte uns eine bessere Lebensqualität bringen.
http://www.arbeitslosigkeit-besiegen.de
Da das Arbeitsguthaben Systems noch recht unbekannt ist, ist es wichtig diese Idee in Blogs und Foren zu verbreiten.
Thomas Reis sagte
Hallo Herr Drechsel,
ich bin mir noch nicht sicher, wie ich Ihren Vorschlag bewerten soll, werde ihn aber auf jeden Fall einmal öffentlich zur diskussion stellen. Denn das ist es, was wir brauchen: Diskussion über Ideen.