Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)
Geschrieben von Thomas Reis - 04/06/2009
Nach dem, was ich bislang über den Mechanismus, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sicherzustellen, gesagt habe, stehen die Strategie, die Kaufkraft der Menschen durch steigende Löhne zu erhöhen und die Strategie, mehr Produkte zu verkaufen, indem deren Preise kontrolliert werden, in einem Zusammenhang: Beide begrenzen sich gegenseitig. Höhere Löhne bewirken tendenziell höhere Produktionskosten und damit höhere Preise. Eine Senkung von Produktionskosten durch die Dämpfung von Lohnkosten schwächt die Kaufkraft der davon betroffenen Arbeitnehmer und bewirkt tendenziell, dass Erwerbsarbeit in ihrem Potential, den Lebensunterhalt der Menschen sicherzustellen, geschwächt wird. Aber warum ist es denn überhaupt notwendig, die Kaufkraft zu erhöhen oder Gewinne zu erhöhen, indem man mehr Produkte verkauft? Kurz: Warum muss alles immer mehr werden? Warum muss die Wirtschaft wachsen?
Ein idealer Lohn?
Rein theoretisch könnten doch die beiden sich gegenseitig begrenzenden Strategien zu einem Ergebnis führen, das für alle zufriedenstellend ist: Erwerbsarbeit wird zu einem Lohn ausgeübt, der den Menschen genügend Kaufkraft verschafft, um ihren Lebensunterhalt angemessen bestreiten zu können und gleichzeitig die Erwerbsarbeit für den Arbeitgeber hinreichend rentabel macht, um weiterhin ein Interesse daran zu haben, Tätigkeiten von anderen ausüben zu lassen. Diesen idealen Lohn müsste man nur finden und für alle Zeiten festschreiben.
Knappheit der Güter und Unendlichkeit der Bedürfnisse
Der Grund, warum trotzdem so gut wie alle relevanten politischen Kräfte auf eine wachsende Wirtschaft setzen, um damit den Menschen den Erwerb der Mittel zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zu ermöglichen, ist die allgemein angenommene Knappheit der Güter, die einer potentiellen Unendlichkeit der Bedürfnisse gegenübersteht. Angesichts von stetig mehr als drei Millionen Menschen, die keine Erwerbsarbeit ausüben können, obwohl sie das möchten, kann man dieser Annahme ja auch wenig entgegensetzen. Darüber, ob dieses Wachstumsdiktat ewig so weiter gehen kann, und ob es irgendwann einmal möglich sein wird, die Bedürfnisse der Menschen auch ohne ein zwingendes Wachstum der Wirtschaft angemessen zu befriedigen, muss noch gesondert nachgedacht werden. Interessant im Zusammenhang mit dem Problem der Arbeitslosigkeit ist das Mittel, mit dem dieses Wachstum hauptsächlich erreicht werden soll: Die stetige Verbesserung von Werkzeugen und Arbeitsabläufen.
Bedrängte Situation der Menschen
Lange Zeit waren die Menschen nicht in der Lage, die Grundbedürfnisse aller zuverlässig zu befriedigen. Vor Beginn der Industrialisierung waren die Menschen im Wesentlichen auf ihre Körperkraft und auf die Kräfte angewiesen, die sie in der Natur täglich vorgefunden haben: Feuer, Wasser, Wind, Nutztiere, Fruchtbarkeit des Bodens, etc. Auf dieser Grundlage konnten alle Güter hergestellt werden, die benötigt wurden, um den Menschen Nahrung, Schutz gegen Naturgewalten und einen öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen.
Die Menge der Güter, die so hergestellt werden konnten, reichte allerdings bei weitem nicht aus, um allen Menschen zugute kommen zu können. Hungersnöte waren eine ständige allgemeine Bedrohung und andere politische Machtverhältnisse, als die damals geltenden, die für viele Menschen karge Lebensbedingungen zur Folge hatten, um wenigen eine gute Versorgung zu sichern, wären kaum möglich erschienen.
Siegeszug der Industrialisierung
Die allgemeinen Lebensbedingungen konnten sich erst verbessern, als es gelang, durch die Nutzung fossiler Energieträger ungleich kraftvollere Maschinen und Werkzeuge zu bauen, als sie bislang denkbar gewesen wären und als durch Arbeitsteilung die Produktion von Gütern vom menschlichen Lebensrhythmus unabhängig gemacht werden konnte (brilliant wird dies beschrieben in “Vita aktiva” von Hannah Arendt). Menschliche Arbeitskraft konnte auf diese Weise sehr viel effektiver eingesetzt werden als zuvor und in der gleichen Zeit mehr Güter produzieren. Für diese Güter gab es allgemein einen großen Bedarf und durch eine sich stetig entwickelnde Orgaisation der Arbeiter untereinander konnten steigende Löhne erstritten werden, wodurch die allgemeine Kaufkraft erhöht wurde. Dadurch gab es für die mehr hergestellten Güter auch eine Nachfrage. Der in Teil III skizzierte Effekt führte dazu, dass der Mechanismus der Erwerbsarbeit funktionierte.
Muss man also lediglich die Anstrengungen erhöhen, Maschinen und Werkzeuge zu verbessern, um diesen Effekt auch weiterhin am Laufen zu halten und so das Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen? Oder hat auch diese Strategie ihre Grenzen? Damit werde ich mich in Teil VI befassen.
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil I (Arbeit oder Erwerbsarbeit?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil II (entgegengesetzte Interessen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil III (Effekt durch Steigerung der Kaufkraft?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VII (Erwerbsarbeit als Verteilungsmaßstab?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VIII (Gegenthese: demographische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IX (Gegenthese: Verlagerung der Kaufkraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil X (Lösungsansatz Agenda 2010: Einleitung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XI (Lösungsansatz Agenda 2010: Situation vor Einführung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XII (Lösungsansatz Agenda 2010: sozialdemokratisches Dilemma)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIII (Exkurs: Sind ungleiche Einkommen gerecht?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV a (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV b (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVI (Annäherung an eine Lösung: Beschreibung der Aufgabe)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Sinn und Verlässlichkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVIII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Jedermanns Vorteil)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Gemeinschaftsorientierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Nutzen und Nachhaltigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXII (Erstes Fazit und Grundlagen der weiteren Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIII (Ein sozial gerechtes, gemeinwohlorientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVa (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXV (Grundlagen für konkrete Überlegungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXII (Der Wert menschlicher Tätigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIII (Notwendige Änderung des Verteilungsmaßstabs)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVI (Motivation zur Teilnahme an gemeinsamen Zielen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVII (Habt Mut zu einer offenen Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVIII (Meine Wünsche an die SPD)

