Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)
Geschrieben von Thomas Reis - 17/05/2009
Die Kaufkraft beeinflusst also einen Teil des Mechanismus, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit sicherzustellen. Wie steht es mit dem anderen von mir genannten Teil, dem Einfluss der Preise auf die Nachfrage?
Lohnkosten beeinflussen Produktpreise
Ein Produkt wird – im Umkehrschluss zu dem in Teil III dargestellten Gegeneffekt – um so eher nachgefragt, je niedriger sein Preis ist. Ein wichtiger Faktor, der den Preis eines Produkts beeinflusst, sind die Produktionskosten. Diese werden von den Kosten für die Erwerbsarbeit beeinflusst, die für die Herstellung und den Vertrieb eines Produkts notwendig sind (andere Kostenfaktoren möchte ich hier gerne ausblenden). Aus Sicht eines Arbeitgebers ist das der Bruttolohn eines Arbeitnehmers (Nettolohn + Steuern + Arbeitnehmeranteil der Beiträge zur Sozialversicherung) zuzüglich dem vom Arbeitgeber zu tragenden Anteil an den Sozialversicherungsbeiträgen. Alle genannten Anteile an den Lohnkosten lassen sich günstig beeinflussen.
Lohnkosten beeinflussen die Nachfrage, die Gewinne und die Schaffung von Arbeitsplätzen
Die Nachfrage nach Produkten lässt sich also steigern, indem man Lohnkosten senkt oder zumindest ihren Anstieg möglichst begrenzt. Gleichzeitig haben niedrigere Produktionskosten auch direkt höhere Gewinne und damit eine höhere Rentabilität der Erwerbsarbeit zur Folge. Dies ist der Hintergrund für die gängige Argumentation, dass sich Lohnzurückhaltung, die Senkung des Einkommensteuertarifs und die Senkung der Sozialversicherungsbeiträge positiv auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit auswirken. Der Mechanismus der Erwerbsarbeit soll auf diese Weise besser aufrecht erhalten werden. Dazu kommt noch, dass bei niedrigeren Lohnkosten Arbeitsverhältnisse eher begründet beziehungsweise aufrecht erhalten werden. Erwerbsarbeit wird auf diese Weise tatsächlich als ein knappes Gut behandelt, das auf eine um so größere Zahl von Menschen verteilt werden kann, je niedriger sein Preis ist. Die Agenda 2010 der früheren Regierung von Gerhard Schröder hat unter anderem diesen Ansatzpunkt verfolgt.
Grenzen auch dieses Ansatzes
Allerdings gibt es gegen diese Argumentation einen großen Einwand: Je stärker Löhne sinken oder ihr Anstieg so begrenzt wird, dass sie hinter dem Anstieg von Lebenshaltungskosten zurück bleiben, um so weniger ist Erwerbsarbeit in der Lage, dem Einzelnen seine eigenständige Existenz zu sichern. In einem System mit relativ großen Lohnunterschieden werden davon zuerst die Menschen betroffen, deren Löhne am unteren Ende der Skala liegen. Tatsächlich gibt es ja bereits Arbeitsplätze, deren Löhne selbst bei einer Vollzeitbeschäftigung unter dem Satz des Arbeitslosengelds II liegen. Ist aber ein Wirtschaftssystem, das Einkommen vorrangig durch Erwerbsarbeit verteilt, dauerhaft nicht in der Lage, die eigenständige Existenz von Menschen durch Löhne sicherzustellen, wird es fragwürdig. Dadurch sind aus meiner Sicht die Möglichkeiten, die Rentabilität von Erwerbsarbeit durch Lohnsenkungen zu erreichen, deutlich begrenzt.
Steuern und Abgaben senken?
Das gilt auch, wenn man Arbeitskosten durch die Senkung von Einkommensteuern oder Sozialversicherungsbeiträgen beeinflussen möchte. In diesem Fall stellt sich nämlich immer die Frage, wie denn die dadurch fehlenden Gelder eingespart werden sollen. Zumindest für die Beiträge zur Sozialversicherung gilt nämlich, dass damit Leistungen finanziert werden, die direkt zur Existenzsicherung beitragen. Das wirkt sich nicht nur bei den Menschen aus, durch deren Arbeit die Beiträge erwirtschaftet werden, sondern teilweise auch bei deren Angehörigen, die ohne eigene Beitragspflicht in die Sicherung mit einbezogen werden.
Keine Alternative: Verlagerung von Produktionsvorgängen
Was ebenfalls die Produktionskosten senkt, ist die Verlagerung arbeitsintensiver Produktionsvorgänge in Regionen mit niedrigen Löhnen. Hierdurch werden Einzelne schlechter gestellt, die in Konkurrenz zu diesen niedrigen Löhnen selbst niedrigere Löhne akzeptieren müssen oder ihre Arbeit ganz verlieren. Einen positiven Effekt sehe ich nur dann, wenn aufgrund dieser günstigeren Produktion mehr neue Arbeitsplätze entstehen, als verloren gehen. Dagegen spricht die oben beschriebenen Grenze für Lohnsenkungen. Dagegen sprechen aber auch ethische Gründe, wenn Produktionsvorgänge in Regionen verlagert werden, die elementare Arbeitsschutzrichtlinien vernachlässigen oder gar Kinderarbeit zulassen. Abgesehen davon sind niedrige Löhne in einer Region in der Regel verbunden mit einem niedrigeren allgemeinen Lebensstandard. Dauerhaft lässt sich eine Senkung von Produktionskosten durch eine Verlagerung von Produktionsvorgängen also nur erreichen, wenn gleichzeitig keine gesellschaftliche Entwicklung in dieser Region stattfindet.
Einen ebenfalls dämpfenden Effekt auf die Produktionskosten hat die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch verbesserte Werkzeuge und Produktionsabläufe. Dieser Ansatz ist auch bereits in Teil III aufgetaucht, um mehr Raum für Lohnsteigerungen zu schaffen. Ich möchte diesen Ansatz als Rationalisierung bezeichnen und im nächsten Teil näher betrachten.
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil I (Arbeit oder Erwerbsarbeit?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil II (entgegengesetzte Interessen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil III (Effekt durch Steigerung der Kaufkraft?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VII (Erwerbsarbeit als Verteilungsmaßstab?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VIII (Gegenthese: demographische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IX (Gegenthese: Verlagerung der Kaufkraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil X (Lösungsansatz Agenda 2010: Einleitung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XI (Lösungsansatz Agenda 2010: Situation vor Einführung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XII (Lösungsansatz Agenda 2010: sozialdemokratisches Dilemma)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIII (Exkurs: Sind ungleiche Einkommen gerecht?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV a (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV b (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVI (Annäherung an eine Lösung: Beschreibung der Aufgabe)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Sinn und Verlässlichkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVIII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Jedermanns Vorteil)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Gemeinschaftsorientierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Nutzen und Nachhaltigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXII (Erstes Fazit und Grundlagen der weiteren Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIII (Ein sozial gerechtes, gemeinwohlorientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVa (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXV (Grundlagen für konkrete Überlegungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXII (Der Wert menschlicher Tätigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIII (Notwendige Änderung des Verteilungsmaßstabs)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVI (Motivation zur Teilnahme an gemeinsamen Zielen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVII (Habt Mut zu einer offenen Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVIII (Meine Wünsche an die SPD)

