Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil III (Effekt durch Steigerung der Kaufkraft?)
Geschrieben von Thomas Reis - 09/05/2009
Die Erwerbsarbeit scheint seit Beginn des letzten Drittels des zwanzigsten Jahrhunderts immer weniger geeignet zu sein, den Lebensunterhalt der Menschen zu sichern. Jedenfalls sehen wir spätestens seit dieser Zeit, wie immer mehr Menschen von Arbeitslosigkeit, besser Erwerbsarbeitslosigkeit betroffen sind. Ich versuche daher, den Mechanismus, den ich am Ende des zweiten Teils beschrieben habe, näher zu betrachten. Dabei gehe ich von den Bedingungen einer Marktwirtschaft aus.
Rentabilität von Arbeitsplätzen
Der Mechanismus funktioniert umso eher, je mehr Gewinn ein Arbeitgeber daraus ziehen kann, einen anderen gegen Arbeitsentgelt zu beschäftigen. Es geht um die Rentabilität von Arbeitsplätzen. Diese Rentabilität ist abhängig von der Nachfrage nach Produkten (Waren und Dienstleistungen), die mit Hilfe von Arbeit erzeugt oder gewonnen werden, zu einem Preis, der die Produktionskosten möglichst weit übersteigt. Um das zu erreichen, kann man zwei Dinge beeinflussen: Den Preis zu dem ein Produkt angeboten wird und die Zahl der Menschen, die sowohl ein Bedürfnis nach einem Produkt als auch die Möglichkeit haben, dieses Bedürfnis zu befriedigen.
Steigerung der Kaufkraft
Der Erfolg der sozialen Marktwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg hängt meiner Meinung nach auch damit zusammen, dass es gelungen ist, die Menschen finanziell in die Lage zu versetzen, ihren Bedarf an Waren des täglichen Bedarfs zu decken. Arbeit war nach den Zerstörungen durch den Krieg im Übermaß vorhanden und die westlichen Siegermächte haben der Versuchung widerstanden, das besiegte Deutschland auch wirtschaftlich zu zerstören (Stimmen, die dies forderten, gab es ja). Statt dessen wurde aktiv der Wiederaufbau unterstützt. In dieser Situation konnte die Erwerbsarbeit tragende Grundlage für die Sicherung des Lebensunterhalts fast aller Menschen sein. Die Löhne stiegen und mit ihnen die Nachfrage nach Produkten, was die Wirtschaft wachsen ließ, die wiederum weiteren Bedarf an Arbeitskräften hatte. Der Mechanismus funktionierte und Erwerbsarbeit konnte sogar die Grundlage nicht nur für die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschen, sondern auch für ein solidarisches System von Sozialversicherungen sein, das weltweit zum Vorbild wurde.
Effekt auf die Kosten
Dieser Effekt steigender Löhne wird allerdings von einem anderen Effekt konterkariert: Steigende Löhne führen bei ansonsten gleichen Bedingungen auch zu steigenden Produktionskosten, da die Erwerbsarbeit ja für den Arbeitgeber teurer wird, deren Kosten einen wichtigen Teil der Produktionskosten ausmachen. Das führt entweder direkt zu sinkenden Gewinnen oder zu höheren Preisen. Höhere Preise führen aber in der Regel zu einer geringeren Nachfrage nach Produkten und damit ebenfalls zu sinkenden Gewinnen. Dies aber führt tendenziell zu weniger Beschäftigung. Höhere Löhne entfalten einen positiven Effekt also nur dann, wenn entweder das Bedürfnis der Menschen nach den erzeugten Produkten so groß ist, dass sie auch bereit sind höhere Preise zu zahlen oder wenn andere Bestandteile der Produktionskosten sinken, etwa indem durch verbesserte Werkzeuge und Produktionsabläufe mit gleich bleibendem Arbeitseinsatz mehr Produkte hergestellt werden können.
Grenzen des Wachstums
Auch im Fall der zuletzt genannten Alternative muss freilich ein Bedürfnis nach den zusätzlich hergestellten Produkten bestehen. Um auf diese Weise den Mechanismus, die Existenz der Menschen auf der Grundlage der Erwerbsarbeit zu sichern, aufrecht erhalten zu können, ist man also darauf angewiesen, immer neue Bedürfnisse nach neuen Produkten zu wecken. Die Grenzen dieses Ansatzes werden in Zeiten steigenden Umweltbewusstseins mehr und mehr deutlich. Vor allem wenn man voraussetzt, dass nicht nur die Menschen in den Industriestaaten ein Recht auf gute Lebensverhältnisse haben, werden wir uns Gedanken machen müssen, wie das vernünftiger funktionieren kann. Diese Frage verdient allerdings ein eigenes Blogpost. Für den Moment möchte ich mich damit begnügen festzustellen, dass steigende Löhne nicht in jedem Fall den Mechanismus aufrecht erhalten können.
Als nächstes möchte ich skizzieren, wie es mit dem Einfluss der Preise auf die Nachfrage steht. Was meint Ihr?
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil I (Arbeit oder Erwerbsarbeit?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil II (entgegengesetzte Interessen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil III (Effekt durch Steigerung der Kaufkraft?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VII (Erwerbsarbeit als Verteilungsmaßstab?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VIII (Gegenthese: demographische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IX (Gegenthese: Verlagerung der Kaufkraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil X (Lösungsansatz Agenda 2010: Einleitung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XI (Lösungsansatz Agenda 2010: Situation vor Einführung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XII (Lösungsansatz Agenda 2010: sozialdemokratisches Dilemma)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIII (Exkurs: Sind ungleiche Einkommen gerecht?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV a (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV b (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVI (Annäherung an eine Lösung: Beschreibung der Aufgabe)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Sinn und Verlässlichkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVIII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Jedermanns Vorteil)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Gemeinschaftsorientierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Nutzen und Nachhaltigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXII (Erstes Fazit und Grundlagen der weiteren Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIII (Ein sozial gerechtes, gemeinwohlorientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVa (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXV (Grundlagen für konkrete Überlegungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXII (Der Wert menschlicher Tätigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIII (Notwendige Änderung des Verteilungsmaßstabs)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVI (Motivation zur Teilnahme an gemeinsamen Zielen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVII (Habt Mut zu einer offenen Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVIII (Meine Wünsche an die SPD)

