Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil I (Arbeit oder Erwerbsarbeit?)
Geschrieben von Thomas Reis - 09/04/2009
In einer Reaktion auf mein Post “Demokratie und Rechtsstaatlichkeit” stellte Gerd die Frage, wie ich mir eine Lösung für das Problem der Arbeitslosigkeit vorstelle. Nun, ich finde nicht, dass wir auf jemanden warten sollten, der behauptet, hierfür DIE Lösung zu haben. Noch viel weniger sollten wir jemandem Vertrauen schenken, der uns mit “einfachen” Maßnahmen beglücken möchte.
Präzisierung der Fragestellung
Ich bin der Überzeugung, das Problem der Arbeitslosigkeit kann nicht auf einem einfachen Weg gelöst werden. Im Gegenteil glaube ich, dass wir uns noch nicht einmal genau darüber bewusst sind, warum es für uns ein Problem ist, Arbeit nicht zu haben. Es wäre daher hilfreich, zunächst einmal darüber zu diskutieren, warum Arbeit für uns wichtig ist und wie es kommen kann, dass Menschen keine Arbeit haben, obwohl um uns herum jede Menge zu tun ist. Möglicherweise müssen wir uns dann Gedanken darüber machen, einige Dinge grundlegend zu verändern. Derartige Veränderungen – sollten sie denn notwendig sein – bedürften dann allerdings einer wesentlich breiteren gesellschaftlichen Diskussion, als sie hier möglich ist, um für sie eine demokratische Legitimierung zu finden. Für mich wäre es schon ein Riesenerfolg, wenn es gelänge, dieser facettenreichen Diskussion ein Mosaiksteinchen hinzuzufügen, das dem Anliegen der sozialen Gerechtigkeit hinreichend Platz verschafft.
Warum wir keine Arbeit auf keinen Fall möchten
Es ist ja erst einmal überraschend, wenn wir Arbeit als ein Gut betrachten, vielleicht sogar als eines der höchsten Güter. Das war auch beileibe nicht immer so (eine brilliante Abhandlung über die sich wandelnde Bewertung der Arbeit als einer Tätigkeit des Menschen findet sich in “Vita activa” von Hannah Arendt, woran ich mich im folgenden grob orientiere). Vor Beginn des Industriezeitalters war Arbeit die täglich wiederkehrende Tätigkeit, die notwendig war, um die Lebensfunktionen eines jeden zu erhalten und den direkten Lebensraum zu erhalten. Eine solche Tätigkeit war unangenehm und wenig anspruchsvoll und sie war hauptsächlich von niederen Bediensteten oder gar Sklaven zu verrichten, die in der Regel noch nicht einmal eine eigenständige Existenz hatten. Wer keine Arbeit zu verrichten hatte, dem ging es gut, denn der gehörte im allgemeinen einer vermögenden und herrschenden Klasse an.
Veränderte Bedeutung von Arbeit
Unsere heutige Wertschätzung der Arbeit ist grob gesagt vor dem Hintergrund zu verstehen, dass infolge der Aufklärung jedem Menschen eine eigenständige Existenz zugestanden wird. Dies stellt eine große Errungenschaft dar, und es ist das Bestreben jedes Menschen, seine eigenständige Existenz aus eigener Kraft zu erhalten. Dabei geschieht die Selbsterhaltung weniger als in früheren Zeiten durch eigenhändige Tätigkeit sondern stärker durch bezahlte Dienstleistungen (man denke nur an die Produktion von Kleidung oder Nahrungsmitteln). Außerdem hat sich der Begriff der Arbeit inhaltlich erweitert und umfasst in Zeiten der industriellen Produktion auch das Herstellen von Dingen, das vormals eine gesonderte Bedeutung hatte.
Was ich hier nur andeuten kann ist dies: Arbeit ist für den Einzelnen zu dem wichtigsten Mittel geworden, eine eigenständige Existenz zu sichern. Dazu muss Arbeit allerdings eine unverzichtbare Eigenschaft haben, sie muss dem, der sie ausübt einen finanziellen Nutzen bringen. Was wir wollen, ist nicht einfach nur Arbeit, sondern Erwerbsarbeit, egal ob sie als abhängige Beschäftigung oder als selbständige bzw. freiberufliche Tätigkeit ausgeübt wird. Das mag jetzt zunächst banal klingen. Es ist aber aus meiner Sicht wichtig, sich das bewusst zu machen, wenn man über das Problem der Arbeitslosigkeit weiter nachdenkt.
Anmerkung: Um die Posts zum Thema nicht noch länger als dieses werden zu lassen und um die Diskussion zu den einzelnen Aspekten zu erleichtern, möchte ich Teil I meiner Gedanken zum Problem der Arbeitslosigkeit hier beenden. Ich hoffe, weitere Teile möglichst bald hier zur Diskussion stellen zu können.
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil I (Arbeit oder Erwerbsarbeit?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil II (entgegengesetzte Interessen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil III (Effekt durch Steigerung der Kaufkraft?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IV (Effekt durch sinkende Lohnkosten?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil V (Wohlstand durch Industrialisierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VI (Verdrängung menschlicher Arbeitskraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VII (Erwerbsarbeit als Verteilungsmaßstab?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil VIII (Gegenthese: demographische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil IX (Gegenthese: Verlagerung der Kaufkraft)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil X (Lösungsansatz Agenda 2010: Einleitung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XI (Lösungsansatz Agenda 2010: Situation vor Einführung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XII (Lösungsansatz Agenda 2010: sozialdemokratisches Dilemma)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIII (Exkurs: Sind ungleiche Einkommen gerecht?)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV a (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIV b (Lösungsansatz Agenda 2010: Frage der Rechtfertigung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XV (Annäherung an eine Lösung: Das System der Erwerbsarbeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVI (Annäherung an eine Lösung: Beschreibung der Aufgabe)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Sinn und Verlässlichkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XVIII (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Jedermanns Vorteil)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XIX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Gemeinschaftsorientierung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XX (Eigenschaften des Systems der Erwerbsarbeit: Nutzen und Nachhaltigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXI (Zusätzlich zu berücksichtigen: Das Zusammenwachsen unserer Welt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXII (Erstes Fazit und Grundlagen der weiteren Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIII (Ein sozial gerechtes, gemeinwohlorientiertes Wirtschafts- und Sozialsystem)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVa (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIVb (Keine Lösung: Sozialstaat weiter zurückdrängen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXV (Grundlagen für konkrete Überlegungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVI (Das Verschwinden der Arbeit, wie wir sie kennen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVII (Veränderungen des tätigen Lebens)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXVIII (Künftige politische und Ökonomische Entwicklung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXIX (Erweiterung des Blickwinkels)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXX (Vorrang für elementare Bedürfnisse zu Gunsten aller Menschen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXI (Neue Wege zum Lebensunterhalt)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXII (Der Wert menschlicher Tätigkeit)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIII (Notwendige Änderung des Verteilungsmaßstabs)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXIV (Gesellschaftliche Stabilität unter veränderten Bedingungen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXV (konkrete Ansätze zur Lösung)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVI (Motivation zur Teilnahme an gemeinsamen Zielen)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVII (Habt Mut zu einer offenen Diskussion)
- Das Problem der Arbeitslosigkeit Teil XXXVIII (Meine Wünsche an die SPD)


wasserscheide » Ein Sozialdemokrat zu “Das Problem der Arbeitslosigkeit” sagte
[...] Reis – ausgehend von diesem Artikel – in mittlerweile 25 Artikeln seine Gedanken zum Problem Arbeitslosigkeit auf. Lesens- und überlegenswert. Schubladen: Freiheit, Parteien, Wirtschaft / [...]
Thomas Reis sagte
Vielen Dank für das Lob! Das gibt mir den Schwung, meine Gedanken weiterzuführen.